30.01.2002 · Genau vor einem Jahr fand in Porto Alegre das erste Weltsozialforum statt. Der Erfolg überraschte Veranstalter und Widersacher.
Von Gerhard Dilger, Porto AlegreGenau vor einem Jahr fand in Porto Alegre das erste Weltsozialforum statt. Der Erfolg überraschte Veranstalter und Widersacher.
Am Anfang stand die Idee des Oded Grajew: Während im Schweizer Davos Spitzenmanager und Politiker zum Weltwirtschaftsforum 2000 zusammenkamen, reiste der brasilianische Ex-Unternehmer durch Europa. „Da dachte ich mir, warum keine Gegenveranstaltung planen, in der soziale Fragen im Mittelpunkt stehen?“, erzählt der zierliche Mittfünfziger. Einen begeisterten Mitstreiter fand Grajew im Journalisten Bernard Cassen von der Monatszeitschrift "Le Monde diplomatique", der zugleich Vorsitzender des globalisierungskritischen Netzwerks Attac in Frankreich ist.
Kontrapunkt zu Davos
2001 wurde die Idee Wirklichkeit: Sechs Tage lang verwandelte sich Porto Alegre in eine Hochburg der Globalisierungskritiker. Brasilianische Landlose und Indígenas, afrikanische Intellektuelle, Basisaktivisten aus Indien, nordamerikanische Umweltschützer, französische Kommunalpolitiker, Feministinnen aus Australien - ein bunter Haufen „demokratischer Kosmopoliten“ nahm an überfüllten Workshops, Podiumsdiskussionen und Kulturveranstaltungen teil.
Aus über 120 Ländern waren 4.700 Delegierte und etwa 10.000 zusätzliche Teilnehmer gekommen. Der gewünschte Kontrast zu Davos stellte sich ein - etwa in der Berichterstattung der großen französischen oder brasilianischen Zeitungen. Aber auch im Austausch mit dem Weltwirtschaftsforum selbst: Eine transatlantische Videoschaltkonferenz geriet zum polemischen Schlagabtausch zwischen einem bunten Team aus Porto Alegre und George Soros, zwei UN-Beamten und einem schwedischen Unternehmer, die am Weltwirtschaftsforum teilnahmen.
Austausch statt offizieller Resolution
Die Vertreter von Nichtregierungsorganisationen aus aller Welt, die das Gros der Delegierten stellten, nutzten vor allem die Möglichkeit zum Informationsaustausch. Die Veranstalter versuchten erst gar nicht, die Vielfalt der Anwesenden und ihrer Vorstellungen in einem offiziellen Schlussdokument zusammenzufassen. Immer wieder verteidigten sie diese Entscheidung als bewussten Ausdruck des Pluralismus. Allerdings verabschiedeten hunderte von Organisationen einen „Mobilisierungsaufruf“, in dem die wesentlichen Anliegen der Forumsteilnehmer untergebracht sind.
Für Schuldenerlass und Tobin-Steuer
„Wir bauen an einem großen Bündnis für eine neue Gesellschaft jenseits der herrschenden Logik, wonach der freie Markt und Geld als einziger Maßstab gelten,“ heißt es darin einleitend. „Luft, Wasser, Land und Völker sind zur Ware geworden.“ Gefordert wird ein „bedingungsloser“ Schuldenerlass, die „Reparation historischer, sozialer und ökologischer Schulden“, die Abschaffung von Steuerparadiesen und die Besteuerung internationaler Finanztransaktionen, die so genannte „Tobin-Steuer“.
IWF, die Weltbank und regionale Banken, die Welthandelsorganisation WTO, die Nato und andere Militärbündnisse seien „einige der multilateralen Agenten der neoliberalen Globalisierung. Wir fordern ein Ende ihrer Einmischung in die nationale Politik“, lautet eine zentrale Passage der Erklärung.
Selbst eingefleischte Wirtschaftsliberale zollten dem Weltsozialforum Respekt. So schrieb etwa die „Financial Times“ von einer gelungenen „Attacke auf den Planeten Davos“.