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Wie wird die Welt 2015? : In der Ära der Krisen und Konflikte

In Gedenken an die Gefallenen des Zweiten Weltkrieges wurde in Savur Mogila im Osten der Ukraine ein Mahnmal errichtet - im aktuellen Ukraine-Konflikt kam es dort zu heftigen Gefechten. Bild: AFP

Der Krieg in der Ukraine, die neue Eiszeit zwischen dem Westen und Russland, der Vormarsch der Terrormiliz IS in Irak und Syrien haben die Welt 2014 erschüttert. Auch 2015 wird ein Jahr der Unruhe. Ein Ausblick.

          Beim Blick auf das Geschehen in der Welt werden einige Zeitgenossen von einer Sehnsucht erfasst: von einer Sehnsucht nach den „Gewissheiten“ des Kalten Krieges. In dem großen Systemkonflikt schien auf zynische Weise alles übersichtlich geordnet zu sein.

          Klaus-Dieter Frankenberger

          verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik.

          Was den Westen vom Sowjetimperium trennte, war politisch, ideologisch und für die allermeisten auch moralisch eine klare Angelegenheit. Heute dagegen haben viele den Eindruck, dass die ganze Welt in Aufruhr ist und Halt und Orientierung gebende Gewissheiten zerfließen.

          Die Welt ist ein riesiger Schauplatz von Krisen und Konflikten geworden, auch von Konflikten, die man bis vor kurzem noch nie wahrgenommen, von deren Beteiligten man bis vor kurzem nichts gehört hatte (wer kannte die Yeziden?). Noch nie hat es außerdem so viele Krisen unterschiedlicher Art an so vielen Orten in der Welt gegeben; und Gegensätze haben Hochkonjunktur – auch das steht hinter der Sehnsucht nach der Vergangenheit.

          Als sei die Tagesordnung der internationalen Politik nicht schon randvoll, kommen ständig neue, die Schlagzeilen bestimmende Posten hinzu: Wer hätte vor einem Jahr vorausgesagt, dass Russland sich binnen weniger Monate die Krim einverleiben würde? Viele dürften es auch nicht gewesen sein, welche die Blitzoffensive der Terrorbande „Islamischer Staat“ erwartet hatten oder die ahnten, welches Ausmaß die Ebola-Epidemie erreichen würde. Vom Absturz des Ölpreises – verheerend für Produzenten, ein Segen für Konsumenten – waren selbst die Fachleute überrascht.

          Zu der Erschütterung von Gewissheiten kommt das Unheimliche des Unwägbaren und Unkalkulierbaren, das die wenigsten auf der Rechnung haben, die Politik von einem auf den anderen Tag durcheinanderwirbelt und vielen Leuten Angst macht: Plötzlich soll die Bundeswehr Waffen an die Kurden im Irak liefern und in Westafrika Not lindern.

          Plötzlich heißt es, Europa erlebe die größte Krise seit vielen Jahrzehnten; der Glaube, das Streben der Großmächte nach Einflusszonen sei Geschichte, erweist sich als Idealismus von gestern. Der Unruhe, von der viele Gesellschaften erfasst sind, entspricht eine als unheilvoll wahrgenommene Zusammenballung bedrückender Nachrichten aus der Ferne. Die aber gar nicht mehr so fern ist.

          Der islamistische Terror wird weitere Opfer kosten

          Das gilt besonders für unsere südöstliche Nachbarschaft. Der Nahe und der Mittlere Osten wird auch im neuen Jahr nicht zur Ruhe kommen. Zur Ruhe? Der kriegerische Kampf um Einfluss und Vorherrschaft wird weitergehen; der terroristische Islamismus wird seine Opfer fordern; historische Orte werden zerstört, Staaten zerfallen, andere werden an die autoritäre Kandare genommen. Flüchtlingsströme ergießen sich in Nachbarländer und stellen auch europäische Länder vor große Herausforderungen.

          Dieser Strom wird nicht abebben, so wie der Einwanderungsdruck generell, vor allem aus Afrika, nicht nachlassen wird. Die Folgen für die Innenpolitik sind seit Wochen auf den Straßen in Dresden zu erleben oder schlagen sich nieder im Erstarken des rechtsextremen Front National in Frankreich und der EU-Gegner in Großbritannien.

          Putins Expansionspolitik wird Herausforderung bleiben

          Die Entwicklung in der Ukraine und das Gebaren Russlands werden die westliche Politik nach wie vor besonders fordern. Sie muss weiterhin von Entschlossenheit und Festigkeit gegenüber der russischen Aggression bestimmt sein, verbunden, so wie bisher, mit Angeboten zu Dialog und Zusammenarbeit.

          Ob die russische Führung diese Angebote auch angesichts der wirtschaftlichen Tristesse annimmt oder ob sie – jetzt erst recht – das Feuer des Nationalismus schürt und die Ukraine weiter destabilisiert? Das hängt auch von den Kosten- und Machtüberlegungen des Präsidenten Putin ab. Was er zuletzt von sich gegeben hat, gibt wenig Grund zu Optimismus, zumal er offenbar glaubt, antiwestliche Rhetorik und Großmachtgehabe könnten die Bevölkerung über den wirtschaftlichen Niedergang des Landes hinwegtrösten. Aber wer weiß schon, wie groß der Realitätsverlust in Moskaus Führungszirkel wirklich ist.

          Die russische Führung hatte auch geglaubt, sie könne die europäischen Länder gegeneinander ausspielen. Gelungen ist das nicht, mögen auch nicht alle Europäer die Sanktionen gegen Russland für der Weisheit letzter Schluss halten. Auf die Rückkehr der Geopolitik war die EU schlecht vorbereitet; aber so schlecht wie vielfach behauptet hat sie sich in der Krise nicht geschlagen.

          Ende der Eurokrise ist nicht in Sicht

          Der EU setzen eher Eurokrise (Stichwort Griechenland), zersetzende Nörgelei und wachsender Nationalismus im Innern zu. „Mehr Europa“ ist nirgendwo ein Brüller. Die Wahl eines neues Unterhauses in London könnte eine Zäsur bedeuten: Bislang war die EU eine Zuwachsgemeinschaft; jetzt könnte der Prozess einer Scheidung tatsächlich beginnen. Ob Britannien als Solitär sein Glück fände? Wovon manche überzeugt sind, ist anderen ein Menetekel.

          Nach dem Erinnerungsjahr 2014 kommt das Zwischenjahr 2015. Einiges wird über uns hereinbrechen, vieles wird uns bekannt vorkommen. „Same procedure as last year?“ Die Weltpolitik ist keine heitere Komödie, selbst wenn in Amerika die Saison der skurrilen Aufgeregtheit beginnt, der Vorwahlkampf. Apropos: Nicht zuletzt Amerikas Widersachern setzt der Sturz des Ölpreises besonders hart zu.

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