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Ermittlungserfolg : Wie „Super-Erkenner“ dank Überwachungsvideos den Täter finden

Mit neuen Kameras wird der Kölner Bahnhofsvorplatz jetzt lückenlos überwacht. Bild: dpa

Der Terroranschlag in Berlin hat die Debatte über eine verstärkte Videoüberwachung neu entfacht. Seit den sexuellen Übergriffen in der Kölner Silvesternacht 2015 hat die Polizei gelernt, wie Überwachungsvideos zum Täter führen können. Dank der Hilfe von Scotland Yard.

          Ein Jahr ist es her, dass Männer am Kölner Hauptbahnhof junge Frauen einkesselten, ausraubten und begrapschten. Die Polizei war überfordert. In vielen Fällen sah sie nicht einmal, was sich abspielte, denn die Menschen standen dicht an dicht. Auch die Ermittlungen hinterher liefen schleppend. Selbst nach Wochen war nicht klar, wer die Täter waren, obwohl mehr als tausend Anzeigen wegen Raubes und sexueller Übergriffe bei der Polizei eingegangen waren. Ein Desaster.

          Morten Freidel

          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Bis den deutschen Beamten Scotland Yard zu Hilfe kam. Denn der Schrecken der Kölner Silvesternacht hatte auch im Ausland Kreise gezogen. Der Chef einer Sondereinheit des Yards, Mike Neville, bat eine Mitarbeiterin, die etwas Deutsch konnte, in Köln anzurufen. Dort glaubte man zuerst an einen Scherz. Doch kurze Zeit später trafen die britischen Kollegen in der Domstadt ein. Sie halfen den Kölnern dabei, Aufnahmen von der Tatnacht auszuwerten: verwackelte Handyvideos und grobkörnige Bilder von Überwachungskameras im Hauptbahnhof. Die meisten Ermittler konnten da nicht viel drauf erkennen, weder Straftaten noch Tatverdächtige. Sie sahen nur Gewühl, Feuerwerksexplosionen und undefinierbare Menschenmassen, die sich durch den Bahnhof zwängen. Aber die Leute von Scotland Yard hatten einen Vorschlag zur Lösung dieses Problems.

          Prompt hatten sie ein verwertbares Foto

          Wenn man die Täter auf den Bildern nicht erkennen kann, so argumentierten sie, muss man die Opfer suchen. Denn über die wusste die Polizei viel mehr, sie stand mit ihnen in Kontakt und konnte sie befragen: zum Beispiel, zu welcher Uhrzeit sie sich wo aufhielten. Welche Kleidung sie trugen. Oder welche Bahn sie genommen hatten, um zum Hauptbahnhof zu kommen. Da setzten die Ermittler an und suchten die Videos gezielt nach Opfern ab. Sie wussten zum Beispiel, dass mehrere junge Frauen um kurz nach ein Uhr bei der Bahnhofspolizei Anzeige erstattet hatten, weil sie ausgeraubt worden waren. Der Bereich vor der Polizeiwache wird videoüberwacht, also schauten sich die Beamten die Bilder der Kamera an, bis sie die betreffenden Opfer entdeckten. Dann ließen sie die Aufnahmen rückwärtslaufen.

          So konnten sie die Frauen mit mehreren Kameras durch die Gänge zurück bis zur Eingangshalle des Hauptbahnhofs verfolgen. Auf den Bildern der dortigen Überwachungskamera sahen sie: Die Frauen stehen mehrere Minuten lang im dichten Gedränge. Ein Mann nähert sich von hinten. Er schaut sich prüfend um. Schließlich reißt er einer der Frauen die Handtasche mit einem solchen Ruck vom Arm, dass das Opfer mehrere Meter mitgezerrt wird.

          Die Ermittler hatten den Tatverdächtigen. Nun mussten sie ihn nur noch identifizieren. Auch dazu ließen sie die Videos rückwärtslaufen, erkannten, durch welchen Gang des Bahnhofs der Mann gekommen war und um welche Uhrzeit. Danach schauten sie sich die Aufnahmen vom Gang an. Prompt hatten sie ein verwertbares Foto vom Gesicht des Verdächtigen.

          Immer wieder gingen die Polizeibeamten zusammen mit den Kollegen von Scotland Yard nach diesem Schema vor. Stundenlang wühlten sie sich im Kölner Polizeipräsidium durch Videomaterial, spulten vor und zurück, diskutierten einzelne Szenen. Dabei fiel den Leuten von Scotland Yard das Geschick von drei Kölner Ermittlern auf. Die konnten sich Gesichter besonders gut einprägen. Hatten sie einen Tatverdächtigen in einem Video ausgemacht, fiel es ihnen nicht schwer, den Mann auch in einem anderen Video zu finden. Wenn sie einen der Männer schon mal irgendwo gesehen hatten, im Streifendienst oder auf Fotos der Polizei, erkannten sie ihn wieder. Sie waren begabt in der Identifikation. Wie die Leute von Scotland Yard.

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