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Welternährungsbericht Der Sieg über den Hunger rückt in die Ferne

22.11.2005 ·  Der Welternährungsbericht zeigt, daß der Anteil der Hungernden an der Weltbevölkerung sinkt, ihre Zahl aber dennoch steigt. Bis zum Jahr 2015 sollen wesentlich weniger Menschen an Unterernährung sterben, verlangt die UN.

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Der Hunger in der Welt geht ein wenig zurück, aber viel langsamer, als es sich Jacques Diouf, der senegalesische Generaldirektor der UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO), zum Ziel gesetzt hat. Um die Unterernährung zu einem Thema auf der politischen Tagesordnung zu machen, hatte Diouf 1996 Regierungs- und Staatschefs aus aller Welt zu einem Ernährungsgipfel versammelt und sie auf das Ziel verpflichtet, bis zum Jahr 2015 die Zahl der unterernährten Menschen zu halbieren.

Von der Frist von 19 Jahren, die Diouf und mit ihm der Welternährungsgipfel für dieses Ziel vorgegeben hatten, ist nun die Hälfte vergangen, ohne daß die Ökonomen der FAO große Verringerungen bei der Zahl der hungernden Menschen feststellen konnten. „Ohne größere Anstrengungen und mehr Fortschritte wird das Ziel nicht erreicht werden können“, schreibt nun Jacques Diouf im Ernährungsbericht für 2005.

Weniger Hungernde 2015

Aus der Sicht der FAO-Fachleute kann andererseits nicht gesagt werden, daß es keine Bewegung in Richtung einer Verringerung des Hungers gegeben habe. Doch ein Problem dabei ist, daß die Bevölkerung in den Entwicklungsländern von 1991 bis 2001 kräftig gewachsen ist, von etwa 4,05 Milliarden auf nunmehr 4,8 Milliarden Menschen. Wenn im gleichen Zeitraum die geschätzte Zahl der unterernährten Menschen von 824 auf 815 Millionen Menschen geschrumpft ist, bedeutet das in Prozentzahlen einen gewissen Fortschritt, denn damit sind nicht mehr 20 Prozent der Weltbevölkerung unterernährt, sondern etwa 17 Prozent.

Daher ist es aus der Sicht der FAO auch leichter, bis 2015 wenigstens den Anteil der unterernährten Menschen an der Weltbevölkerung von 20 auf 10 Prozent zu halbieren, wenn auch dann in absoluten Zahlen gerechnet die Zahl der unterernährten Menschen höher liegen wird als die früher als Maximalwert angegebene Zahl von etwa 400 Millionen. Dennoch wird aus heutiger Sicht erwartet, daß 2015 die unterernährten Menschen merklich weniger sein werden als zu Beginn der achtziger Jahre mit etwa 900 Millionen Hungernden.

In Asien gesunken, in Afrika am steigen

Ganz entgegen den Gepflogenheiten von UN-Organisationen geht die FAO mehr und mehr dazu über, mit ihren Statistiken Noten für die Ernährungslage und die Ernährungspolitik einzelner Länder zu verteilen und die Gründe für positive und negative Entwicklungen zu beleuchten. Zum einen zeigt die Analyse, daß innerhalb von zehn Jahren die Zahl der Unterernährten in Asien von 570 auf 520 Millionen gesunken ist. Wegen der um 400 Millionen Menschen gewachsenen Bevölkerungszahlen verringerte sich der Anteil der Hungernden von 20 auf 16 Prozent der Einwohner. In Lateinamerika schrumpfte dieser Anteil an der Bevölkerung von dreizehn auf zehn Prozent, in absoluten Zahlen von 60 auf 53 Millionen Menschen. In Afrika südlich der Sahara ist dagegen die Bevölkerungszahl innerhalb von zehn Jahren um 140 Millionen auf 620 Millionen gewachsen. Zugleich stieg nach der Statistik der FAO die Zahl der Unterernährten um 33 Millionen auf 203 Millionen.

Der Anteil der Unterernährten an der Gesamtbevölkerung nahm damit aber von 36 auf 33 Prozent ab, bildet aber immer noch den mit Abstand höchsten Wert aller Kontinente und Subkontinente, deren Ernährungslage von der FAO untersucht wurde. Noch größer sind die Unterschiede innerhalb einzelner Kontinente: Die FAO berichtet etwa von Peru, wo innerhalb eines Jahrzehnts der Bevölkerungsanteil der Unterernährten von 42 auf 13 Prozent gesenkt wurde und die Zahl der Hungernden von neun auf drei Millionen schrumpfte.

Schäden durch Naturkatastrophen

Andererseits wird für Venezuela berichtet, daß statt elf Prozent nunmehr 17 Prozent der Bevölkerung unterernährt seien. In Afrika südlich der Sahara wird von merklich gestiegenen Zahlen der Unterernährten in Kongo berichtet, mit einer Steigerung von 32 auf 71 Prozent der Bevölkerung oder von zwölf auf 35 Millionen Menschen. Andererseits gibt es eine Verbesserung der Ernährungslage in nun befriedeten ehemaligen Bürgerkriegsländern wie Angola oder Mozambique.

Nicht alle Veränderungen der Ernährungslage hängen dabei von der Politik ab. Die durch Naturkatastrophen entstandenen Schäden sind nach Angaben der FAO während der neunziger Jahre mit durchschnittlich 650 Milliarden Dollar im Jahr dreimal so groß gewesen wie zehn Jahre zuvor. Afrika wurde während der vergangenen Jahre von riesigen Heuschreckenschwärmen heimgesucht, zugleich auch von Dürre. Der Tsunami, der Asiens Küsten vor einem Jahr überrollte, hat die Fischerei und damit eine wichtige Nahrungsquelle verschiedener Länder geschädigt.

Zur Verringerung der Unterernährung dringt die FAO weiter auf mehr Investitionen in die Landwirtschaft und in die ländlichen Regionen der betreffenden Länder. Schließlich lebten drei Viertel der Unterernährten auf dem Land, berichtet Diouf. Das Ziel der Verringerung des Hungers dürfe nicht getrennt gesehen werden von anderen Zielen. Vielmehr ist für Diouf eine ausreichende Ernährung eine Vorraussetzung dafür, daß andere Ziele wie bessere Bildung, niedrigere Kindersterblichkeit oder mehr Umweltschutz erreicht würden.

Quelle: tp., F.A.Z., 23.11.2005, Nr. 273 / Seite 11
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