21.08.2009 · Im Oktober 1938 vereinbarten der sowjetische Außenminister (Außenkommissar) Litwinow und der deutsche Botschafter in Moskau, Graf von der Schulenburg, Presse und Rundfunk ihrer Staaten würden die Angriffe auf den führenden Mann des jeweils anderen Staates, Hitler und Stalin, einstellen.
Von Johann Georg ReißmüllerIm Oktober 1938 vereinbarten der sowjetische Außenminister (Außenkommissar) Litwinow und der deutsche Botschafter in Moskau, Graf von der Schulenburg, Presse und Rundfunk ihrer Staaten würden die Angriffe auf den führenden Mann des jeweils anderen Staates, Hitler und Stalin, einstellen. Fünf Monate später, am 10. März 1939, auf dem achtzehnten Parteikongress, gab Stalin zu erkennen, wie der Verzicht der sowjetischen Seite zu verstehen sei: Die Westmächte bezweckten, die Sowjetunion gegen Deutschland aufzuhetzen „und einen Konflikt zu provozieren, für den es keine greifbaren Gründe“ gebe.
Eine Kehrtwendung. Deren greifbarer Grund: Stalin fühlte sich von Großbritannien und Frankreich beiseitegeschoben. Sie hatten im September 1938 mit Hitler das Münchener Abkommen über das Sudetenland an der Sowjetunion vorbei geschlossen, die sich doch als Garantiemacht der Tschechoslowakei ausgab. Die Westmächte sollten sich überlegen, wie weit sie das treiben könnten.
Litwinow, der einer Annäherung an Frankreich und England geneigt blieb und jüdischer Abstammung war, stand im Weg. Stalin setzte ihn am 3. Mai 1939 ab und ernannte den ihm blind folgenden Molotow zum Außenminister. Doch er misstraute Hitler und wollte sich alle Wege freihalten. Mitte März 1939 hatte Hitler die von ihm so genannte „Rest-Tschechei“ seinem Reich einverleibt. Die Sowjetunion verhandelte nun mit England und Frankreich über gemeinsame Maßnahmen zum Schutz der an die Sowjetunion angrenzenden Staaten. Stalin verlangte für den Fall eines deutschen Angriffs das Recht zum Durchmarsch durch Polen und Rumänien. Das lehnten die Westmächte ab. Die Verhandlungen zogen sich hin.
Hitler wiederum fieberte einem Feldzug gegen Polen entgegen. Ein Arrangement mit Stalin würde das Unternehmen risikolos machen. Im April 1939 begonnene deutsch-sowjetische Wirtschaftsverhandlungen ließen sich gut an. Hitler wollte mehr, wurde ungeduldig; Stalin ließ ihn zappeln. Am 11. August kam eine britisch-französische Militärmission nach Moskau, um über ein förmliches Militärbündnis zu verhandeln. Vier Tage darauf ließ der deutsche Außenminister Ribbentrop Molotow mitteilen, in Osteuropa gebe es nichts, was sich zwischen Deutschland und der Sowjetunion nicht regeln ließe. Er, Ribbentrop, sei bereit, Stalin im Namen des Führers dessen Auffassungen darzulegen.
Molotow gab sich zögerlich. Ribbentrop legte nach: Er wäre in der Lage, in Moskau ein Protokoll über die beiderseitigen Interessen zu unterzeichnen. Eine halbe Stunde später übergab Molotow dem Botschafter Schulenburg den Entwurf eines deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes. Jetzt schaltet sich Hitler persönlich ein. Er bittet, fast bettelt er darum, dass Ribbentrop spätestens am 23. August nach Moskau kommen könne. Schließlich gesteht Stalin den 23. August zu. „Jetzt habe ich die Welt in meiner Tasche“, soll darauf Hitler, wie von Sinnen, herausgeschrien haben.
Nicht die ganze Welt, aber ganz Europa gedachte Stalin mit seiner Wendung zu gewinnen: Wenn sich Deutschland im Osten ungefährdet glaubte und Krieg gegen Frankreich und England führte, lägen am Schluss alle drei erschöpft am Boden, und er stünde am Atlantik. Dazu rechnete Stalin mit rascher Ausdehnung seiner Herrschaft in Osteuropa.
So groß, wie der Gewinn bald ausfallen sollte, hatte er sich ihn sicherlich nicht vorgestellt. Der deutsch-sowjetische Nichtangriffsvertrag vom 23. August 1939, geschlossen vor siebzig Jahren, und der Grenz- und Freundschaftsvertrag vom 28. September 1939, beide mit „Geheimen Zusatzprotokollen“ als „Hitler-Stalin-Pakt“ in die Geschichte eingegangen, wiesen Stalin Ostpolen, Litauen, Lettland, Estland, Finnland und Bessarabien als „Interessensphären“ zu. Hitler bekam Polen bis zu einer Linie aus den Flüssen Narew, Bug und San. Vor allem aber fühlte er sich nun im Osten sicher.
Beide Diktatoren konnten zufrieden sein. Doch in tiefem Misstrauen belauerten sie einander. Die Sowjetunion lieferte Deutschland pünktlich kriegswichtige Rohstoffe (es sei nur Stroh, streute damals die Goebbelssche Propagandamaschine in Deutschland aus); die zugesicherte deutsche Steinkohle hingegen traf schleppend ein. Reibereien häuften sich. Im Juni 1940 verlangte Moskau plötzlich die zu Rumänien gehörende Bukowina, von der im Pakt auch nicht eine Andeutung stand. Hitler lehnte ab. Schließlich überließ er Stalin widerwillig die nördliche Bukowina mit dem Hauptort Czernowitz; die südliche Bukowina um Suceava durfte Rumänien behalten, das ein wichtiger Rohstofflieferant Deutschlands war.
Anfang 1941 fragte Stalin, warum Deutschland in dem von ihm besetzten Teil Polens so viel Truppen stehen habe. Hitler antwortete, westlich davon sei die Gefahr britischer Luftangriffe groß. Kein halbes Jahr darauf gab es statt kleiner Streitereien den großen Krieg.