20.07.2011 · Im südlichen Westjordanland zerstört das israelische Militär wieder und wieder palästinensische Siedlungen. Aber die Bewohner lassen sich nicht vertreiben. Von Hans-Christian Rößler
BIR AL ID, im Juli. Viel abzureißen gab es nicht. "Sie kamen kurz nach sechs Uhr mit zwei Baggern und dreißig Armeefahrzeugen. Nach drei Stunden war alles vorbei", erinnert sich Musa Mahamre. Jetzt spielen die Töchter seines Nachbarn zwischen umgestürzten Steinblöcken und herausgerissenen Bodenfliesen. Die Frauen haben sich vor der sengenden Sonne unter die Zeltplanen zurückgezogen, die das Rote Kreuz vorbeigebracht hat. Aber schon vor der Ankunft der israelischen Soldaten gab es in Bir al Id wenig, was sich als Dorf bezeichnen ließ: Musa Mahamre und die meisten seiner etwa hundert palästinensischen Nachbarn leben an dem steilen Felsabhang in Höhlen - wie viele Halbnomaden in den Hügeln südlich von Hebron im Westjordanland.
Da ihre Familien und Herden wachsen, hatten sie angefangen, auf betonierten Fundamenten Zelte zu errichten. Aber dafür hatten sie keine Baugenehmigung. Deshalb kamen die Soldaten und zerstörten acht Zelte und Unterstände. Dazu die einzige Latrine des Dorfes, die aus ein paar Wellblechwänden bestand. "Wir werden bleiben. Schließlich leben wir in dieser Gegend schon, seit hier die Türken herrschten", sagt Musa Mahamre. Die kleinen Weinstöcke und der dürre Feigenbaum haben die Frauen wieder aufgerichtet und gegossen. Das Wasser karren die Menschen in dem Dorf jede Woche für mehrere hundert Schekel über eine halsbrecherische Felspiste mit Tankanhängern heran.
Bei ihren jüdischen Nachbarn fließt dagegen Trinkwasser aus den Leitungen. Stromleitungen und asphaltierte Straßen führen hinauf nach Mitzpe Yair und Nof Nesher. Diese beiden Kleinsiedlungen auf den benachbarten Hügelkuppen sind illegal. Im Westjordanland sind davon in den vergangenen Jahren Dutzende ohne die vorgeschriebenen Genehmigungen entstanden. Ohne stillschweigende Billigung staatlicher Behörden hätten sie dort oben nie Strom oder Wasser bekommen und dazu noch den Schutz der israelischen Armee. Eigentlich hatten der israelische Verteidigungsminister Barak und seine Vorgänger schon vor Jahren versprochen, die meisten davon zu räumen. Im Unterschied zu den Beduinen in Bir al Id und anderen Palästinensern blieben sie jedoch bis heute mit wenigen Ausnahmen verschont. Diesen Teil des Westjordanlands nennen Menschenrechtler gerne den "Wilden Osten". Sie haben den Eindruck, dass dort die Siedler letztlich tun können, was sie wollen.
Ezra Nawi hat dort schon Schlimmeres miterlebt. Unter seinem großen braunen Hut schützt er sich mit einem weißen Tuch vor der Sonne. Auf den ersten Blick könnte der Israeli auch als Araber durchgehen. Der jüdische Klempner irakischer Herkunft kommt oft mehrmals in der Woche aus Jerusalem in die Hügel südlich von Hebron. In Bir al Id war er schon eine gute Stunde nachdem die Soldaten damit begannen, die Zelte abzureißen. "Sie zerstören Israel. Wir müssen mit den Palästinensern als gute Nachbarn zusammenleben, nicht wie Eroberer", sagt Ezra Nawi, der der israelisch-arabischen Gruppe "Taayush" (Zusammenleben) angehört. In dem Dorf kennt ihn jedes Kind. Die Siedler in der Umgebung auch: Sein Auto haben sie mit Steinen beworfen, in Israel musste der "Robin Hood der Hebron-Hügel", wie ihn die Zeitung "New York Times" einmal nannte, wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt einen Monat ins Gefängnis. An diesem Tag bespricht er mit Yehuda Shaul, wie sich Bir al Id wieder aufbauen lässt. Shaul leitet "Breaking the silence", eine israelische Gruppe, in der sich israelische Reservisten zusammengeschlossen haben, die gegen die Besatzung sind. Das südliche Westjordanland ist zu einem der wichtigsten Frontabschnitte im Kampf zwischen Siedlern und linken Aktivisten geworden.
In Bir al Id machen sie sich auch nicht zum ersten Mal an den Wiederaufbau: Fast zehn Jahre lang durften die ursprünglich fast 400 Einwohner ihre Höhlen nicht bewohnen. Die Armee und Siedler aus der Nachbarschaft hatten sie von dort vertrieben. Die israelische Bürgerrechtsgruppe, die "Rabbiner für Menschenrechte" setzte schließlich vor gut einem Jahr vor dem Obersten Gericht ihr Rückkehrrecht durch. Ezra Nawi und seine Freunde halfen ihnen dann, sich wieder dort einzurichten. "Das Urteil war ein Erfolg, aber die Botschaft dahinter klar: Wir lassen euch zurückkehren, aber nicht überleben", sagt Rabbiner Arik Ascherman. Die "Rabbiner für Menschenrechte", die der bärtige Israeli mit der roten Kippa auf dem Kopf jahrelang leitete, hat sich durch alle Instanzen geklagt. Aber Ascherman hält den Kampf noch nicht für entschieden. "Alles, was die Menschen über ihren Höhlen bauten, wurde sofort für illegal erklärt und erhielt eine Abrissanordnung", berichtet Ascherman. Denn Bir al Id liegt in der sogenannten C-Zone. In diesen Gebieten, in denen sich mehr als 220 israelische Siedlungen befinden, bestimmt alleine das israelische Militär. Anders als die Siedler erhalten die Palästinenser dort praktisch keine Baugenehmigungen. Vergeblich hatten die "Rabbiner für Menschenrechte" im Mai einen Flächennutzungsplan für das Dorf eingereicht, um die Zelte zu legalisieren. Den lehnten die Behörden ab, und die Soldaten rückten an, bevor es möglich war, juristisch Einspruch einzulegen.
"Wir haben den Eindruck, dass das hier alles zur Palästinenserfreien Zone werden soll und man versucht, die arabischen Einwohner dazu zu bringen, in die Städte der Autonomiegebiete zu ziehen", vermutet Rabbi Ascherman. Es könnte dahinter einen größeren Plan geben. Ihm und anderen Menschenrechtlern fällt auf, dass von der südlichen Grenze des Westjordanlands eine Reihe von Siedlungen wie ein Finger bis nach Qirjat Arba ragt. Das ist die Siedlung, die unmittelbar an den jüdischen Teil Hebrons grenzt. Ursprünglich sollten zudem Siedlungen wie Susiya und die anderen illegalen Außenposten samt den Beduinendörfern auf der israelischen Seite der Sperranlage liegen, die Israel im Westjordanland fast fertig gebaut hat. Diese Route wurde mittlerweile korrigiert und orientiert sich jetzt stärker an der grünen Linie, die bis zum Sechs-Tage-Krieg 1967 die Grenze zwischen Israel und den Palästinensergebieten markierte. Schon der Alon-Plan aus dem Jahr 1967 sah vor, die Gebiete südöstlich von Hebron Israel zuzuschlagen. Dort liegt auch Bir al Id.
Ihr Dorf wollen die Menschen aber auf keinen Fall ein weiteres Mal aufgeben. Seit einigen Monaten gibt es ein wenig Strom für Beleuchtung, Fernseher und die Buttermaschinen der Frauen. Die zwei Solarpanele sind Teil eines Hilfsprogramms, das in arabischen Dörfern in den Bergen südlich von Hebron den Bau dezentraler Solar- und Windkraftanlagen fördert. Auch die Bundesregierung unterstützt es mit mehr als 350 000 Euro. Die israelischen Soldaten haben bei ihrer letzten Aktion die Solarpanele in Bir al Id zwar nicht angetastet, aber das grüne Hauptkabel gekappt. Musa und seine Nachbarn haben es notdürftig geflickt, so dass es wenigstens wieder Licht in ihren Höhlen gibt.