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Führungspersönlichkeiten : Wie ein Mann zum Anführer wird

  • -Aktualisiert am

Neu an Donald Trump ist nicht Donald Trump. Neu ist, dass eine beträchtliche Zahl von Leuten einen wie ihn als Anführer will. Bild: AP

Feste Regeln, nach denen ein Mensch zum Führer einer Gruppe wird, gibt es nicht. Aber warum scharen sich Massen um jemanden wie Donald Trump?

          Anführer ist kein Ausbildungsberuf. Man kann die Regeln nirgendwo nachlesen, nach denen ein kleiner Typ der Babo seiner Chabos wird, ein Schriftsteller der aufsehenerregendste Intellektuelle seines Landes, ein Unternehmer der Präsidentschaftskandidat der Republikaner in Amerika. Ist aber auch egal. Es gibt sowieso nur eine einzige Regel: Genügend Leute müssen bereit sein, einem zu folgen. Ab da wird es ein bisschen komplizierter.

          Der Unterschied zwischen einem amerikanischen Präsidentschaftskandidaten und einem Donut ist, dass die Amerikaner sich einig darüber sind, wie ein guter Donut zu sein hat. Rund, mit Loch in der Mitte, frisch, fettig, zuckrig. Bäcker, die solche Donuts machen, sind erfolgreich. Bäcker, die viereckige, lochlose, muffige, trockene, bittere Donuts machen, sind erfolglos.

          Es gab mal die Vorstellung, dass man solche Eigenschaften auch für Präsidentschaftskandidaten bestimmen könnte, und Präsident würde dann der Bewerber, dem die Leute am ehesten glaubten, dass er besagte Eigenschaften mitbringe. Seit Donald Trump ist das anders. Aber neu an Donald Trump ist nicht Donald Trump. Seinesgleichen gab es schon immer. Neu ist, dass eine beträchtliche Zahl von Leuten einen wie ihn als Anführer will.

          Michel Houellebecq gibt auf eigene Vorhersagen wenig

          Oder Michel Houellebecq. Vor wenigen Tagen hielt der Franzose und Prophet zum Dank für den Frank-Schirrmacher-Preis eine Rede, in der er unter anderem eine islamische Machtübernahme in Europa beklagte und davor warnte, ohne Prostitution werde die Ehe untergehen. An dieser Stelle könnten alle Männer, die während ihrer Ehe noch nie bei einer Prostituierten waren, sich fragen, ob ihre Ehe deswegen untergegangen sei, und falls nicht, wie viel wohl grundsätzlich auf die Vorhersagen des Propheten zu geben sei.

          Der Prophet selbst gibt auf seine Vorhersagen mitunter wenig, zum Beispiel nannte er die Lektüre des Koran früher mal „ekelerregend“ und sagte: „Wenn man den Koran liest, dann bricht man zusammen.“ Später kam er zu der Einsicht: „Der Koran ist besser, als ich dachte, jetzt, wo ich ihn gelesen habe.“ Seit Jahren liegt Houellebecq der Öffentlichkeit auch damit in den Ohren, er sei kein Intellektueller. Von seinem Verlag Dumont lässt er sich aber als einen der „wichtigsten Intellektuellen“ des französischen Literaturbetriebs vermarkten. Literatur schön und gut, aber will man sich von so jemandem die Welt erklären lassen? Viele Leute wollen.

          Die Leute wählen ihre Anführer je nachdem, wohin sie wollen. Das war schon in der Schule so. An einem Gymnasium am Niederrhein zum Beispiel arbeitete in den neunziger Jahren ein Politiklehrer, der klug war, besonders gut erklären konnte und, weil er darauf vertraute, dass die Schüler genau zuhörten, wenig Hausaufgaben aufgab. Er hatte aber, bedingt durch einen schweren Unfall, einen Sprachfehler, der das Zuhören etwas mühsamer machte als normal. Ein Teil der Schüler entschied sich dafür, konzentriert zuzuhören, um alles zu verstehen.

          Ein anderer Teil der Schüler unter Anleitung eines Jungen wickelte kurz vor Beginn der Stunde Tischtennisbälle in Alufolie und zündete sie darin an, bis der beißende Qualm den Klassenraum füllte und Schüler und Lehrer hinausflohen. Wenn dann, zwanzig Minuten zu spät, der Unterricht begann, äffte der Junge, wenn der Lehrer sich zur Tafel drehte, dessen Sprechweise nach, bis seine Anhänger mit ihm am Boden lagen vor Lachen. Warum folgte ein Teil der Klasse dem Lehrer, ein Teil dem Mobber? Weil man demjenigen folgt, der das gleiche Ziel hat wie man selbst. Als Schüler und als Erwachsener.

          Nachfolge hat auch Nachteile für Mitläufer

          Manche Leute staunen darüber, dass einfache Arbeiter den Milliardär Trump verehren, obwohl der für die Ausbeutung seiner Arbeiter berüchtigt ist. Aber die Tischtennisbomben des Gymnasiasten quälten auch die Mitschüler, die ihm nachliefen; auch sie atmeten den Giftqualm, auch ihre Jacken stanken tagelang, auch sie verpassten zu lernen, was in den Klausuren später natürlich trotzdem drankam. Sie nahmen es in Kauf, weil ihre Verachtung für den Lehrer größer war als ihre Achtung vor sich selbst. Und so, wie Gähnen, Lachen und Hoffnung ansteckend sind, so sind es Gehässigkeit und Feigheit.

          Es ist acht Jahre her, dass Barack Obama Präsident wurde mit seiner Parole „Yes, we can“ (frei übersetzt: Wir schaffen das). Damals wurde Horst Seehofer bei CSU-Veranstaltungen gefeiert mit Plakaten, auf denen stand: „Yes, we can – mit Horst“. Niemand stand daneben und brüllte: „Nein, wir können nicht“, obwohl es nicht falsch gewesen wäre, denn alles wird die CSU mit Horst auch damals schon nicht gekonnt haben. Jeder entscheidet sich immer wieder neu, ob er zur Zuversicht bereit ist. Wer es ist, fällt anderen damit nicht großartig auf. So wie schon in der Schule: Der Stinkbombenqualm zog überall hin. Was der Lehrer einem beibrachte, blieb im eigenen Kopf. Aus Sicht von denen, die Qualm wollten, war es gar nicht da.

          Quelle: F.A.S.

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