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Wladyslaw Bartoszewski Ein Kämpfer mit neuem Feindbild

02.03.2009 ·  Unter Hitler und Stalin hat sich Wladyslaw Bartoszewski immer die größten Gegner gesucht. Jetzt, in seinem 87. Lebensjahr, hat der Pole mit der vipernschnellen Zunge und der gewaltigen Willenskraft wieder einen Feind gefunden: Eine Frau - Erika Steinbach.

Von Konrad Schuller, Warschau
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Wladyslaw Bartoszewski hat sich immer die größten Gegner gesucht. Hitlers Drittes Reich schickte ihn nach Auschwitz, was ihn nicht daran hinderte, im Untergrund Juden zu retten. Stalins Vollstrecker steckten ihn ins Gefängnis, und zum dritten Mal holten sie ihn ab, als General Jaruzelski die „Solidarnosc“ zerschlug.

Jetzt, in seinem 87. Lebensjahr, hat der Alte mit der vipernschnellen Zunge und der gewaltigen Willenskraft wieder einen Feind gefunden - und mancher mag mit leiser Melancholie an die Zeit zurückdenken, in welcher die Kampfbereitschaft dieses Mannes, seine Gabe zum donnernden Zorn und zum beißenden Humor, noch Zielen galt, die seinem Maß entsprachen.

Die neue Feindin ist Erika Steinbach, die Präsidentin des Bundes der Vertriebenen (BdV). Mitte Februar hat Bartoszewski auf die von Angela Merkel übermittelte Nachricht, man werde sie nicht im Guten vom geplanten Berliner Vertriebenen-Zentrum fernhalten können, mit einem biblischen Donnerwetter reagiert. Eine „grobe Unanständigkeit“ wäre das, rief er in die Mikrophone - ganz so, als wolle der Papst den Holocaust-Leugner Williamson zu seinem Vertreter in Israel machen.

Als Außenminister ein Tabu gebrochen

Die Gründe dieses Wutausbruchs reichen zurück in die Jahre der Wende. Liberale polnische Intellektuelle waren damals überzeugt, um den Kommunismus zu überwinden, müsse man auch seine Propaganda entlarven. Der Mythos vom „deutschen Feind“ aber war eine der zentralen ideologischen Konstruktionen der Kommunisten gewesen. Versöhnung mit Deutschland galt damals als Befreiung von den Tabus der Diktatur, aber der Weg war riskant. Der Ausgleich verlangte, der schwer traumatisierten Nation klarzumachen, dass Polen im Verhältnis zu Deutschen nicht nur Opfer gewesen waren, sondern in den Jahren der Vertreibung auch Schuldige. Jeder, der darauf hinwies, musste damit rechnen, als Verräter an die Wand gestellt zu werden.

Bartoszewski ist das Risiko damals eingegangen. Als Außenminister hielt er 1995 im Bundestag eine Rede, die alle Tabus durchbrach: Unter Berufung auf den Essayisten Lipski stellte er fest, „das uns angetane Böse, auch das größte“, dürfe keine Rechtfertigung sein „für das Böse, das wir selbst anderen zugefügt haben; die Aussiedlung der Menschen aus ihrer Heimat kann bestenfalls ein kleineres Übel sein, niemals eine gute Tat“. Bartoszewski hat damals eine Bresche geschlagen. In den Jahren danach erschienen in Polen eine Reihe wichtiger Bücher über die eigene Verantwortung im Zusammenhang der Vertreibung.

Steinbach löste vor zehn Jahren deutsch-polnische Krise aus

1998 übernahm dann Erika Steinbach die Führung im Bund der Vertriebenen. Aus der Sicht von Bartoszewskis Freunden sprach schon damals vieles gegen sie. Anfang der neunziger Jahre hatte sie gegen die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze gestimmt, und nun verlangte sie, Polen aus der EU fernzuhalten, wenn das Land die Entschädigungsforderungen der Vertriebenen nicht erfülle. Von dem atemberaubenden Prozess der Selbsterforschung, der damals in Warschau unter hohem Risiko vorangetrieben wurde, schien sie nichts bemerkt zu haben.

Es ist damals zu einer veritablen deutsch-polnischen Krise gekommen. Im Wahlkampf 1998 hatten CDU/CSU und FDP eine Entschließung des Bundestags durchgesetzt, die von Polen verlangte, die „legitimen Interessen“ der Vertriebenen zu beachten. Was diese Interessen wären, sagte in der Debatte die Abgeordnete Steinbach: Entschädigung für das Vermögen der Vertriebenen. Später regte sie an, zur Fernhaltung „uneinsichtiger Kandidaten“ von Europa nicht „Kampfflugzeuge“ einzusetzen, sondern „ein schlichtes Veto“.

Bartoszewskis Politik lag in Trümmern. Nach all den Bekenntnissen zu polnischer Verantwortung hatte er keine Versöhnung erreicht, sondern nur Regressforderungen Vorschub geleistet. Die Stimmung in Polen erfuhr einen jähen Klimasturz, der Sejm antwortete dem Bundestag mit einer gepfefferten Gegenresolution ohne Gegenstimmen, und die „Öffner“ fühlten sich bloßgestellt als „nützliche Idioten“ und Einflussagenten der Deutschen.

Den Wandel Steinbachs ignoriert

Das Feindbild „Steinbach“ verfestigte sich und steigerte sich zur Panik, als die „Preußische Treuhand“, die mit dem Bund der Vertriebenen personell eng verflochten war, im Jahr 2004 ankündigte, die Forderungen der Vertriebenen nunmehr gerichtlich einzuklagen.

Die Angst vor diesen Forderungen machte die polnische Öffentlichkeit und allen voran Bartoszewski allerdings blind für eine andere Entwicklung, die damals, 2004, ebenfalls begann: den Wandel der Erika Steinbach. Die Vertriebenen-Präsidentin hatte damals im Zuge der Vorbereitungen für ihr Projekt eines „Zentrums gegen Vertreibungen“ das Geschichtsbild ihres Verbandes einer gründlichen Revision unterzogen.

Gegen den Widerstand der alten Garde definierte sie nunmehr die Vertreibung der Deutschen nicht mehr als autonomes Verbrechen der „Vertreiberstaaten“, sondern als eine Tragödie, die im Zusammenhang des deutschen Überfalls auf Polen auf eine deutsche Erstverantwortung zurückgeht. Als Zeichen dieser neuen Sicht organisierte sie im Juli 2004 eine Feier zum Gedenken an den Warschauer Aufstand in Berlin. Mit der „Treuhand“ kam es zum Bruch, als Frau Steinbach kurz darauf sämtliche Vermögensforderungen an Polen aufgab.

Bartoszewski hat Frau Steinbachs mutigen Schritt damals ignoriert. Ihre Empathie-Angebote wies er als „unappetitliches“ „Schickimicki“ zurück, und die polnische Öffentlichkeit folgte ihm. Es bleibt offen, warum der alte Mann damals die Augen verschloss. Seine Kritiker sagen, er habe sich einfach nicht getraut. Er habe angesichts der allgemeinen Panik vor der „Treuhand“ gewusst, dass die öffentliche Meinung in Polen jeden kreuzigen würde, der sich zusammen mit Frau Steinbach erwischen ließ. Seine Verteidiger wenden ein, man habe ihr die Wandlung einfach nicht geglaubt. Tatsache ist jedenfalls, dass die polnischen Deutschland-Freunde damals für Jahre die Flagge gestrichen haben - mit der Folge, dass 2005 in Warschau die rechtsnationalen Brüder Kaczynski an die Macht kamen.

Germanophobe Seilschaften entmachtet

Dieser Spuk ist mittlerweile vorbei. Die Regierung Tusk hat zu einem pragmatischen Verhältnis zu Deutschland zurückgefunden. Bartoszewski hat als enger Berater des Ministerpräsidenten, begleitet von ständigen Attacken der Rechten, die germanophoben Seilschaften entmachtet und eine Normalisierung eingeleitet.

Woher also der neue Ausbruch? Vieles kommt zusammen. Einerseits ist die neue Öffnung nur möglich gewesen, weil es Bartoszewski gelungen ist, den in Polen tödlichen Verdacht der Anbiederei an Deutschland abzuwehren. Dazu gehörte, dass er, während er einerseits Tür um Tür öffnete, stets bereit war, auf der anderen Seite vor den heimischen Kameras das Schwert gegen Frau Steinbach zu zücken, die „blonde Bestie“ der polnischen Albträume, die der polnische Medienkonsument nur in Stahlhelm und SS-Uniform kennt, ihren regelmäßigen Accessoires auf den Karikaturen der rechten Presse.

Neben diesem taktischen Zug mag Bartoszewskis demonstrative Feindschaft gegen die Vertriebenen-Präsidentin aber auch authentische Wurzeln haben. Seine Freunde sagen, man habe ihr nie abgenommen, dass sie die These von der deutschen „Erstverantwortung“ wirklich ernst meine, und verweisen dabei auf ein Interview aus dem Jahr 2006, als sie sagte, Hitler habe die Tore zum Exodus der Deutschen zwar „aufgestoßen“, aber das Ziel der Vertreibung sei schon vorher da gewesen, so dass man dann die Gelegenheit „beim Schopfe“ gepackt habe. Wladyslaw Bartoszewski also mag authentische Gründe empfinden für sein spätes Gefecht und daneben vielleicht auch ein paar taktische. Jedenfalls aber hat er schon ruhmreichere Kämpfe gekämpft in seinem langen Leben.

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Jahrgang 1961, politischer Korrespondent für Polen und die Ukraine mit Sitz in Warschau.

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