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Weihnachten : Von Menschen und Bäumen

  • -Aktualisiert am

Bild: dapd

Der Wald - für die Deutschen ein Ort voller Gefahren, Gefühle, Romantik und Erholung. An Weihnachten wird er besonders gebraucht.

          In diesen Tagen sind sie wieder unterwegs, mit Sägen und Äxten bewaffnet: Es gilt, einen Weihnachtsbaum - und dies meist recht dilettantenhaft - selbst zu schlagen, bei dem man weiß, was man an ihm hat, weil man weiß, woher er kommt. Und wurde nicht unlängst geklagt, bei einem Drittel aller auf den Märkten angebotenen Weihnachtsbäume habe man Rückstände von Pestiziden entdeckt?

          Kein Zweifel: Der selbst geschlagene Weihnachtsbaum hat für viele den Status der Milch von glücklichen Kühen und der Eier von freilaufenden Hühnern. Es lebe der Bio-Weihnachtsbaum, der auch ruhig ein wenig krumm gewachsen sein kann (wie es Immanuel Kant ja sogar dem Menschengeschlecht insgesamt zuschreibt).

          Gott sei Dank ist noch niemand auf die Idee gekommen, den Weihnachtsbaum abzuschaffen. Zuzutrauen wäre uns klimabewegten Deutschen, die wir uns auch um die Regenwälder allüberall sorgen, das schon; und gerade unserem Volk wird ja vielerorts ein ganz besonders inniges Verhältnis zum Baum und dessen Kollektiv, dem Wald, nachgesagt.

          Das hat eine lange Geschichte. Schon den Römern grauste es - nachzulesen bei ihren Historikern - vor Germaniens Wäldern, die für sie so etwas gewesen sein müssen wie heute die Arktis. Man stelle sich einmal einen römischen Soldaten vor, der aus dem sonnenüberfluteten Sizilien stammte oder aus noch südlicheren Gefilden des Imperium Romanum und den man - etwa zur Abwehr der angeblich so kriegerischen Chatten oder anderer Germanenstämme - an den Limes beorderte. Wie muss er sich gefühlt haben, zum Beispiel wenn ein römischer Spähtrupp die damals noch weitaus undurchdringlicheren Wälder Germaniens durchstreifen musste? Der Teutoburger Wald, in dem die Römer unter dem unglücklichen Feldherrn Varus im Jahre 9 nach Christus eine ihrer empfindlichsten Niederlagen erlitten, wurde für sie zu einem schweren Trauma, während dieser Sieg der Germanen über die Weltmacht in späteren Zeiten bisweilen (auch) deutschen Größenwahn anfachte. Ein "Freund" war da der Wald so wenig wie der Baum.

          Dem deutschen Wald haftet auch eine dunkle Seite an

          Da halten wir es doch lieber mit dem Lindenbaum, den Franz Schubert besang, und mit den Wäldern und Auen, zu denen Carl Maria von Weber im Freischütz die Musik komponierte. Der Wald der Romantik, das ist eine in vielem typisch deutsche Angelegenheit - wie die Romantik überhaupt. Er ist zutiefst mit dem Pantheismus verbunden, der philosophischen Grundlage für das entgrenzende Naturgefühl, das die Romantik trug - die Dichter ebenso wie die Musiker. Schon Lessing und Goethe hatten ja ihren Spinoza gelesen; romantische Philosophen wie Schelling und sein Tübinger Spezi Hegel transformierten den Spinozismus zu einer Identitätsphilosophie: Hen kai pan. Eines ist alles, alles ist eins. Wer in die Natur ging, vor allem in den Wald, konnte dort den Mantel der Gottheit rauschen hören, denn Spinozas "natura naturata" war das Kleid des Schöpfers.

          Durch Wälder und Auen zu streifen, um am Ende der Wanderung bei einer "Wirtin, wundermild", einzukehren - das haben nicht nur die deutschen Volkslieder besungen, das ist bis heute eine der Existenzialien der Deutschen. Der Ausflug ins Grüne, das stundenlange Wandern zumal - wer könnte solches Tun etwa einem Amerikaner vermitteln? Und Waldlehrpfade - wo gibt es die sonst noch als Ausdruck einer systematischen Lehrhaftigkeit?

          Doch wie der deutschen Romantik, so haftet auch dem deutschen Wald eine dunkle Seite an. Im Wald lauert hier und da auch Gefahr. Schiller schickt seine Räuber nicht umsonst in die böhmischen Wälder, und Wilhelm Hauff lässt seine Räuberbande im dunklen Tann des Spessart ihr Unwesen treiben. Da ist er wieder, der unheimliche Wald, der schon die Legionen des Varus das Fürchten lehrte.

          Innerlichkeit und Innigkeit

          Zum absoluten Waldhüter der Deutschen wurde Joseph von Eichendorff. Man hat darauf hingewiesen, dass er die Wälder gerade in jenem Augenblick in seinen Gedichten zu besingen begann, als die industrielle Revolution Deutschland erfasste und den Wald massiver als früher zu bedrohen begann. Gewiss: Auch zuvor hatte man für vielerlei Zwecke Holz geschlagen, doch die Beschleunigung und Intensivierung der Tätigkeiten, die alle mit der industriellen Revolution und ihrem Prinzip der Effektivität einzogen, machte auch vor dem Wald nicht halt. Sie gipfelt heute im Waldsterben, das nicht beendet zu sein scheint und vielen noch immer Sorge bereitet.

          An Weihnachten wird der Tannenbaum - ob nun selbst geschlagen oder auf dem Markt gekauft - in Millionen Haushalten erstrahlen und eine Stimmung verbreiten, die man ebenfalls besonders uns Deutschen zuschreibt: Innerlichkeit und Innigkeit. Gerade derjenige, der sich um die Wälder in Deutschland, Russland oder Brasilien sorgt, sollte die Empathie zum Baum nicht verachten. Die Zahl derjenigen, die keine Empathie zur Natur insgesamt haben, die immer nur in Maß und Zahl, etwa in Festmetern, rechnen, ist schon groß genug. "Öko" ist heute in aller Munde; doch werden wir damit vorankommen, wenn wir die Natur allein als "Umwelt" begreifen? Ein Stück Spinozismus täte möglicherweise allen gut.

          Quelle: F.A.Z.

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