26.01.2001 · Während in Davos Politiker und Wirtschaftsführer tagen, treffen sich im brasilianischen Porto Alegre tausende Gegner der Globalisierung zum ersten Weltsozialforum.
Das Erste Weltsozialforum ist im südbrasilianischen Porto Alegre als Gegenpol zum gleichzeitig in Davos stattfindenden Weltwirtschaftsforum eröffnet worden. Rund 15.000 Menschen aus aller Welt - mehrheitlich Globalisierungsgegner - nahmen an einem vier Kilometer langen Protestmarsch unter dem Motto „Gegen Neoliberalismus und für das Leben“ teil.
Nobelpreisträger wie der portugiesische Schriftsteller Jose Saramago und Rigoberta Menchu aus Guatemala, Vorkämpferin für die Rechte der Indios, Vertreter von 900 regierungsunabhängigen Organisationen, Kirchen, Parteien und Minderheiten, Künstler und Gewerkschafter wollen fünf Tage über „humane und solidarische Alternativen zur geltenden Weltwirtschaftsordnung“ debattieren.
„Keine Klagemauer“
Auf dem Programm stehen Themen wie Schuldenerlass für die Länder der Dritten Welt, Reform der internationalen Finanzinstitutionen, Besteuerung der Kapitalflüsse sowie Abschaffung der Steuerparadiese.
Das Sozialforum werde „keine Klagemauer“ gegen Neoliberalismus und gegen das Kapital sein, versicherte Koordinator Oded Grajev. „Wir werden uns nicht auf Kritik beschränken, sondern auch Vorschläge, Erfahrungen und politische Initiativen präsentieren, die sich von dem unterscheiden, das wir 'Einheitsdenken' nennen“, erklärt der 56- jährige russisch-brasilianische Unternehmer. Zusammen mit dem Direktor von „Le Monde Diplomatique“, Bernard Cassen, hatte er die Idee zu dem Forum.
Der französische Landwirt und Fast-Food-Gegner Jose Bove sagte bei dem Treffen, das Forum symbolisiere „die Bildung einer legitimen Volksbewegung.“ Mit Blick auf das zurzeit tagende Weltwirtschaftsforum erklärte er: „Heute haben die Staatsoberhäupter und internationalen Bosse, die sich in Davos treffen, alle Legitimität verloren.“ Aktivisten kündigten an, gegen das Gipfeltreffen am 20. April im kanadischen Quebec zu protestieren, bei dem es um die Schaffung einer Freihandelszone für Nord- und Südamerika gehen soll.
Cardoso wirft Unterstützern Verschwendung vor
Brasiliens sozialdemokratischer Staatspräsident Fernando Cardoso kritisierte die Globalisierungsgegner als Menschen, „die die Industrialisierung rückgängig machen wollen“. Er warf den linken Regierungen der Stadt Porto Alegre und des Staates Rio Grande do Sul vor, durch die Mitfinanzierung des Treffens Geld verschwendet zu haben. Die halbe Million US-Dollar, die die Provinzregierung beigesteuert habe, sei Geld des Volkes, das nichts mit dem Treffen zu tun habe, sagte er. Provinzgouverneur Olivio Dutra entgegnete, Cardoso und seine Begleiter hätten allein bei einer jüngsten Asienreise mehr ausgegeben.
In Porto Alegre sind unter anderem auch die Frau des früheren französischen Staatspräsidenten, Daniele Mitterrand, der algerische Politiker Ahmed Ben Bella, der indonesische Studentenführer Dita Sari und der chilenische Schriftsteller Ariel Dorfman. Das Weltsozialforum soll in Zukunft jährlich stattfinden.