„Ich möchte zunächst mal ins Bewusstsein bringen, da hat jemand Sprüche gemacht.“ So geht Edmund Stoiber seinen Kontrahenten an. So viel Ungefähres verspricht er für den Osten der Republik zu tun, dass er - zunächst mal - Gerhard Schröder madig macht. Den Bundeskanzler. Den Mann, der das Amt innehat, das der bayerisch-deutsche Kanzlerkandidat der Union nur allzu gerne übernehmen würde - natürlich in aller Bescheidenheit, allein der edlen Sache dienend.
Monatelang hatte er sich schließlich bitten lassen, obwohl es angeblich keinen schöneren Job gibt als den des bayerischen Ministerpräsidenten. Am Ende stach er die Konkurrentin aus dem eigenen Lager klar aus - nicht aus Eitelkeit, sondern nur, um der Union aus dem Tief zu helfen. „Ich habe noch niemals aus Machtgeilheit an irgendeinem Tor des Kanzleramts gerüttelt“, brüstete sich Stoiber deshalb beim Politischen Aschermittwoch in Passau. Und fügte vor Tausenden nicht ohne Pathos hinzu: „Was ich will? Ich will meinem Vaterland dienen.“ Machtgeil der eine, selbstlos der andere. Egoist gegen Altruist - es wäre zu schön, um wahr zu sein.
Vor lauter Machtgeilheit die inhaltliche Arbeit vernachlässigt?
Nur Stoiber könnte Stoiber relativieren. Zum Beispiel so: „Ich möchte zunächst mal ins Bewusstsein bringen, da hat jemand Sprüche gemacht.“ Aus dem Baukasten für den politischen Heimwerker stammt auch dieser Satz: „Es geht nicht nur um Show, sondern es muss ja auch noch um Fakten gehen.“ Stimmt, nur war es in Passau noch nicht so weit.
Bis zuletzt soll an Stoibers Rede geschraubt worden sein: Große Nervosität nach dem holprigen Fernseh-Start des Kandidaten. Aber wie schon beim offiziellen Wahlkampfauftakt in Frankfurt hatte Stoiber nicht viel Neues dazu zu sagen, was er denn im Falle eines Wahlsieges anders oder gar besser machen würde als Schröder. Sollte es sich rächen, dass der Bayer und die Brandenburgerin vor lauter, pardon, Machtgeilheit im lähmenden K-Fragen-Konflikt die inhaltliche Arbeit und die Auseinandersetzung mit dem Gegner sträflich vernachlässigt haben?
Im April erst sollen Grundzüge des Wahlprogramms der Union vorliegen, haben Strategen in Passau durchblicken lassen, ein paar Wochen später kommt ein 100-Tage-Programm, das schon wegen seines Namens wie ein Erste-Hilfe-Set für Deutschland wirkt - ohne Risiken und Nebenwirkungen. Nothelfer Stoiber will Arbeitsplätze bereithalten, „aber auch Familie, Heimat, Vaterland, damit wir wissen, wo wir hingehören“. Kann so einer machtgeil sein?
Rote-Socken-Kampagne vor der Wiedergeburt
Darf überhaupt der Herausforderer machtgeil sein, wenn er sich persönlich gegen den so gescholtenen Kanzler profilieren muss, ohne programmatisch vorbereitet zu sein? Kann überhaupt noch einer so sein wie Schröder, der sich ganz sicher sogar der PDS anbiedern würde, nur zum Erhalt geiler Macht? Hört sich an, als stehe Hintzes Rote-Socken-Kampagne vor der Wiedergeburt. „Wenn es um den Erhalt seiner Macht geht, ist Schröder jedes Mittel recht“, behauptet Stoiber, der schon wegen seiner Herkunft ganz anders sein muss. „CDU und CSU hätten locker Bundeskanzler Willy Brandt verhindern können, wenn wir mit der NPD paktiert hätten. So haben wir den Preis gezahlt, weil nicht Kurt-Georg Kiesinger Bundeskanzler wurde.“
"Politik ist nicht Show"
Opportunist der eine, edler Demokrat der andere, noch dazu mit klarem Blick auf seine Wurzeln und die deutsche Geschichte. Deshalb auch regt sich Stoiber gezielt und öffentlich und immer wieder so auf, weil Schröder die Jahre der Regierung Kohl als „trübe“ verunglimpft hat. Und deshalb polterte er in Passau: „Ich will nur dieser verdammten Geschichtsklitterung entgegentreten.“ Schröder als Kanzler der Beliebigkeit darzustellen („hier stehe ich und kann auch anders“), das könnte noch verfangen. Machtgeilheit nicht: Die PDS hat sich von eigenen Anhängern schon so beschimpfen lassen müssen, weil sie in der rot-roten Zusammenarbeit in Sachsen-Anhalt manche Kröte schluckt; die Grünen im Bundestag, spätestens als sie dem Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan zustimmten, die hessische FDP in Person ihrer Landesvorsitzenden und Wissenschaftsministerin Wagner, weil sie an der Koalition mit Roland Koch festhielt, als der mitten in der Spendenaffäre stand. Und Koch sowieso.
Machtgeilheit ist also kein Unterscheidungsmerkmal, wenn Stoiber sich selbst ernst nimmt: „Politik ist nicht Show, Politik ist harte Knochenarbeit. Daran möchte ich mich messen lassen.“ Man könnte auch sagen: Da hat jemand Sprüche gemacht.