Als „Urkatastrophe“ des 20. Jahrhunderts haben Historiker den Ersten Weltkrieg bezeichnet. Mit dem „Hineinschlittern“ in den Krieg von 1914/18 ging das „lange 19. Jahrhundert“, das praktisch mit der Französischen Revolution seinen Ausgang nahm, zu Ende.
Auch der schreckliche 11. September 2001 wurde sogleich als Zeitenwende wahrgenommen. Besteht auch nach dieser „Urkatastrophe“ des 21. Jahrhunderts die Gefahr des „Hineinschlitterns“ in einen Krieg?
„September-Krise“
In der gegenwärtigen Lage gibt es zumindest eine Reihe vergleichbarer Momente, ähnlicher Ansätze, die an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs erinnern, wenngleich die Grundkonstellation der Staaten und Mächte heute, in der „September-Krise“, eine ganz andere ist als in der so genannten „Juli-Krise“ 1914.
Als Gewährsmann für die These vom Hineinschlittern in den Ersten Weltkrieg gilt der britische Schatzkanzler bei Kriegsausbruch, David Lloyd George, der später in seinen Memoiren schrieb: „Die Nationen schlitterten über den Rand, hinein in den brodelnden Hexenkessel des Krieges ohne eine Spur von Verständnis oder Bestürzung.“
Attentat als Auslöser
Wer nach den Terrorattacken von New York und Washington auf die hochexplosive Lage in der moslemischen Welt rund um Afghanistan schaut, wo der mutmaßliche Drahtzieher der Anschläge, Usama bin Ladin, vermutet wird, kann sich ebenfalls wohl kaum des Gefühls erwehren, er blicke in einen brodelnden Hexenkessel.
Damals wie heute wurde die nachfolgende Krise durch ein terroristisches Attentat ausgelöst. Am 28. Juni 1914 ermordete der serbische Nationalist Gavrilo Princip in Sarajewo den Thronfolger der Donaumonarchie, Franz Ferdinand, und dessen Frau. Gedeckt durch die uneingeschränkte Solidarität Deutschlands erklärte Österreich-Ungarn am 28. Juli 1914 Serbien den Krieg. Ein Automatismus militärischer Bündnisverpflichtungen trieb die Welt in den Krieg - von dem übrigens niemand annahm, dass er lange dauern werde. Es galt auch, alte Rechnungen zu begleichen (was ist in diesem Zusammenhang mit der angeblichen Irak-Spur der Amerikaner, bei denen es nun auch eine Debatte über alle möglichen Angriffsziele gibt?).
Bündnisverpflichtungen, Burgfrieden
Ein wesentliches Moment der „Juli-Krise“ war die Bekräftigung der deutschen Bündnistreue Anfang Juli 1914 gegenüber Österreich-Ungarn. Die Nato hat den Vereinigten Staaten zwar keinen „Blankoscheck“ ausgestellt. Sie hat aber noch bevor Beweise vorgelegt wurden, erstmals in ihrer Geschichte den Bündnisfall festgestellt, wenn auch noch nicht ausgerufen. Insofern sind die Aufrufe von Seiten der französischen Führung und von deutschen Politkern zur Besonnenheit und zu einem angemessenen Gegenschlag von nicht zu unterschätzender Bedeutung.
Trotzdem: Die Erinnerung an die Worte Kaiser Wilhelms II. an den Burgfrieden vom August 1914 blieb nicht aus, als auch der Bundestag am 19. September praktisch „keine Partei“ (Wilhelm II.), sondern nur noch „deutsche Verantwortung“ kannte. (FDP-Parteivorsitzender Guido Westerwelle). Ohne die amerikanischen Pläne für einen Gegenschlag zu kennen, bekundete das deutsche Parlament mit der überwältigenden Mehrheit von 565 Abgeordneten „uneingeschränkte Solidarität mit den Vereinigten Staaten“. In der Entschließung heißt es: „Dazu zählen politische und wirtschaftliche Unterstützung sowie die Bereitstellung geeigneter militärischer Fähigkeiten zur Bekämpfung des internationalen Terrorismus.“
„Krieg der Illusionen“
Von einem „Krieg der Illusionen“ hat der Historiker Fritz Fischer mit Blick auf die Ereignisse 1914/18 gesprochen. Fischer warf mit seinem Buch „Griff nach der Weltmacht“ in den 60er Jahren die Frage der deutschen Kriegsschuld auf. Die Vereinigten Staaten, so viel ist klar, müssen nicht nach der Weltmacht greifen. Sie sind die einzige verbliebene Weltmacht - vor allem angesichts ihres wirtschaftlichen und auch militärischen Potenzials (mit 4,5 Prozent der Weltbevölkerung haben sie einen Anteil von 30 Prozent am globalen Bruttosozialprodukt und einen Anteil von 36 Prozent der jährlichen Militärausgaben in der Welt). Aber könnte sich der „lange Feldzug“ (Präsident George W. Bush) gegen Terroristen und ihnen nahestehende Staaten nicht rasch als „Krieg der Illusionen“ erweisen.
Und befindet sich Deutschland demnächst an der Seite Washingtons im Krieg? „Wir befinden uns nicht im Krieg gegen einen anderen Staat“, sagte Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) in seiner Regierungserklärung. Einerseits. Andererseits: „Die Terroristen haben uns den Krieg erklärt.“ Also doch Krieg? Und diesen wollen die Amerikaner ausdrücklich auch gegen Staaten führen. Als „beruhigende Worte“ (“Bild“-Zeitung) des Kanzlers ist das kaum zu verstehen. Als einziger Abgeordneter der SPD stimmte Uwe Jens gegen die Resolution des Bundestages. Die Entschließung decke den „direkten Einsatz“ von Bundeswehrsoldaten in Afghanistan oder dem Irak. „Die Gefahr, dass wir - wie 1914 - in einen Weltkrieg „hineinschlittern“, ist im Bereich des Möglichen. Davor will ich warnen“, begründete der Bundestagsabgeordnete sein Nein.