28.11.2010 · Bradley Manning war im Irak, er war einsam und frustriert. Er soll hinter den Veröffentlichungen der Website Wikileaks stecken, die Amerika und die Welt nun umtreiben. Bei einer Verurteilung drohen ihm bis zu 52 Jahre Haft.
Von Matthias Rüb, WashingtonJeder amerikanische Offizier im Einsatz im Irak, in Afghanistan oder anderswo auf der Welt hat auf seinem Schreibtisch einen Laptop, der mit einem roten Internetkabel verbunden ist. Meist steht daneben ein Laptop zum privaten Gebrauch, den ein grünes Kabel mit einer weiteren Internetanschlussbuchse in der Wand verbindet. Die Computer mit dem roten Kabel sind zudem mit einem roten Aufkleber versehen, auf dem „Secret“ (geheim) steht. Der Datenfluss durch die grünen Kabel ist dagegen „Not Classified“ (nicht geheim), wie auf einem grünen Aufkleber zu lesen ist.
Auch der heute 23 Jahre alte Heeres-Obergefreite Bradley Manning aus Potomac in Maryland hatte während seines Einsatzes im Irak von Mitte 2009 bis Mai 2010 Zugang zu einem Laptop mit rotem Kabelanschluss. Den hätte er nach seinem Mannschaftsrang nicht haben dürfen. Doch weil Manning bei einem Aufklärungs- und Abwehrbataillon des 2. Kampfbrigadeteams, 10. Gebirgsjägerdivision, im Außenposten „Hammer“ 60 Kilometer östlich von Bagdad im Einsatz war, durfte auch er wie seine vorgesetzten Offiziere das „rote Netz“ benutzen. Er hat von dieser Möglichkeit ausgiebig Gebrauch gemacht – und dabei offenbar Geheimnisverrat in enormem Ausmaß begangen. Im Mai wurde Manning festgenommen, zunächst auf den amerikanischen Stützpunkt Camp Arifjan in Kuweit gebracht und im Juli dann ins Militärgefängnis des Marinekorps in Quantico im Bundesstaat Virginia überstellt. Dort wartet Manning seither auf seinen Prozess vor einem Militärgericht. Ihm drohen bis zu 52 Jahre Haft.
„Was würdest du tun?“
Manning hatte in zahlreichen Mails an den Journalisten und Blogger Adrian Lamo und an mehrere Freunde nicht nur sein Herz ausgeschüttet, wie er als Homosexueller, der seine sexuelle Orientierung verbergen musste, sich von seinen Kameraden diskriminiert und isoliert fühlte. Er berichtete auch von seinen Erlebnissen beim Surfen durch das „rote Netz“. In einer Mail schreibt Manning: „Wenn du mehr als acht Monate lang sieben Tage in der Woche 14 Stunden täglich unbegrenzten Zugang zu geheimen Netzen hättest, was würdest du tun?“ Manning jedenfalls lud offenbar viele Gigabyte Informationen herunter – was schon illegal ist – und leitete die als geheim eingestuften Dokumente später an die Website Wikileaks weiter.
Zwar schweigt sich Wikileaks weiterhin hartnäckig aus, woher die Dokumente stammen, durch deren Veröffentlichung man seit Juli mancherlei Aufsehen verursacht. Im Pentagon wie auch im State Department geht man aber davon aus, dass Manning die Quelle sowohl der im Juli von Wikileaks veröffentlichten 75.000 Geheimpapiere über den Krieg in Afghanistan wie auch der im Oktober enthüllten 400.000 Feldprotokolle der amerikanischen Streitkräfte aus dem Irak-Krieg ist. Und Manning soll Wikileaks schließlich auch mit den bis zu drei Millionen vertraulichen Drahtberichten und Lageeinschätzungen amerikanischer Diplomaten aus aller Welt versorgt haben, von denen die ersten in der Nacht zum Montag veröffentlicht werden sollten.
„Gesamte geheime Außenpolitik für alle Welt sichtbar“
Dass Manning nicht nur Zugang zu Informationen des Pentagons hatte, die als „top secret“ (streng geheim) klassifiziert sind, sondern auch zu den als „secret“ eingestuften Daten des Außenministeriums, ist einer Einrichtung namens SIPRNet geschuldet. Das steht für „Secret Internet Protocol Router Network“, ein Netz mit geheimen und vertraulichen Daten des Verteidigungs- und des Außenministeriums. Zu diesem Netz haben sowohl die 20.000 Beamten des State Departments wie auch die gut 224.000 aktiven Offiziere der Streitkräfte, dazu die 26.000 militärischen Mitarbeiter und zivilen Angestellten des Pentagons und schließlich auch die knapp 32.000 Mitarbeiter der militärischen Abwehr und Aufklärung Zugang. SIPRNet wurde eingerichtet, um die militärischen und diplomatischen Anstrengungen der Vereinigten Staaten zur Durchsetzung ihrer Interessen zu bündeln, zumal im Kampf gegen den Terror.
Nach Schätzungen amerikanischer Medien haben insgesamt 2,5 Millionen Menschen Zugang zu den als „secret“ klassifizierten Informationen. Zu den als „top secret“ eingestuften Daten des „Joint Worldwide Intelligence Communications System“, das ebenfalls vom Pentagon, dem State Department und auch vom Heimatschutzministerium genutzt wird, haben nach einer Recherche der „Washington Post“ immerhin noch 854.000 Personen Zugang – nicht nur in Ministerien und Verwaltungen, sondern auch bei Privatunternehmen, die im Auftrag der Regierung tätig sind. Manning verfügte über Zugang sowohl zum geheimen SIPRNet wie auch zum streng geheimen Datennetz. In einer Mail Mannings an Lamo, der schließlich die Bundespolizei FBI über den umfassenden Geheimnisverrat des Obergefreiten im Irak alarmierte, heißt es: „Hillary Clinton und einige tausend Diplomaten in aller Welt werden einen Herzinfarkt erleiden, wenn sie eines Morgens aufwachen und sehen, dass ihre gesamte geheime Außenpolitik für alle Welt sichtbar ist.“
„Schwache Sicherheitsvorkehrungen“
Im State Department und im Pentagon weiß man seit langem von dem Datendiebstahl. Manning selbst hatte sich in Mails, die dem FBI vorliegen, gebrüstet, wie leicht es gewesen sei, die Daten von den gesicherten Computern zu kopieren: „Ich kam mit einer CD mit Musik von ,Lady Gaga‘ herein und tat so, als ob ich den Song ,Telephone‘ mitsingen würde, während ich den wahrscheinlich größten Datenklau in der amerikanischen Geschichte beging.“ Manning beschrieb auch die Sicherheitslücken, die es ihm ermöglichten, offenbar Dutzende von CDs und DVDs mit geheimen und streng geheimen Informationen zu beschreiben, aus dem Irak zu schmuggeln und Wikileaks zukommen zu lassen: „Schwache Server, schwache Log-in-Vorkehrungen, schwache physische Sicherheit, schwache Gegenaufklärung, schwache Überprüfung von Datenflüssen – ein perfekter Sturm.“
Die „perfekten Stürme“ hatte man kommen sehen. Aber außer vor außen- und sicherheitspolitischem Schaden zu warnen sowie Wikileaks und die Medien zu bitten, die Daten nicht zu veröffentlichen, konnte Amerika nichts mehr tun.
Matthias Rüb Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.
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