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Veröffentlicht: 31.07.2016, 15:00 Uhr

Amoklauf Wie Schüler andere Schüler abknallen

Bevor Amokläufer zur Waffe greifen, schauen sie sich immer wieder die Taten anderer an. Im Netz ist das ganz einfach. Wenn Konsum nach Gewaltbildern zur Sucht wird.

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© Youtube Vor dem Amoklauf: Der Wunsch Gewaltphantasien im Netz anonym auszuleben wird zur Sucht.

In der Nacht zum Dienstag nahm die Polizei einen 15 Jahre alten Jugendlichen fest. Er hatte einen Amoklauf geplant; seine Pläne waren weit gediehen. Zu Hause hatte er Fluchtpläne seiner Schule versteckt, Chemikalien und Anleitungen zum Bau von Bomben. Die Ermittler fanden außerdem Messer und Patronen. Der Jugendliche kannte den Amokläufer von München. Er hatte ihn im Netz kennengelernt. Dort treffen sich alle, die Amokläufe begehen wollen oder mit Amokläufern sympathisieren. Die Mitglieder der Szene sind besessen von den Mördern, sie beschäftigen sich oft monatelang mit nichts anderem. Ihre Profile auf Youtube und in den sozialen Netzwerken sind gepflastert mit Fotos und Zitaten der Amokläufer; in ihren Videos leuchten sie jedes Detail der Mordtaten aus.

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Einer der aktivsten unter ihnen nennt sich „DiabolicPsychopath“, teuflischer Psychopath. Vieles spricht dafür, dass sich dahinter der festgenommene Jugendliche verbirgt. Sein Account bei Youtube ist ein einziges Denkmal für Amokläufer. Auf seinem Profilbild steht: „Auftragsmörder zu mieten. Tötet zuverlässig Schüler seit 1999.“ Eine Anspielung auf den Amoklauf von Columbine. Zwei Schüler hatten damals mit Schrotflinten und Schnellfeuergewehren zwölf Mitschüler und einen Lehrer ermordet. Der Amoklauf gilt als einer der schlimmsten in der amerikanischen Geschichte, er fand zahlreiche Nachahmer. In der Szene sind die beiden Mörder Superstars. Auf dem Youtube-Profil von DiabolicPsychopath steht eine Collage mit Fotos von Eric Harris, einem der Täter von Columbine. „Verehrer von Eric Harris“ steht zwischen den Bildern. Außerdem: „Die Gesellschaft hat nicht erkannt, welches Monster sie erschaffen hat.“

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Noch unheimlicher sind die Videos von DiabolicPsychopath. In einem hat er einen Amoklauf simuliert. Dazu hat er das Ballerspiel „Counterstrike“ benutzt. In dem Ego-Shooter kämpfen Polizisten gegen Terroristen. Normalerweise laufen die Spieler dabei durch vorgegebene Umgebungen, durch Fabrikhallen oder enge Häusergassen. Die Spieler können sich die Umgebung aber auch selbst zusammenbasteln. Einige nutzen das, um Schulgebäude nachzubauen, in denen bekannte Amokläufe stattfanden. In die Gebäude setzen sie Spielfiguren, die aussehen wie Lehrer und Schüler. Dann laufen sie von Klassenzimmer zu Klassenzimmer und erschießen sie. So tat es auch DiabolicPsychopath. Im Oktober vergangenen Jahres lud er ein Video davon bei Youtube hoch. In der Beschreibung steht: „Das bin nur ich beim Abknallen einiger Schüler.“ Die Szenen wirken, als wären sie Hunderte Male einstudiert. Der Spieler schießt auf alles, was sich bewegt, er hinterlässt eine Blutspur in der Kantine, niemand wird verschont. Dann stürmen Polizisten das Gebäude. Der Mörder verschanzt sich in einem Klassenzimmer und knallt so viele von ihnen ab wie möglich. Am Ende wird er selbst getötet.

Verherrlichung von Amokläufen

Es gibt noch viel mehr solcher Videos, und fast alle stammen von Deutschen. Die meisten sind mit DiabolicPsychopath befreundet. Dass sie Amokläufe verherrlichen, ist leicht zu erkennen, an der Auswahl ihrer Profilbilder und Videos, an den Kommentaren, die sie unter den Videos anderer hinterlassen. Einer von ihnen ist der Nutzer „Cannibalwolf“. Er hat unzählige Videos von Schulmassakern bei Youtube eingestellt. Alles ist präzise dem jeweiligen Tatort nachempfunden – der Grundriss des Gebäudes, die Deckenhöhe, die Farben der Wände und Türen. Aber nicht nur das. Cannibalwolf versucht auch, die Morde möglichst genau nachzustellen, so vorzugehen, wie der Täter vorgegangen ist. Er hat etwa den Amoklauf von Erfurt nachgespielt.

Das Video erinnert gespenstisch an das, was 2002 an einem Gymnasium in der Stadt geschah. Der Spieler läuft in die Toilette und bewaffnet sich dort. Er rennt in die Klassenzimmer, ermordet fast nur Lehrer, er betritt das Büro der Schuldirektorin und wütet dort weiter. Dann versucht er, andere Klassenräume zu betreten, aber sie sind abgeschlossen. Der Spieler feuert durch eine Tür. Das hatte auch der Amokläufer von Erfurt getan, dabei waren zwei Schüler umgekommen. Durch ein Fenster erschießt der Spieler einen Polizisten. Bis in den Tod folgt er dem Beispiel des Mörders. Er steht in einem Klassenzimmer, die Tür verschlossen, und richtet sich selbst.

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