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Winnenden und die Medien Wir Voyeure

15.03.2009 ·  Vier Tage nach dem Amoklauf von Winnenden kommen die Menschen dort nicht zur Ruhe. Sie werden befragt, sie sollen das Unfassbare erklären. Denn die Öffentlichkeit will Antworten - und verurteilt gleichzeitig die Fragenden.

Von Philip Eppelsheim
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Wir laufen durch die Räume der Albertville-Realschule in Winnenden, wir sehen Menschen als schwarze Umrisse vor uns, Porträts erscheinen, Kreuze, Namen. Wir gehen weiter den Weg entlang, weitere Menschen, weitere Kreuze. Als die Polizei kommt, fliehen wir: in der Perspektive von Tim K., dem 17 Jahre alten Amokläufer. 15 Menschen tötete er, und nun können wir sehen, welchen Weg er vermutlich in der Schule gewählt hat. Das Internetportal der „Bild“ macht es möglich: „Die blutige Spur des Amokläufers“ – die Aufmachung erinnert an einen Ego-Shooter, nur die Waffe fehlt.

Auch die letzten Minuten des Amokläufers können wir miterleben. Ein verwackeltes, schemenhaftes Handyvideo zeigt, wie Tim K. vor dem VW-Autohaus in Wendlingen am Neckar herumläuft, schießt und schließlich tot am Boden liegt. Der Amoklauf ist zu einem Medien-Highlight geworden. Tim K. gehören seit Mittwoch die Schlagzeilen. Dabei reicht es nicht, nüchtern und sachlich die Fakten wiederzugeben, jedes noch so kleine vermeintliche Detail wird bestmöglich vermarktet, jedes Gerücht dankbar aufgegriffen.

„Kannten Sie Opfer?“

Die Albertville-Realschule in Winnenden ist seit der Tat belagert. Ein Heer von Kameras umgibt den Schulkomplex, unzählige Reporter sind unterwegs und haben selbst ihre Anreise als Nachricht verkauft. Die Fotografen und Kameramänner nehmen die Klassenzimmer ins Visier, hoffen am Mittwoch darauf, zumindest festhalten zu können, wie die Särge mit den Toten aus der Schule gebracht werden. Jedes Kind, jeder Jugendliche, jeder Erwachsene, der irgendetwas über den Amoklauf wissen könnte, wird ausgefragt. „Kannten Sie den Täter?“, „Kannten Sie Opfer?“, „Können Sie sich vorstellen, warum Tim K. so etwas getan hat?“, „Warst du in einer der Klassen, in die Tim K. gegangen ist?“ Und dankbar wird jede Antwort niedergeschrieben und ausgestrahlt. Ohne sie auch nur ansatzweise in Frage zu stellen. So sind am Mittwochabend Profile des Täters zu sehen, die am Donnerstag schon wieder überholt sind, von denen sich so gut wie nichts bewahrheitet hat.

Um was geht es bei diesem Medien-Highlight? Um das Erklären einer Tat, bei der in einiger Zeit wahrscheinlich wieder nur die Worte gelten können, die Johannes Rau nach dem Amoklauf in Erfurt sagte: „Wir sollten unsere Ratlosigkeit nicht zu überspielen versuchen mit scheinbar naheliegenden Erklärungen. Wir sollten uns eingestehen: Wir verstehen diese Tat nicht. Wir werden sie – letzten Endes – auch nie völlig erklären können.“ Oder geht es hier nur um einen Voyeurismus, die Befriedigung der Gier nach immer weiteren Details? Günstigstenfalls ist es eine Mischung aus beidem.

Das bringt gar nichts mehr

Als am Mittwochabend ein Trauergottesdienst in der Stadtkirche St. Karl Borromäus in Winnenden stattfindet, bietet sich ein ähnliches Bild wie vor der Schule. Das Klicken der Fotoapparate, das Zücken der Schreibblöcke, die Kameras auf der Schulter, das Mikrofon in der Hand. Schüler und Angehörige reagieren zum Teil mit Unverständnis auf die Reporter. Aggressiv fordern sie sie auf, zu verschwinden. Auch an dem Gymnasium, das neben der Albertville-Realschule liegt, wird deutlich gezeigt, was zumindest die Mehrheit der Schüler von der Pressehorde draußen vor ihrer Tür hält: „Keine Presse“, „Gegen Presse“. Doch die Journalisten sind auf der Suche nach denen, die reden. Auch wenn sie nur sagen: „Der Tim war ein unauffälliger Einzelgänger“ oder „Tim war ruhig und hatte viele Freunde“. Minuten später ist dann auf der jeweiligen Internetseite ebendiese „Erkenntnis“ als Schlagzeile zu lesen.

Reporter grasen den Wohnort von Tim K. ab, laufen von Tür zu Tür. Sie fahren zu der Firma seines Vaters, zu dem Schützenverein. Und je klischeehafter das Erzählte klingt, je grausiger, desto besser lässt sich die Geschichte vermarkten. „Augenzeuge Patrick S. überlebte das Unfassbare.“ Und die Journalisten, die zu spät kommen, stellen dann nur noch fest: „Hier ist alles abgegrast. Das bringt hier nichts mehr.“

„Ihr mit eurer Sensationsgier“

Nun ließe sich all das unter dem Motto der Informationspflicht verteidigen. Selbst ein Seelsorger vor der Schule sagt, solche Texte, Fotos und Filme gehörten nun einmal dazu und seien sogar wichtig, um das Unbegreifbare fassbar zu machen. Lediglich wenn man die Betroffenen überrumple, sei es verwerflich. Nur wann ist ein Betroffener, der sich in einem „schockgefrorenen Zustand“ befindet, überrumpelt? Eigentlich ist das dem Voyeur schließlich auch egal. Er will immer mehr sehen, immer mehr wissen, selbst wenn es nur Gerüchte sind. Also muss immer etwas Neues her. So soll es am Freitag Verhandlungen zahlreicher Medien mit dem Mann gegeben haben, den Tim K. kidnappte. 20.000 Euro könne seine Geschichte wert sein, heißt es.

Leicht fällt es dem Konsumenten, zu verurteilen, was er gerade wieder an neuen Details erfahren hat. Die Medien sollten umsichtiger sein, heißt es immer wieder. Wie könnten die Journalisten nur. Und schnell werden sie gar zu Schuldigen des Amoklaufs gemacht, die die Antwort auf das „Warum“ sind. Hätte Tim K. nicht gewusst, dass er nach seiner Tat zum Medienstar wird, er, der angeblich „Unauffällige“, über Tage hinweg alle Schlagzeilen bestimmen wird, dann hätte er womöglich gar nicht den Amoklauf begangen. So wäscht sich der rein, der gerade seinen Voyeurismus unter dem Deckmantel der Anteilnahme befriedigt hat – denn nicht zuletzt sind die Schlagzeilen schließlich auch gebunden an Nachfrage. Zwei Seiten stehen sich gegenüber. Die einen sagen: „Ihr wollt es doch“, die anderen sagen: „Ihr mit eurer Sensationsgier.“ Nicht wenige Journalisten fangen dann an, an dem zu zweifeln, was sie in den vergangenen Tagen getan haben. „Schaltet die Kameras aus!“, lautet ein Artikel auf der Internetseite des „Focus“, die „tageszeitung“ stellt fest: „Eine Stadt wird von Medien belagert“.

In der kommenden Woche wird Winnenden allmählich aus den Medien und aus dem öffentlichen Interesse verschwinden, und die Betroffenen werden dann zumindest weitestgehend in Ruhe trauern können. Und wir werden uns nach etwas Neuem umschauen müssen, das unseren Voyeurismus befriedigt.

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Jahrgang 1981, Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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