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Welthandel Getürkte Spielregeln

09.09.2003 ·  Die Subventionen in den Industrieländern zerstören die Baumwollindustrie in Westafrika. Viele Länder im Sahelgürtel stehen angesichts des Preisverfalls bei ihrem wichtigsten Exportgut vor dem wirtschaftlichen Ruin.

Von Thomas Scheen, Abidjan
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Als der burkinische Präsident Blaise Compaore im Juni am Sitz der Welthandelsorganisation (WTO) in Genf vorstellig wurde, war dem westafrikanischen Staatschef nicht nach Freundlichkeiten zumute. Im Gegenteil: Compaore und mit ihm seinen Kollegen aus Mali, Benin und Tschad steht angesichts des Preisverfalls beim wichtigsten Exportgut Baumwolle finanziell das Wasser bis zum Hals, und schuld daran hätten, so die Afrikaner, Europa und die Vereinigten Staaten mit ihrer Subventionspolitik.

Compaore war in die Schweiz gekommen, um im Namen der baumwollproduzierenden Nationen West- und Zentralafrikas der WTO den Fehdehandschuh hinzuwerfen. Wenn es den Industrienationen Ernst sei mit der Bekämpfung der Armut in der sogenannten Dritten Welt, so Compaore, dann müßten bei den am Mittwoch begonnen WTO-Verhandlungen im mexikanischen Cancun die Subventionen für die eigenen landwirtschaftlichen Produkte abgeschafft werden. Falls dies nicht geschehe, wollen die Afrikaner notfalls vor der Schiedskommission der WTO klagen. Benin und Tschad hatten sich bereits im vergangenen Jahr einer Klage Brasiliens gegen die Subventionspraktiken der Amerikaner bei der Baumwolle angeschlossen.

Basis für Beginn einer Industrialisierung

Das "weiße Gold", wie Baumwolle auch genannt wird, ist einer der wichtigsten Rohstoffe speziell Westafrikas. Und wie kaum ein anderes landwirtschaftliches Produkt eignet sich Baumwolle aufgrund seiner Vielfältigkeit als Basis für den Beginn einer Industrialisierung. Baumwolle findet nicht nur als Rohstoff für Textilien Verwendung, sondern auch als Tierfutter und als Geschmacksverstärker in Keksen und diversen Salatdressings. Gleichwohl lassen sich am Beispiel der Baumwolle die Ungereimtheiten weltweit gültiger Handelspolitik beschreiben, die von den Starken für die Starken gemacht wird.

Seit fast 30 Jahren wird der Anbau von Baumwolle in Westafrika aus den obengenannten Gründen gefordert. Und die Forderungen von Weltbank und Internationalem Währungsfonds an die Entwicklungsländer, die Rohstoffmärkte zu liberalisieren, wurden weitgehend erfüllt. Heute gibt es für afrikanische Baumwollproduzenten zwar noch versteckte Subventionen in Form von verbilligtem Saatgut und Düngemitteln, aber keine Stützung des Verkaufspreises mehr.

Baumwollproduktion verfünffacht

In den zurückliegenden drei Jahrzehnten verfünffachte sich die Baumwollproduktion in West- und Zentralafrika von knapp 450.000 Tonnen auf nunmehr 2,3 Millionen Tonnen. Kein anderes Produkt hat in der Sahelzone mehr zur Verbesserung der Lebensumstände ländlicher Bevölkerung beigetragen als Baumwolle. Westafrika ist heute nach den Vereinigten Staaten und Usbekistan der drittgrößte Baumwollexporteur der Welt. Und droht an seinem Erfolg zugrunde zu gehen.

Schuld sind die Subventionen für die Baumwollproduzenten in Amerika und Europa. Die Europäische Union unterstützt die Produzenten in Spanien und Griechenland mit nahezu 700 Millionen Dollar jährlich, was - umgelegt auf den Weltmarktpreis - einer Bezuschussung von 160 Prozent entspricht. Dabei ist die Produktion von Baumwolle in Spanien und Griechenland fünfmal teurer als der Import. Und in den Vereinigten Staaten werden die 25.000 Baumwollpflanzer jährlich mit vier Milliarden Dollar gemästet. Das entspricht in etwa dem gesamten Bruttoinlandsprodukt von Burkina Faso, das sich auf 3,5 Milliarden Euro beläuft. Die Folge ist eine weltweite Überproduktion und damit einhergehend ein dramatischer Preisverfall. Heute ist Baumwolle so preiswert wie zu Beginn der Weltwirtschaftskrise in den dreißiger Jahren.

Haupteinnahmequelle für Devisen

Die Situation wird um so kritischer, als Baumwolle für einige Staaten im Sahelgürtel die Haupteinnahmequelle für Devisen darstellt. In Mali beispielsweise stellt Baumwolle 30 Prozent des Exportvolumens dar, in Burkina Faso sind es nahezu 50 Prozent. Etwa zehn Millionen Menschen von Senegal bis Tschad leben direkt von der Baumwolle. Die Sahelländer haben einen hohen Preis für das weiße Gold gezahlt, damals, als es hieß, mit Baumwolle würden sie reich.

Überdüngung, Monokulturen und das Anpflanzen der durstigen Baumwolle in Landstrichen, die dafür nicht geeignet sind, haben im Süden Malis zu einer Ausbreitung der Wüste geführt, der nun mit hohem Aufwand begegnet werden muß. "Wir haben den Preis gezahlt, und wir haben aus unseren Fehlern gelernt", sagt etwa Mohamed Ag Erlaf, der ehemalige Umweltminister Malis. "Jetzt brauchen wir nur eine Chance."

Forderung nach gleichen Spielregeln

Es besteht wenig Hoffnung, daß die Amerikaner ihre Subventionspolitik ändern. Doch auf die Amerikaner kommt es an, weil sie der größte Exporteur sind. Und daß die Afrikaner Ausgleichszahlungen bekommen für den Fall, daß die Subventionen beibehalten werden, ist ebenfalls ein frommer Wunsch. Rechtzeitig zum Auftakt der WTO-Handelsrunde in Cancun veröffentlichte die britische Hilfsorganisation Oxfam eine Studie über die handelstechnisch vergessenen Dritte-Welt-Staaten. Wie immer wurden dafür sehr theoretische Zahlenspiele bemüht.

Wenn Afrika etwa seinen Anteil am Welthandel um einen Prozentpunkt erhöhen könnte, würde das 70 Milliarden Dollar bringen, was wiederum dem Fünffachen der derzeit dem Kontinent gezahlten Summe in Form von Entwicklungshilfe und Schuldenerlaß entsprechen würde, so Oxfam. Das ist ebenso richtig wie naiv, denn selbst bei Wegfall aller Zollbarrieren für den Export in Industrienationen hätte Afrika auf Jahre hinaus nicht die Produktionsmittel, um der gestiegenen Nachfrage zu entsprechen. Außer bei Baumwolle. Da sind die afrikanischen Produzenten wettbewerbsfähig. Vorausgesetzt, für alle Teilnehmer gelten die gleichen Spielregeln.

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Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Afrika mit Sitz in Johannesburg.

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