Vor etwas mehr als zehn Jahren hießen sie noch Generation X. Douglas Couplands Buch über die verlorene Generation mit zu viel Fernsehen und zu wenig Arbeit erlangte Kultstatus. Im Wohlstand waren sie aufgewachsen und mussten als 20-Jährige feststellen, dass die Party bereits vorbei war. Die guten Arbeitsplätze waren weg und die materielle Sicherheit auch. Ausstieg blieb die einzige Lebensmöglichkeit, und Ausstieg hieß irgendein McJob mit wenig Prestige, wenig Nutzen und wenig Geld.
Ende der 80er Jahre mussten sich die Kids damit abfinden, niemals den Wohlstand ihrer Eltern zu erreichen, obwohl sie manchmal einen höheren Bildungsstatus hatten als ihre Erzeuger. Depressiv starrten sie auf ihr halbleeres Glas Scotch und rebellierten auf unauffällige Weise: Sie gingen nicht zur Wahl, sie legten keinen Wert auf Arbeit oder Karriere. Denn, wie Coupland über die jungen Narzissten schrieb, lohnte es sich nicht, „einer Tätigkeit nachzugehen, es sei denn, man wird durch sie berühmt“.
In 90 Sekunden um die Welt
Zehn Jahre später, mitten im Boom von Internet und neuem Markt, meinte der Hamburger Freizeitforscher Horst Opaschowski eine neues Phänomen entdeckt zu haben: die Generation @, „die in 90 Sekunden um die Welt surft, in allen Lebenslagen telefoniert, ständig unter Strom steht und den Mitmenschen nicht selten auf die Nerven geht“. Rastlos lebten die 14- bis 29-Jährigen nach der Erlebnisformel „Leben minus Langeweile“ in ständiger Angst, etwas zu verpassen, schrieb Opaschowski 1999. Dennoch: „Konsum statt Kind“ werde von der Generation @ nicht mehr ungefragt übernommen, stellte der Freizeitforscher überraschend fest.
„Aufstieg statt Ausstieg“
Heute stehen die jungen Menschen an der Bar mit ihren gepiercten Bauchnäbeln und den Tattoos auf den Schultern, wippen zu Techno-Musik mit den Hüften und tragen ihr Tommy-Hilfiger-Outfit zur Schau. Der Wertecocktail, den sie sich bei dieser Gelegenheit zusammenmixen macht nüchtern. „Aufstieg statt Ausstieg“ heißt dieses hippe Getränk der 12- bis 25-Jährigen, weiß die jüngste Shell-Studie. Davon wird man nicht besoffen, davon behält man einen klaren Kopf.
Die wichtigsten Zutaten: Partnerschaft, Freundschaft und Familienleben sowie Leistungs- und Machtstreben. Fleiß, Ordnung, Treue, Ehrgeiz und Sicherheit füllen ihre Gläser bis zum Rand, Kreativität und Toleranz geben dem Drink einen modischen Touch. Drei Viertel der Jugendlichen wollen Kinder haben, weil sie die Familie als Grundlage ihres Glücks sehen. Noch erstaunlicher: Fast genau so viele wollen es in der Erziehung ihren Eltern gleich tun. Rebellion gegen die Alten?
Iwo.
Lacht da jemand?
Beinahe alle der befragten 2500 Jugendlichen verstehen sich mit ihren Erziehungsberechtigten gut. Der einzige Wermutstropfen: Gerade mal ein Drittel bezeichnen sich als politsch interessiert und würden zur Wahl gehen.
Von wegen orientierungslose Spaßgeneration: Die Jungs und Mädels scheinen im gutbürgerlichen Spirituosenschrank ihrer Großeltern gestöbert zu haben. Auch die im Krieg geborenen Kinder blickten aus einer nicht ganz so rosigen Gegenwart optimistisch in die Zukunft und tanzten später unbekümmert zu „lustigen Schlagern und Volksliedern“, wollten unbedingt „toll aussehen“ und sahen den Inbegriff von Freiheit in einem „Motorfahrzeug“ verkörpert. Das ist 50 Jahre her. Schon damals gab es Shell-Studien.
Lacht da jemand aus den älteren Semestern, runzelt da einer die Stirn? Oder zerrt gar jemand die 68er an ihren einstmals langen Haaren herbei? Die haben sich ihre alten Zöpfe doch auch längst abgeschnitten und sind da angekommen, wo die heutige Jugend ohne Umwege gelandet ist. Wahrscheinlich ist es einfach so: Die Jungen können es den Alten nie recht machen.