23.03.2009 · Nach dem Amoklauf in Winnenden muss auch gefragt werden, was mit einer Gesellschaft geschieht, die einer Informations- und Desinformationsflut ausgesetzt ist, in der sich wiederholt, was zum Amoklauf führte: die Verwischung der Grenze von Phantasie und Wirklichkeit.
Von Heike Schmoll, BerlinDer Amoklauf in Winnenden hat die finsterste Seite der menschlichen Phantasie durchbrechen lassen und uns die nahezu unbegrenzte Zerstörungskraft des Individuums gezeigt. Das Erschrecken darüber ist groß. Das Geschehene lenkt den Blick aber nicht nur auf die eigenen dunklen Phantasien. Es konfrontiert die Gesellschaft auch mit ihrer eigenen Ohnmacht, mit dem Eingeständnis, dass sich solche zerstörerisch-ekstatischen Ausbrüche aus der Welt der Phantasie in die Realität und das Leben anderer nicht verhindern lassen. Es führt ihr vor Augen, wie verletzlich ihr Zusammenleben ist.
Jeder, der Krimis gelesen oder gesehen hat, kennt ähnliche Szenen, auch wenn er noch nie am Ego-Shooter war. Es sind Darstellungen, die sich in der eigenen Bilderwelt finden. Bedrohlich werden diese Phantasien, die in jedem stecken und in der Regel gut verschlossen sind, erst dann, wenn sie sich Bahn brechen in die Realität. Wenn also aus der Fiktion Wirklichkeit wird und die Grenzen sich verschieben.
Empathischer Regungen kaum noch fähig
Videospiele begünstigen die Verwischung dieser Grenzen, aber das Phänomen an sich ist alt. Es zeigt sich schon in Cervantes Don Quixote — allerdings auf heitere Weise. Der Titelheld des Romans hat so viele Ritterromane gelesen, dass er die Windmühlen nicht mehr von den Helden unterscheiden kann, die er sich vorgestellt hat. Seine Imagination überflutet die Realität. Bisher war die literarische Fiktion die kulturelle Form, menschliche Phantasien unschädlich und konsumierbar zu machen. Sie war die vergleichsweise ungefährliche Projektionsfläche menschlicher Zerstörungswut.
Bei der elektronischen Variante der Videospiele, deren Reiz dadurch steigt, dass Kinder leicht an für ihr Alter nicht zugelassene gelangen, ist der Abstumpfungseffekt insofern größer, als der Benutzer nicht in der Rolle des Rezipienten bleibt, sondern in eine aktive gewalttätige Rolle schlüpft. Die Überschreitung der Grenze im fiktiven Raum wird so lange geübt, bis der Benutzer ohne inneren Halt kaum noch mit Stress reagiert, bis er abstumpft und sich selbst so konditioniert hat, dass er empathischer Regungen kaum noch fähig ist.
Erklärungsversuche ohne Detailkenntnis
Die Grenzen zwischen Fiktion und Realität sind in Winningen aber auch durch den sogenannten „Twitter-Journalismus“, Blogger im Internet und den Zwang zu immer schnellerer, immer exklusiverer Berichterstattung verwischt woren. Das Wesen des Twitter-Journalismus ist ja gerade, die Grenze zwischen Vermutungen, Verdacht, Gerücht und verifizierter, belastbarer, solide recherchierter Information zu überschreiten. Der internetbasierte Kurztext Twitter, die Verbindung zwischen Handy und Netz wurde plötzlich zu einem Werkzeug im professionellen Journalismus. So wurde am Tag des Geschehens und auch in den ersten darauffolgenden Tagen jedes kleinste Detail – und sei es noch so spekulativ – veröffentlicht.
Alle suchten nach Erklärungen, nach plausiblen Gründen — und vor allem nach Prävention. Mögliche Beobachtungen in einem Einzelfall wurden mühelos in Präventionsprogramme für das ganze Land verwandelt. Hilflos wirkten auch die Versuche der Psychologen und anderer Fachleute, das Geschehen von Winnenden ohne genauere Detailkenntnis erklären zu wollen. Doch monokausale Schuldzuweisungen (Videospiele, Wohlstandsverwahrlosung oder gar Fremdbetreuung) taugen so wenig wie Tätertypologien des Amokläufers. Sie könnten allenfalls für einen Automatismus des Verdachts missbraucht werden, der ausgerechnet im Schulalltag völlig fehl am Platze ist.
Kein Schweigen, kein Nichtwissen ertragbar
Ohnmacht und Sprachlosigkeit schien niemand auszuhalten. Unaufhörliches Zerreden und Erklären nahmen ihren Lauf. Kein Sender und keine Zeitung, erst recht keine Internetredaktion kann sich diesem Kreislauf entziehen. Und kaum jemand hat darüber nachgedacht, was eigentlich mit einer Gesellschaft geschieht, die mehrere Tage einer Informations- und Desinformationsflut ausgesetzt ist, in der sich wiederholt, was zum Amoklauf geführt hat: die Verwischung der Grenzen von Phantasie und Wirklichkeit. Eine erschreckend hohe Zahl von Amokdrohungen und Trittbrettfahrern ist die sichtbarste Folge. Aber was hat sich sonst noch in den Köpfen festgesetzt?
Nach Winnenden muss auch noch mehr darüber nachgedacht werden, unter welchen Umständen sich zerstörerische Phantasien Bahn brechen. An vielen Schulen erregen größenwahnsinnige und gewalttätige Schüleräußerungen — häufig schon in der ersten Klasse — kein Aufsehen mehr. Wie ließe sich sonst erklären, dass ein Erstklässler unwidersprochen zu seiner Mitschülerin sagen kann „Ich erschieß’ dich“ und das offenbar wiederholt?
Verbannen lassen sich solche verbalen Gewalttätigkeiten nicht, aber Eltern, Freunde, Lehrer müssen ihnen mit Entschiedenheit entgegentreten. Sie sollten auch eine neue Sensibilität für die Bilder entwickeln, denen sie sich und ihre Kinder aussetzen. Vor allem müssen Eltern vom Säuglingsalter an für sichere Bindungen zu ihren Kindern sorgen, sie können aber nicht verhindern, dass sie ihnen eines Tages entgleiten, sondern nur hoffen, dass ihre Kinder dann selbst tragfähige soziale Bindungen aufbauen.
Heike Schmoll Jahrgang 1962, politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.
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