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Wenn der Staat entführen lässt : Lockvögel, Schlafmittel, quietschende Reifen

  • -Aktualisiert am

Der israelische Whistleblower Mordechai Vanunu steckt auch 30 Jahre nach seiner Entführung immer noch in der Heimat fest. Bild: dpa

Berlin ist empört über die „präzedenzlose“ Entführung eines vietnamesischen Asylbewerbers durch Hanoi. Dabei hat die gewaltsame Rückführung abtrünniger Landsleute in die Heimat längst Tradition. Sogar unter Freunden.

          Ungeheuerlich klingen die Vorwürfe, die derzeit in Berlin an Hanoi gerichtet werden: Die Bundesregierung wirft dem vietnamesischen Geheimdienst vor, einen ehemaligen Parteifunktionär, der in Deutschland politisches Asyl beantragt hatte, Ende Juli auf offener Straße im Berliner Tiergarten entführt und nach Vietnam verschleppt zu haben. Der Fall illustriert ein altbekanntes Problem, vor dem nicht nur autoritär geführte Staaten in einer zunehmend globalisierten Welt stehen: Was tun mit flüchtigen Landsleuten, die sich in der Heimat etwas zu Schulden haben kommen lassen, wenn alle Auslieferungsgesuche scheitern? Der Blick in die Vergangenheit zeigt: Staatlich angeordnete Entführungen waren schon immer ein probates Mittel – auch auf deutschem Boden.

          Nach Rom gelockt

          Wenige Monate nach dem Tschernobyl-Unglück war es eine Sensation: Im Oktober 1986 berichtete die Londoner „Sunday Times“, Israel verfüge über genug waffenfähiges Plutonium für mehr als hundert nukleare Sprengkörper. Zuvor hatten sich israelische Politiker jahrzehntelang in zweideutiges Schweigen gehüllt, wenn es um das Atomprogramm des Landes ging. Doch es war nicht nur die längst vermutete Gewissheit, die international für Aufsehen sorgte, sondern auch die Umstände ihres Zustandekommens: Übergeben hatte die Informationen ein israelischer Techniker, der zuvor zehn Jahre lang in der Nuklearanlage bei Dimona in der Negev-Wüste gearbeitet hatte.

          Wenige Tage bevor seine Angaben veröffentlicht wurden, verschwand Mordechai Vanunu spurlos. Erst einen Monat später tauchte er in Israel wieder auf, wo er unter Ausschluss der Öffentlichkeit wegen Landesverrats und Spionage zu 18 Jahren Haft verurteilt wurde. Eine Agentin des Mossad, des israelischen Geheimdienstes, hatte ihn aus London nach Rom gelockt. Dort war Vanunu von weiteren Agenten überwältigt, betäubt und per Frachter nach Israel verschifft worden. Im Frühjahr 2004 kam Vanunu frei – unter zahlreichen Auflagen, die seine Bewegung und Kommunikation erheblich einschränken. Wegen Verstößen gegen diese Bedingungen wird er regelmäßig verhaftet und verurteilt, zuletzt im Juli dieses Jahres zu zwei Monaten Haft auf Bewährung. Die Ausreiseerlaubnis, die Vanunu immer wieder beantragt, wird ihm ebenfalls verweigert: Zu gefährlich ist der glühende Pazifist in den Augen der israelischen Regierung.

          Aus Liebe zur DDR

          Kaum eine Gefahr mehr stellte dagegen Jeffrey Carney dar, als Spezialagenten der amerikanischen Luftwaffe ihren Landsmann am 22. April 1991 im wiedervereinigten Berlin auf offener Straße in ein Auto zerrten. Mit quietschenden Reifen brachten die Amerikaner ihn nach Tempelhof, von dort aus wurde Carney über Frankfurt in die Vereinigten Staaten ausgeflogen. Acht Jahre zuvor hatte der damals Zwanzigjährige, der für die Army im West-Berliner Ortsteil Marienfelde stationiert war, versucht, sich in die DDR abzusetzen. Persönliche Probleme in der amerikanischen Armee, unter anderem die Angst vor der Aufdeckung seiner Homosexualität, aber auch seine Begeisterung für Deutschland spielten eine wichtige Rolle. Doch die Stasi hatte größere Pläne mit ihm: Einen wie Carney, der Einsicht in wichtige Militärdokumente hatte, konnten sie bei der Staatssicherheit nur zu gut gebrauchen. Ein Jahr lang steckte Carney fortan geheime Unterlagen und Berichte aus der amerikanischen Armee an seine neuen Dienstherren durch.

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