Home
http://www.faz.net/-gpf-163rw
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Weltausstellung in Schanghai Das Reich der Mitte ist zurück

03.05.2010 ·  Die Expo in Schanghai ist die Bühne, auf der die politische Führung Chinas ihre Erfolge präsentiert: Man ist stolz darauf, als erstes Schwellenland viele Milliarden für die größte Weltausstellung auszugeben. Kritische Stimmen werden unterdrückt. Nichts darf die scheinbare Harmonie stören.

Von Till Fähnders
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (3)

Mit der Weltausstellung in Schanghai kann sich China zwei Jahre nach Olympia noch einmal als neue Großmacht präsentieren. Das Land scheint dort angekommen zu sein, wo es sich immer gesehen hat: im Zentrum der Aufmerksamkeit. Wie einst in der Kaiserzeit bringen die Länder ihre Tributgeschenke. Allerdings nun nicht in die Hauptstadt Peking, sondern in die Metropole Schanghai, die das Symbol des chinesischen Wirtschaftswunders ist. Sie haben viele Millionen für ihre extravaganten Pavillons lockergemacht. Nur die Amerikaner zierten sich und bekamen darauf den Druck der Aufstiegsmacht zu spüren. Washington fühlte sich gedrängt, seine Außenministerin die Werbetrommel schlagen zu lassen, um eilig Sponsoren für seinen Pavillon zu finden. Offenbar sind nicht einmal mehr die Vereinigten Staaten in der Lage, von China unabhängige Entscheidungen zu treffen.

Die Expo ist die Bühne, auf der die politische Führung Chinas ihre Erfolge präsentiert, nicht nur vor den eingeflogenen Regierungschefs, sondern auch vor ihrem eigenen Volk. Vielen Chinesen geht es materiell viel besser als vor zehn, zwanzig, dreißig Jahren. Sie hungern nicht und haben mehr Möglichkeiten, ihr Leben zu gestalten. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte ist, dass unzählige Chinesen für das fast religiöse Gebot der Entwicklung täglich einen hohen Preis zahlen. In den Kohleminen kommen jedes Jahr Tausende Bergleute zu Tode. Nur mit Glück konnten bei dem jüngsten großen Unfall viele Menschen gerettet werden. Allein im vergangenen Jahr wurde bei fast 15.000 Arbeitern eine Staublunge diagnostiziert. Es gibt Regionen, in denen bei einem Drittel der Kinder erhöhte Bleiwerte im Blut gemessen werden.

Falsche Harmonie

Der neue Wohlstand ist zudem ungerecht verteilt. Das wurde den Menschen noch einmal nach dem Erdbeben in Westchina bewusst. Sie konnten im Fernsehen die bittere Armut der tibetischen Bevölkerung sehen. Für die reichen Provinzen an der Ostküste ist die Bezeichnung Entwicklungsland dagegen schon lange nicht mehr zutreffend. Denn China ist beides zugleich: Es steht an der Spitze des Fortschritts und hinkt ihm doch noch hinterher. Nirgendwo wird so viel in erneuerbare Energien investiert. Dennoch wird die Volksrepublik auf Jahrzehnte weiter die Umwelt zerstören und die Luft verpesten, alles zum Wohle der „Entwicklung“.

Es ist nicht nur deshalb eine falsche Harmonie, die den Menschen auf der Expo vorgegaukelt wird. Überall im Land gibt es Konflikte. Meist entzünden sie sich an illegalen Landnahmen und Enteignungen. Aber auch Umweltprobleme, Korruption und Behördenwillkür können der Grund sein. Mit ihrer Angst vor „luan“, dem Chaos, und dem Beharren auf „wending“, der Stabilität, verschlimmern die Behörden die Auseinandersetzungen häufig nur noch. Es bleibt ihnen dann fast nichts anderes mehr übrig, als sie mit Gewalt zu ersticken. Ähnlich springt die politische Führung mit den Dissidenten und Bürgerrechtlern um. Sie verspricht mehr Rechtsstaatlichkeit und geht gleichzeitig gegen Anwälte vor.

Kritische Stimmen unterdrückt

Die Probleme sind bekannt, aber sie geraten allzu schnell in Vergessenheit, besonders bei Besuchen ausländischer Politiker. Die lassen sich gern von Wachstumszahlen und Glitzerfassaden einlullen und sind beeindruckt, wenn ihre Gesprächspartner Worte wie Menschenrechte, Demokratie und Umweltschutz in den Mund nehmen. Dabei merken sie nicht, dass die Chinesen mit diesen Begriffen meist etwas völlig anderes meinen als wir. Ganz ähnlich ist in Schanghai nun während der Expo viel von „Nachhaltigkeit“ die Rede. Das ist gut, weil es ein Bewusstsein für das schafft, was getan werden muss. Aber die Realität im chinesischen Hinterland ist davon noch meilenweit entfernt.

Über diese Dinge wird wenn überhaupt, dann nur außerhalb der Expo gesprochen. Stattdessen wird eine Scheinwelt aufgebaut. China ist stolz darauf, als erstes Schwellenland viele Milliarden für die größte Weltausstellung auszugeben. Peking scheint darin keinen Widerspruch erkennen zu können. Es verspürt darüber auch keine Scham. Und wie es aussieht, wird es aus dem Ausland darin bestätigt. Das wäre der bisher größte Erfolg der chinesischen „soft power“, der „sanften Macht“, von der das Land zum eigenen Bedauern so wenig besitzt.

Die Regierung in Peking sieht diesen Mangel an Darstellungsmöglichkeiten als eigentlichen Grund für Chinas schlechten Ruf. Einer Umfrage zufolge haben 71 Prozent der Deutschen ein negatives Bild von China. In Peking wird das auf „negative“ Berichterstattung zurückgeführt. Dort kann sich offenbar niemand vorstellen, dass die Menschen in Deutschland sich ehrliche Sorgen über die soziale, ökologische und politische Wirklichkeit in China machen. Aber das tun sie, und das müssen sie sogar, viele Menschen in China machen sich dieselben Sorgen. Zum Anlass eines Großereignisses wie der Weltausstellung werden kritische Stimmen unterdrückt. Nichts darf die scheinbare Harmonie stören. Vernünftige Einsichten werden mit Nationalstolz übertüncht.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1976, politischer Korrespondent für Südostasien.

Jüngste Beiträge

Brandsatz Syrien

Von Günther Nonnenmacher

In Syrien ist ein voll entfalteter Bürgerkrieg im Gang. Assad geht mit aller Härte vor, weil er fürchtet, dass jedes Nachgeben als Zeichen der Schwäche gewertet wird. Die Opposition hofft, das Regime mit der Zeit zu zermürben. Dieser Konflikt könnte den gesamten Mittleren Osten in Brand setzen. Mehr 4 1