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Widerstand in den Hügeln von Hebron

Im südlichen Westjordanland zerstört das israelische Militär wieder und wieder palästinensische Siedlungen. Aber die Bewohner lassen sich nicht vertreiben. Von Hans-Christian Rößler

BIR AL ID, im Juli. Viel abzureißen gab es nicht. "Sie kamen kurz nach sechs Uhr mit zwei Baggern und dreißig Armeefahrzeugen. Nach drei Stunden war alles vorbei", erinnert sich Musa Mahamre. Jetzt spielen die Töchter seines Nachbarn zwischen umgestürzten Steinblöcken und herausgerissenen Bodenfliesen. Die Frauen haben sich vor der sengenden Sonne unter die Zeltplanen zurückgezogen, die das Rote Kreuz vorbeigebracht hat. Aber schon vor der Ankunft der israelischen Soldaten gab es in Bir al Id wenig, was sich als Dorf bezeichnen ließ: Musa Mahamre und die meisten seiner etwa hundert palästinensischen Nachbarn leben an dem steilen Felsabhang in Höhlen - wie viele Halbnomaden in den Hügeln südlich von Hebron im Westjordanland.

Da ihre Familien und Herden wachsen, hatten sie angefangen, auf betonierten Fundamenten Zelte zu errichten. Aber dafür hatten sie keine Baugenehmigung. Deshalb kamen die Soldaten und zerstörten acht Zelte und Unterstände. Dazu die einzige Latrine des Dorfes, die aus ein paar Wellblechwänden bestand. "Wir werden bleiben. Schließlich leben wir in dieser Gegend schon, seit hier die Türken herrschten", sagt Musa Mahamre. Die kleinen Weinstöcke und der dürre Feigenbaum haben die Frauen wieder aufgerichtet und gegossen. Das Wasser karren die Menschen in dem Dorf jede Woche für mehrere hundert Schekel über eine halsbrecherische Felspiste mit Tankanhängern heran.

Bei ihren jüdischen Nachbarn fließt dagegen Trinkwasser aus den Leitungen. Stromleitungen und asphaltierte Straßen führen hinauf nach Mitzpe Yair und Nof Nesher. Diese beiden Kleinsiedlungen auf den benachbarten Hügelkuppen sind illegal. Im Westjordanland sind davon in den vergangenen Jahren Dutzende ohne die vorgeschriebenen Genehmigungen entstanden. Ohne stillschweigende Billigung staatlicher Behörden hätten sie dort oben nie Strom oder Wasser bekommen und dazu noch den Schutz der israelischen Armee. Eigentlich hatten der israelische Verteidigungsminister Barak und seine Vorgänger schon vor Jahren versprochen, die meisten davon zu räumen. Im Unterschied zu den Beduinen in Bir al Id und anderen Palästinensern blieben sie jedoch bis heute mit wenigen Ausnahmen verschont. Diesen Teil des Westjordanlands nennen Menschenrechtler gerne den "Wilden Osten". Sie haben den Eindruck, dass dort die Siedler letztlich tun können, was sie wollen.

Ezra Nawi hat dort schon Schlimmeres miterlebt. Unter seinem großen braunen Hut schützt er sich mit einem weißen Tuch vor der Sonne. Auf den ersten Blick könnte der Israeli auch als Araber durchgehen. Der jüdische Klempner irakischer Herkunft kommt oft mehrmals in der Woche aus Jerusalem in die Hügel südlich von Hebron. In Bir al Id war er schon eine gute Stunde nachdem die Soldaten damit begannen, die Zelte abzureißen. "Sie zerstören Israel. Wir müssen mit den Palästinensern als gute Nachbarn zusammenleben, nicht wie Eroberer", sagt Ezra Nawi, der der israelisch-arabischen Gruppe "Taayush" (Zusammenleben) angehört. In dem Dorf kennt ihn jedes Kind. Die Siedler in der Umgebung auch: Sein Auto haben sie mit Steinen beworfen, in Israel musste der "Robin Hood der Hebron-Hügel", wie ihn die Zeitung "New York Times" einmal nannte, wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt einen Monat ins Gefängnis. An diesem Tag bespricht er mit Yehuda Shaul, wie sich Bir al Id wieder aufbauen lässt. Shaul leitet "Breaking the silence", eine israelische Gruppe, in der sich israelische Reservisten zusammengeschlossen haben, die gegen die Besatzung sind. Das südliche Westjordanland ist zu einem der wichtigsten Frontabschnitte im Kampf zwischen Siedlern und linken Aktivisten geworden.

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