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Wiedervereinigung Neunzig verweht

04.10.2004 ·  Vor 14 Jahren wurde in Berlin die Vereinigung der beiden deutschen Staaten vollzogen. An viele Protagonisten von einst erinnert man sich kaum noch. Was ist aus ihnen geworden?

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Vor 14 Jahren wurde in Berlin die Vereinigung der beiden deutschen Staaten vollzogen. An viele Protagonisten von einst erinnert man sich kaum noch. Was ist aus ihnen geworden?

Rainer Eppelmann

Weil er den Dienst an der Waffe verweigert hatte, wurde der gelernte Maurer Rainer Eppelmann „Bausoldat“. Ausgerechnet er, der Gründer und Vorsitzende des Demokratischen Aufbruchs in Berlin, kümmerte sich 1990 unter Lothar de Maiziere als letzter DDR-Verteidigungsminister um die Abrüstung der Nationalen Volksarmee. Eppelmann verstand „die friedliche Revolution als Chance, beruflich etwas ganz anderes zu machen“: Gleich bei der ersten gesamtdeutschen Wahl wurde der gelernte Maurer und spätere Pfarrer für die CDU in den Bundestag gewählt - wo er noch heute sitzt.

Doch aus dem früheren Rebell ist kein politischer Kämpfertyp geworden. Ohne viel Aufsehen zu erregen, leitete der Vater von fünf Kindern in den vergangenen Jahren verschiedene Sozialausschüsse der CDU, ist seit 1998 Vorstandsvorsitzender der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und derzeit Mitglied im Ausschuß für Menschenrechte und humanitäre Hilfe. „Wenn man zurückblickt“, sagt er, „dann haben wir durch die Wende alle sehr viel gewonnen - vor allem das, was wir heute für selbstverständlich halten.“

Günther Krause

Unter den Wende-Größen ist Günther Krause zweifellos die tragische Figur. So hoch gestiegen und so tief gefallen wie er ist niemand. 1990 handelte er mit Wolfgang Schäuble den Einigungsvertrag aus, anschließend setzte er das wiedervereinigte Land mit Hilfe des Bundesverkehrswegeplans in Bewegung. Eine Reihe von Affären um Putzfrauen und Umzüge zwangen den Bundesverkehrsminister 1993 zum Rücktritt. Doch „Sause-Krause“ gab nicht auf, versuchte sich als Unternehmer in der Baubranche.

Einen Kredit der Bayrischen Landesbank für seine Firma „Aufbau Investitionen GmbH“ setzte er als Spielgeld für zweifelhafte Währungsspekulationen ein - was ihm eine Anklage wegen Untreue eintrug. Das Landgericht Rostock verurteilte ihn 2002 zu einer knapp vierjährigen Haftstrafe. Im August dieses Jahres hob der Bundesgerichtshof das Urteil auf. Voraussichtlich im Februar 2005 wird der Einundfünfzigjährige wieder vor Gericht stehen, wegen versuchter Steuerhinterziehung und Betrugs.

Bärbel Bohley

„Ich habe in den letzten 15 Jahren meine Freiheit gelebt“, resümiert die mittlerweile 59 Jahre alte Bärbel Bohley, die zu DDR-Zeiten wegen „landesverräterischer Nachrichtenübermittlung“ (1983/84) und „landesverräterischer Beziehungen“ (1988) zweimal im Gefängnis saß, ihre Zeit nach der Wende. Ihre Kandidatur zur ersten gesamtdeutschen Bundestagswahl zog die Künstlerin, Bürgerrechtlerin des „Neuen Forums“ und „Vertreterin für einen langsameren Weg der Einheit“, kurzfristig zurück. Bis 1996 war sie in der Öffentlichkeitsarbeit und als Beraterin von Stasi-Opfern für die Gauck-Behörde in Berlin tätig, dann hatte sie „einfach Lust, die Tür hinter mir zuzumachen“.

In Sarajewo koordinierte Bohley bis 1998 im UN-Büro mit vierzig Flüchtlingsorganisationen die „Koalition der Rückkehr“. Zusammen mit ihrem bosnischen Mann betreibt sie heute in Kroatien das durch Spenden finanzierte Projekt „Seestern“: In diesem Sommer hatte sie in ihrem gemieteten Haus am Meer siebzig Flüchtlingskinder aus dem ehemaligen Jugoslawien zu Gast. Zwar hat sie noch immer ihren Hauptwohnsitz in Berlin, fühle sich aber „zu Hause in der Welt“, ihren Anrufbeantworter hat sie auf kroatisch besprochen. Den 3.Oktober beschreibt sie mit einem Zitat des Schriftstellers Thomas Brussig: „Die Ohnmacht wechselte damals die Seiten - mehrmals“.

Alexander Schalck-Golodkowski

Das waren turbulente Tage im Dezember 1989, als Alexander Schalck-Golodkowski und seine Frau Sigrid nach der Flucht aus Berlin im Keller der Pfarrerswitwe Rückert in München-Pasing Unterschlupf fanden. Der meistgesuchte Mann der Wendezeit befürchtete, als Kronzeuge zwielichtiger Geschäfte ausgeschaltet zu werden, und fand als „Pastor Gutmann aus der DDR“ Aufnahme. Der Hauswirtschafterin fiel auf, daß Frau Pastor Gutmann Nerz trug...Gerüchte kursierten, die CIA habe den Devisenbeschaffer verschleppt.

Mehrmals wurde Schalck-Golodkowski in Berlin angeklagt, unter anderem 1995 wegen illegaler Waffengeschäfte. Alle Freiheitsstrafen wurden zur Bewährung ausgesetzt. Bei einem denkwürdigen Fernsehauftritt beteuerte der frühere „Held der Arbeit“, „alles anständig und korrekt abgewickelt“ zu haben. Nach einer schweren Herzoperation hat der Zweiundsiebzigjährige seine Villa verlassen, lebt aber nach wie vor in Rottach-Egern und promeniert nahezu täglich auf der Seestraße. Nie vergißt er, Frau Rückert zu Weihnachten Blumen zu schicken.

Hans Modrow

Im Sommer dieses Jahres hat Hans Modrow die Schlüssel zu seinem Straßburger Büro in einen Briefumschlag gesteckt und in einen großen Kasten geworfen. Sein politisches Leben sei damit aber noch nicht zu Ende, beteuert der ehemalige DDR-Ministerpräsident und heutige PDS-Politiker. Noch immer hat er als Ehrenvorsitzender der Partei sein Büro in der Berliner Zentrale, joggt in seiner Freizeit im Friedrichshain, glaubt nicht, daß Michail Gorbatschow den Friedensnobelpreis verdient hat.

Als einer der wenigen aus der ehemaligen SED-Parteispitze konnte sich Modrow 1990 als Stellvertreter Gregor Gysis behaupten und übergab die Regierungsgeschäfte an Lothar de Maiziere. Auch daß man ihn in den neunziger Jahren der Beihilfe zur Wahlmanipulation bei der Dresdner Kommunalwahl 1989 überführte, schadete ihm kaum. 1999 zog er als Mandatsträger der PDS ins EU-Parlament. Über den Herbst 1989 äußerte er sich vor kurzem: „Es war international keineswegs klar, daß es in Richtung Einheit geht. Wer heute schlaue Reden hält, es sei schon damals alles klar gewesen, der soll sich die historischen Dokumente angucken.“ Derzeit ist Hans Modrow auf Reisen in Osteuropa, um Kontakte zu pflegen. Und er wird im Oktober den PDS-Parteitag in Potsdam eröffnen.

Peter-Michael Diestel

„Wenn Lothar nicht da war, dann habe ich amtiert“, erzählte Peter-Michael Diestel im Jahr 2000 während einer öffentlichen Talkrunde in Berlin seinem Freund und Anwaltskollegen Gregor Gysi. Der Generalsekretär der DSU, letzter Innenminister und stellvertretender Ministerpräsident der DDR unter de Maziere, erlebte nach der Wiedervereinigung eine „kurze, aber außerordentlich wichtige politische Etappe“ als Vorsitzender der CDU-Fraktion im Brandenburger Landtag. Danach gab es für ihn zwar keine politischen, aber wenigstens einige sportliche Aufstiege: als Präsident des Fußballclubs Hansa Rostock.

Seit 1997 ist er nur noch „Anwalt mit Leib und Seele“, vertrete politisch Bedrängte von links bis rechts, was ihm seine Popularität erhalte und seine Kampfkraft stärke. Diestel arbeitet in Potsdam, Leipzig und seiner „wunderschönen Waldkanzlei in Zislow“ an der Mecklenburgischen Seenplatte. Wegen des Kaufs einer wunderschönen Villa bei Berlin wurde der ehemalige DDR-Vizemeister im Melken nach jahrelangem Rechtsstreit 2001 zur Zahlung einer Geldbuße verurteilt. Zum Jahrestag der Wende sagt er: „Unser Weg war richtig. Auch in den kommunistischsten Kreisen will niemand einen Rückfahrschein.“

Arndt Noack

Einen Moment lang schien es so, als stehe Arndt Noack eine große Karriere bevor: Das war auf dem Berliner Vereinigungsparteitag von SPD (West) und SDP (Ost) im September 1990, als der Studentenpfarrer, Gründungsmitglied seiner Partei, unmittelbar vor Willy Brandt sprach. Doch als es anschließend um die Postenverteilung ging, zog Noack sich irritiert zurück. Seine letzte politische Aufgabe war die Koordinierung der Wohnungspolitik Ost gemeinsam mit Franz Müntefering.

Nach einem Studienaufenthalt in Paris übernahm Noack die Pfarrstelle in Benz auf Usedom, baute einen Kindergarten und gründete eine Zwergschule (bislang 25 Schüler). Auf vielfältige Weise ist er bemüht, seine 760-Seelen-Gemeinde zusammenzuhalten, unter anderem mit sommerlichen Kulturveranstaltungen und gagenfreien Auftritten des Countertenors Jochen Kowalski oder der Journalistin Carola Stern. Seinen verhaltenen Optimismus Ost formuliert der Theologe so: „Daß der Wohlstand dauernd steigt, ist kein absolutes Muß.“

Matthias Gehler

Ein mehr als stürmischer Job war es, den Matthias Gehler im Jahr 1990 antrat - als Regierungssprecher von Lothar de Maiziere, dem letzten Ministerpräsidenten der DDR. Gehlers Stellvertreterin war eine unscheinbare Frau mit Topfhaarschnitt und Jesuslatschen, die ihn jedoch bald überflügelte: die Physikerin Angela Merkel. Ein Politiker, der nicht gern Flugzeuge besteigt, schafft es nicht weit nach oben.

So wurde Gehler einer von sieben Beratern von Rudolf Mühlfenzl, dem alten ARD-Schlachtroß, der die Aufgabe hatte, innerhalb eines Jahres die Funk- und Fernsehanstalt der DDR abzuwickeln. „Alles mußte auf den Prüfstand. Aber Mühlfenzl war nicht nur Abwickler“, sagt er. 1991 ging der gebürtige Sachse zum neugegründeten MDR, heute ist er Stellvertretender Direktor des Landesfunkhauses Thüringen in Erfurt. Über die Wende räsoniert er: „Viele Schwierigkeiten von heute sind nicht nur der Einheit zuzuschreiben, sondern auch unserer gesamtdeutschen Unflexibilität.“

Quelle: AvM/simo, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 03.10.2004, Nr. 40 / Seite 59
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