18.01.2002 · Lange musste Deutschland auf ein Wahlkampf-Duell wie in den USA warten. Doch was hierzulande zum Straßenfeger werden könnte, ist auf der anderen Seite des großen Teichs schon beinahe Nostalgie. Ein Wörter-See.
Von Susanne ScheererSechzehn Jahre lang immer wieder nein. Sechzehn Jahre lang verweigerte Helmut Kohl seinen Herausforderern von der SPD den persönlichen Schlagabtausch vor der Kamera. In diese Zeit fielen fünf Bundestagswahlen und fünf Kandidaten: Vogel, Rau, Lafontaine, Scharping, Schröder.
Sechzehn Jahre lang verschliss der Pfälzer einen Gegner nach dem anderen, ohne sich auch nur einmal zu duellieren. Nur bei dem letzten versagte die selbstauferlegte Enthaltsamkeit. Sechzehn Jahre lang gönnte „der Dicke“ dem deutschen Publikum nicht das, was in Amerika zum Präsidentschafts-Wahlkampf gehört wie der Truthahn zu Thanks-Giving: das Fernsehduell.
Terminprobleme
Doch schließlich gehörten derlei Medienereignisse auch vor der Ära Kohl nicht zur politischen Routine deutscher Staatsmänner. Ganz gleich welchem Lager der Titelverteidiger angehörte: Der Herausforderer hatte es immer schwer, einen Termin zu bekommen.
Helmut Schmidt zum Beispiel, wegen seiner Schnoddrigkeit auch Schmidt-Schnauze genannt, hätte seinen damaligen Gegner nicht unbedingt fürchten müssen. Trotzdem zeigte der SPD-Kanzler dem CDU-Herausforderer die kalte Schulter und beschied dem Möchtegern-Kombattanten mit der für ihn typischen Herablassung: „Warum sollte ich mich mit ihm auf ein Fernsehduell zu zweit einlassen? Da würde ich ihn doch nur aufwerten.“ Das war 1976. Der Rivale hieß Helmut Kohl.
Das erste Duell war das letzte
Vier Jahre später wäre es beinah zu einer Zäsur in der politischen Kultur der Bundesrepublik gekommen: Schmidt akzeptierte ein Treffen im Fernsehstudio - zu viert: gegen ihn und seinen Vize Genscher trat neben Strauß auch Kohl an. Letzterer rügte Schmidt, der mehrmals versuchte, Kohl durch Unterbrechungen den Schneid abzukaufen: „Benehmen sie sich wie es einem Bundeskanzler zukommt.“ Doch war dieses Kanzler-Duell zugleich das letzte. Immerhin hatte es drei Stunden gedauert.
Noch ein Versuch
Als Gerhard Schröder 1998 bei Kohl an die Tür klopfte, erwartete den einsamen Gewinner der niedersächsischen Landtagswahl die immer gleiche Antwort. Der Kanzler blieb stur. Er werde dafür nicht zur Verfügung stehen, hieß es. Schröder gehe es um eine „Personality-Show“ nach amerikanischem Vorbild, der Union jedoch um eine sachliche Auseinandersetzung.
Vier Duelle hintereinander
Jenseits des Atlantiks hatten die Menschen zu dieser Zeit seit beinah vier Jahrzehnten Erfahrung mit Wählermobilisierung via Mattscheibe. 1960 duellierten sich Präsident Nixon und sein demokratischer Herausforderer Senator John F. Kennedy gleich vier Mal im Fernsehen. Zu einem fünften Treffen kam es nicht, trotz des wochenlangen Drängens des ehrgeizigen Demokraten, den seine Berater bei Duell Nummer zwei zwingen mussten, ein telegenes blaues Hemd anzuziehen.
40 Jahre danach treffen sich amerikanische Präsidentschafts-Kandidaten längst nicht mehr bloß in neutraler Umgebung: Das Duell im Salon wird immer häufiger zu einer Blödelei von Amateuren. So trafen sich George W. Bush und sein Kontrahent Al Gore zwei Tage vor der Wahl bei „Saturday Night Live“, einer satirischen Institution im amerikanischen Fernsehen. Amerikanische Jungwähler, haben Umfragen gezeigt, interessieren sich nicht für Argumente, sondern für möglichst viele Witze.
Treffen bei Harald
Und die deutsche Spaßgesellschaft? Wollen Schröder und Stoiber mit ihren politischen Botschaften auch den Nachwuchs erreichen, wird ein Duell im öffentlich-rechtlichen Fernsehen wenig zur Mobilisierung jener beitragen. Schon jetzt schielen die Privaten eifersüchtig auf die Konkurrenz und machen sich anheischig, das zweite Treffen bei sich auszutragen. Ein Pendant zur amerikanischen Late Night Show hat immerhin Sat1 zu bieten: Bei Harald Schmidt würde die Selbstironie der beiden Rivalen auf eine harte Probe gestellt: Wo Treffsicherheit verpufft, zählt die Fähigkeit, über den eigenen Fehlschuss zu spotten.