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Welthungerhilfe-Jahresbericht : „Inakzeptabel, dass Deutschland seine Klimaziele nicht erreicht“

  • -Aktualisiert am

Die Präsidentin der Welthungerhilfe, Bärbel Dieckmann Bild: dpa

Die Welthungerhilfe sieht Fortschritte bei der Bekämpfung des Hungers. Doch bei Migration und Klimawandel habe Deutschland zu lange die Augen verschlossen, kritisiert Welthungerhilfe-Präsidentin Bärbel Dieckmann im Interview.

          Frau Dieckmann, weltweit befinden sich immer mehr Menschen auf der Flucht. Das verändert auch die Arbeit von Hilfsorganisation wie der Welthungerhilfe. Wie erleben Sie die Flüchtlingssituation in Ihrer Arbeit?

          Zunächst einmal muss man festhalten: Wenn ein großer Teil der 68 Millionen Menschen, die weltweit auf der Flucht sind, in ihren Ländern bleibt oder in Nachbarländern Zuflucht sucht, zeigt dies, dass der Druck auf Europa von vielen stärker wahrgenommen wird als er tatsächlich ist. Aus unserer Sicht gibt es zwei Gründe dafür, dass viele Menschen in der Nähe ihrer Heimat bleiben. Da ist zum einen der finanzielle Aspekt, viele Menschen können sich eine Flucht nach Europa nicht leisten. Zum anderen erleben wir einen stark ausgeprägten Wunsch von vielen Menschen, in ihrer kulturellen Heimat zu bleiben.

          Die Debatte um Flüchtlinge ist emotional aufgeladen, Stimmen nach einer restriktiveren Flüchtlingspolitik dringen – auch in Deutschland – durch. Ist es für Sie schwieriger geworden, sich mit Ihren Forderungen Gehör zu verschaffen?

          Ich hätte mir gewünscht, dass die Politik sehr viel früher und sehr viel offener über die Herausforderungen diskutiert, die durch Migrationsbewegungen entstehen. Mittlerweile stoßen wir dort mit unseren Forderungen auf offenere Ohren als noch vor einigen Jahren. Aber es hat auch uns in Deutschland lange zu wenig interessiert, was in Italien oder auf den griechischen Inseln passiert. Langfristig brauchen wir europäische Lösungen, die auch die Sorgen und Bedürfnisse der anderen Staaten berücksichtigen.

          Die Welthungerhilfe hat am Dienstag ihre Jahresbilanz für 2017 vorgestellt. Im vergangenen Jahr stand Ihnen mit 263 Millionen Euro eines der höchsten Budgets seit der Gründung zur Verfügung. Wo lagen die Schwerpunkte Ihrer Arbeit?

          Unsere Schwerpunkte lagen auch im letzten Jahr auf der Förderung ländlicher Entwicklung sowie der Wassergewinnung. In diesen beiden Bereichen liegen die größten Herausforderungen nach wie vor in Afrika, aber auch in Asien sind wir mit vielen Projekten vertreten. Die Situation der Rohingya-Flüchtlinge in Myanmar gestaltet sich sehr schwierig. Dort leisten wir Nothilfe.

          Gibt es Entwicklungen, die Ihnen Mut machen für die Zukunft?

          Mut macht uns die Tatsache, dass es abseits der vielen Konflikte und des Leids, das uns vielfach begegnet, einige positive Entwicklungen zu verzeichnen gibt. Der prozentuale Anteil von Menschen in Hunger sowie die Kindersterblichkeit sind zum Teil massiv gesunken. Darüber hinaus haben mittlerweile fast 90 Prozent der Menschen weltweit einen Zugang zu sauberem Wasser. Das alles macht Mut. Trotzdem gibt es auch Rückschritte.

          In welchen Bereichen?

          Neben zunehmenden Konflikten um Ressourcen bereitet uns vor allem der Klimawandel große Sorgen. Bislang wurden die Herausforderungen gerade in den Industrieländern nicht so angenommen, wie es nötig wäre. In den Vereinigten Staaten wird der Klimawandel vom Präsidenten geleugnet.

          Dorfbewohner gehen im kenianischen Bandarero an der Grenze zu Äthiopien am Kadaver eines Rindes vorbei.

          Welche konkreten Auswirkungen hat der Klimawandel?

          Wir beobachten in vielen Teilen der Welt eine Verschärfung der Lage. Stürme und Gewitterauswirkungen werden stärker, viele Menschen sind ungeschützt. In anderen Regionen sind Dürre-Phasen länger und häufiger geworden. Das bedeutet, dass Bauern bestimmte Flächen gar nicht mehr richtig bewirtschaften können oder sogar ihre Heimat verlassen müssen. Bei dem gleichzeitigen Bevölkerungswachstum, das wir vor allem in afrikanischen Ländern erleben, steigt damit auch die Gefahr von Versorgungsengpässen bei Nahrungsmitteln.  

          Welche Forderungen haben Sie an die Politik?

          Wir begrüßen die Erhöhung des entwicklungspolitischen Haushaltes, das haben wir schon länger gefordert. Darüber hinaus brauchen wir mehr private Investitionen und eine dringende Veränderung beim Klimaschutz. Dass ein Land wie Deutschland, das genug finanzielle Ressourcen besitzt, seine Klimaziele bis 2020 nicht erreichen wird, ist inakzeptabel.

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