19.01.2004 · Kaum eine politische Bewegung hat in den vergangenen Jahren soviel Zulauf und Aufmerksamkeit erhalten wie die der "Globalisierungskritiker". Hunderttausende tagen zur Zeit in Bombay und suchen nach Wegen zu einer "anderen Welt".
Von Jochen BuchsteinerKaum eine politische Bewegung hat in den vergangenen Jahren soviel Zulauf und Aufmerksamkeit erhalten wie die der "Globalisierungskritiker". Hunderttausend Menschen, die sich dem Spektrum zurechnen, tagen zur Zeit in der indischen Metropole Bombay und suchen nach Wegen zu einer "anderen Welt". In nur vier Jahren hat sich das "Weltsozialforum", das die ersten drei Male im südbrasilianischen Porto Alegre abgehalten wurde, zur größten internationalen Politikveranstaltung entwickelt. Diese beeindruckende Erfolgsgeschichte verführt Veranstalter und Star-Aktivisten zu triumphalen Gesten.
Die Galionsfigur der internationalen Linken, die indische Schriftstellerin Arundhati Roy, rief in Bombay aus: "In Brasilien habe ich gesagt, eine andere Welt ist möglich, und sie ist unterwegs. In Bombay sage ich: Schaut euch um, die andere Welt scheint schon hier zu sein."
Selbst wer den Überschwang belächelt, kann kaum bestreiten, daß die Globalisierungskritiker in den vergangenen Jahren etwas erreicht haben. In der Weltbank oder dem Internationalen Währungsfonds, in der Welthandelsorganisation und in den großen Konzernen beschäftigen sich längst Fachleute, oft ganze Abteilungen mit Ideen, Argumenten und Kritiken, die auch auf den Weltsozialforen vorgetragen werden.
Selbst im Rahmen von Davos
Selbst im Rahmen des Davoser Weltwirtschaftsforums, als dessen Gegenpol das Weltsozialforum im Jahr 2001 erstmals zusammentrat, diskutieren Regierungschefs und Konzernvorstände mittlerweile die Fehlentwicklungen der Globalisierung und beraten über Justierungen. Vom westlichen Agrarprotektionismus über das mangelhafte internationale Schuldenmanagement bis hin zu den Exzessen im weltweiten Finanzverkehr - die Einsicht in die Unzulänglichkeiten der Globalisierung wächst.
Daß "etablierte Kritiker" wie der Finanztycoon Soros oder der UN-Umwelt-Repräsentant Töpfer womöglich stärker in die Institutionen hineingewirkt haben als der Graswurzelprotest, ändert nichts daran, daß aus der Szene der Nicht-Regierungs-Organisationen und der akademischen Welt seit vielen Jahren diskussionswürdige Anregungen und Vorschläge kommen. In Bombay stehen dafür Namen wie der Nobelpreisökonom Joseph Stiglitz oder der deutsche Umweltfachmann Wolfgang Sachs. Daß sich die Bewegung überwiegend zur Gewaltfreiheit durchgerungen hat - ins Bewußtsein drangen die Globalisierungskritiker mit ihren Ausschreitungen in Seattle, Genua oder Prag -, könnte ihren Einfluß verstetigen.
Sackgasse droht
Trotz dieser Tendenzen könnten die Globalisierungskritiker in eine Sackgasse steuern. Ihre Strategie, durch die Verbindung mit immer entlegeneren Protestbewegungen an Masse und Durchschlagskraft zu gewinnen, erweist sich als riskant. Von Bombay, wo in sechs Tagen 1200 Veranstaltungen stattfinden, geht kein faßbares Signal mehr aus. Wo tibetische Mönche gegen Peking demonstrieren und Sexarbeiter aus Indonesien mehr Rechte einklagen, wo afrikanische Frauen gegen ihre Benachteiligung opponieren und indische Unberührbare das Kastensystem geißeln, hat die Globalisierungskritik als Klammer ausgedient. In Bombay präsentiert sich nur noch ein diffuses globales Protestkonglomerat, das ohne Botschaft ist.
Trügerischer Ersatzkonsens
Das hat Folgen. Weil das notgedrungen banale Motto "Eine andere Welt ist möglich" keine identitätsstiftende Kraft entfalten kann, schält sich ein trügerischer Ersatzkonsens heraus: Wir sind gegen Bush. Eine neue Entdeckung ist der Antiamerikanismus nicht. Schon in Porto Alegre standen Seminare zum "US-Imperialismus" und Washingtons "neoliberalistischer Globalisierung" auf dem Programm, Zehntausende Teilnehmer demonstrierten gegen den damals bevorstehenden Irak-Krieg. In Bombay scheinen die antiglobalistischen Gladiatoren nun aber vollends der Versuchung zu erliegen, die Mißstände der Welt auf amerikanischen Schultern abzuladen.
Hinter den Kulissen führt das zu tiefgreifenden Widersprüchen. Die internationalen Antidiskriminierungsbewegungen, ob sie sich nun des Schicksals von Frauen, Schwulen oder Behinderten annehmen, verprellen mit einem antiwestlichen Gestus ihren wichtigsten Verbündeten. Auch die Vertreter unterdrückter Religionen und Volksstämme haben ihre wertvollsten Fürsprecher in der Regel in den Regierungen Europas und Amerikas. Und wenn Arundhati Roy zum "Widerstand" im Irak aufruft und den Boykott jener Firmen verlangt, die vom Wiederaufbau "profitieren", dann werden das weder die Delegierten der irakischen Menschenrechtsbewegung amüsant finden noch die deutschen Siemensarbeiter, deren Interessen in Bombay von eigens angereisten Gewerkschaftsführern repräsentiert werden.
Auf der Achse des Bösen, die das Weltsozialforum entworfen hat, liegen der "amerikanische Imperialismus" und die "neoliberale Globalisierung". Bedroht, heißt es, seien die Interessen des armen Südens. Daß diese simplistische Architektur mit der Wirklichkeit wenig zu tun hat, dürfte den reflektierteren Delegierten spätestens in Bombay bewußt geworden sein. Indien, das von Organisationen wie Attac als einer der "Helden von Cancún" gefeiert wurde, weil es auf der Welthandelskonfernez gemeinsam mit anderen Entwicklungsländern dem Norden "die Stirn geboten" hat, strafte das Weltsozialforum mit Nichtachtung.
Weder die Regierung in Delhi noch Fernsehen und Zeitungen beschäftigen sich mit der Massenveranstaltung in nennenswerter Weise. Statt dessen starrt die Nation gebannt auf die "Auto-Expo 2004" in der indischen Hauptstadt, die jene Modelle zeigt, die demnächst auf dem liberalisierten indischen Markt eingeführt werden. Warum den meisten Indern der Traum vom ersten Kleinwagen näher ist als die Furcht vor der Globalisierung des Automarkts, zählt zu den Fragen, die einige Delegierte mit nach Hause nehmen könnten.
Jochen Buchsteiner Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Süd- und Südostasien sowie Australien mit Sitz in Jakarta.
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