13.07.2002 · “Ein historischer Moment": Kanzler Schröder und Kandidat Stoiber haben sich zum ersten Rededuell getroffen. Was dabei herauskam? Eine Luftnummer. Wie vor 200 Jahren.
Von Kathrin HaasisAls Premierminister Wellington 1829 vorgeworfen wurde, er versuche, England katholisch zu beeinflussen und in Abhängigkeit der römischen Kirche und der Papisten zu bringen, da verlangte er die Genugtuung, “die ein Gentleman verlangen zu habe und die ein Gentleman niemals verweigere". Auf einem einsamen Feld stellte sich der 60-Jährige seinem Gegner, Lord Winchelsea. Niemand hatte die geringste Ahnung, was an diesem Morgen vor sich ging. Wellington schoss auf Winchelseas Beine, ohne zu treffen. Der andere zielte in die Luft. Der Premierminister fuhr danach in seinen Klub und der Lord war erleichtert: “Ich habe schreckliche Angst gehabt, den Sieger von Waterloo zu töten", soll er gesagt haben.
173 Jahre später “ballt der Himmel über Berlin seine grauen Fäuste und das Zwielicht der Dämmerung leuchtet", dichtet dramatisch eine Zeitung in Großbuchstaben. Es ist wieder so weit: Mitten in der Hauptstadt treffen sich ein Staatschef und sein Herausforderer zum Duell. “Ein historischer Moment", befindet das Blatt aufgeregt. In “Panzer-BMW" und “Panzer-Mercedes" fahren die Battanten vor.
“Packen wir's", sagt der eine mit einem rollenden R.
“Es wird ein Duell mit Florett nicht mit Säbeln ...", kontert der andere mit scharfem S.
Die Sekundanten liefern Munition
Was er damit sagen will, ist nicht ganz klar: Beides sind Stoßwaffen, die eine gerade, die andere gekrümmt. Es ist aber auch egal. Hier wird mit Worten gekämpft, eineinhalb Stunden lang. Sollte das Redegemetzel ins Stocken geraten, dann stehen die Sekundanten, die Bild-Bosse Kai Diekmann und Claus Strunz, mit neuer Munition bereit. Nur eine Uhr bestimmt, wann es genug ist - nach jeweils einer Minute blinkt sie gelb. Ein Duell unter Ehrenmännern hat fair zu sein.
Drei Tage später steht die Nation im Morgengrauen am Kiosk. Welcher Zweikämpfer ist der Stärkere, um die Geschicke der Nation zu leiten? Und sie blickt auf 1000 Bilder und zehn Zeitungsseiten. Sie sieht eine Bibliothek mit “Pinien-Täfelung", in der sich der Kanzler juckt und der Kandidat an der Kaffeetasse nippt, sie liest, dass der eine sein Kinn im linken Handballen aufstützt und dass der andere "richtige, schmerzliche und lange Sätze" spricht. “Puh", sagt sich die Nation, “der eine hat also nachgedacht und der andere beherrscht endlich die Grammatik".
"Immerhin: Ich bin Kanzler."
Dann liest die Nation. Dass Edmund Stoiber findet, Gerhard Schröder sei “ein bisschen ein Schauspieler". “Immerhin: Ich bin Kanzler", sagt der. Beides bestimmt unter einer Minute. Danach ist zu erfahren, dass der Kanzler den Kandidaten für einen Streber hält, und der Kandidat den Kanzler für einen Dampfplauderer. Huch, denkt sich da so manches Individuum, so habe ich in der Grundschule auch immer geredet. Männer des Volkes offenbar, sie wetzen noch die Waffen.
Stoiber setzt endlich an, zielt und das Wahlversprechen des Kanzlers mit den Arbeitslosen kommt wie aus der Kanone geschossen. Nicht eingehalten, schimpft der Stoiber, die Weltwirtschaft, sagt der Schröder, und “Sie haben die Zahlen nicht richtig im Kopf, Herr Stoiber." Zumindest will er selber keine geben, ist vom bayerischen Ministerpräsidenten zu erfahren. Und irgendwann, das gelbe Licht hat bestimmt schon fleißig geblinkt, da verheddern sich die Kontrahenten in der Gewerbeertragssteuer, in dreimal unter 40, im Bundesrat, in unbezahlbaren Wahlversprechen, in der Schuld und der Verantwortung. Die Wortknäuel sausen durch die pinienbetäfelte Bibliothek.
Wie ist es richtig?
“Ich sag's Ihnen jetzt, wie's richtig ist..."
“Nein. Nein. Das ist nicht richtig."
“Herr Bundeskanzler, Sie reden die Unwahrheit!"
“Ich rede nie die Unwahrheit ...."
Am Ende ist es wie damals auf dem englischen Acker. Eine Luftnummer, beide Gegner sind Meister des Ungefähren nur leider hat es das ganze Volk mitbekommen. Auch vor zwei Jahrhunderten, als Duelle noch mit Pistolen ausgetragen wurden, war es nicht die Regel, dass einer der Kämpfer getroffen zu Boden sank. Nicht nur die Pistolen waren recht unzuverlässig, die Ehrenmänner waren meist damit zufrieden, sich der Herausforderung gestellt zu haben, und schossen dann bewusst aneinander vorbei.
“Denn beim letzten Verse stech' ich."
Nun sind es weniger als 80 Tage bis zur Wahl. Und die schlechte Nachricht ist: Es wird weitere Duelle geben, gedruckt und auf Film. Politiker können immer nachladen, ihre Wörterkammer ist prall gefüllt. Nähmen sie nächstes Mal doch nur den Säbel oder ein Florett zur Hand! Wie einst Cyrano von Bergerac mit der großen Nase und dem kantigen Gesicht, der es verstand, beim Fechten gleichzeitig zu dichten:
“Beichte schnell! Wo ist deine Übersicht? Deine Stimmenzahl zerbrech' ich: Staatsquote! Arbeitslose! Da hast du's, Wicht! Denn beim letzten Verse stech' ich."