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Walter Scheel 90 Härte in charmanter Verpackung

08.07.2009 ·  Weder fühlte er sich reif fürs Altenteil, noch wollte die Bezeichnung „Altbundespräsident“ bei seinem Abschied zu ihm passen: Walter Scheel war noch nicht sechzig Jahre alt, als er aus seinem letzten und höchsten politischen Amt schied.

Von Stefan Dietrich
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Walter Scheel war noch nicht sechzig Jahre alt, als er am 30. Juni 1979 aus seinem letzten und höchsten politischen Amt schied. Sowenig wie er sich selbst reif fürs Altenteil fühlte, so wenig wollte die Bezeichnung „Altbundespräsident“ damals zu ihm passen. Gustav Heinemann, sein Vorgänger, war 15 Jahre älter und gesundheitlich angeschlagen, als er auf eine zweite Amtszeit verzichtete. Scheel dagegen hat sich seine Wiederwahl selbst verbaut. Zehn Jahre zuvor hatte er Heinemann ins Amt verholfen und sich selbst das Eintrittsbillett in eine sozial-liberale Koalition verschafft, indem er dafür sorgte, dass die FDP in der Bundesversammlung für den Kandidaten der SPD stimmte. Das hat ihm die Union nicht vergeben, und deren Stimmen hätte er für eine erfolgreiche zweite Kandidatur gebraucht.

Auch wegen der Kürze seiner Amtszeit erscheint Walter Scheel im Rückblick als einer der leichtgewichtigen Bundespräsidenten – weniger politisch als Gustav Heinemann, weniger prägend als Theodor Heuss, der einzige Vorgänger mit FDP-Parteibuch. Zeitgenossen ist er als sanguinische Frohnatur in Erinnerung, als singender Präsident, der sein Amt in schwieriger Zeit – verdüstert durch den „Deutschen Herbst“ und wirtschaftlichen Niedergang – mit rhetorischem Glanz und staatsmännischer Würde versah, auf unverkrampfte Weise volkstümlich sein konnte, im Ausland eine gute Figur und der Politik wenig Scherereien machte. „Würde braucht kein Podest“, sagte er selbstbewusst, „aber einen Träger.“

Sieben Tage lang amtierender Bundeskanzler

Dem Politiker Scheel wird dieses Bild des sympathischen, stets auf Konsens bedachten, eher unpolitischen Repräsentanten nicht gerecht. Es verdeckt das Vorleben des überaus zielstrebigen Aufsteigers – sein Vater war Handwerker –, der mit allen Wassern gewaschen war, bevor er die letzte Stufe der Karriereleiter erklomm.

Scheel war Stadtrat in seiner Heimatstadt Solingen, Landtagsabgeordneter in Düsseldorf, Bundestagsabgeordneter, Europaabgeordneter, Bundesminister in drei schwarz-gelben und in einer rot-gelben Koalition, Bundestagsvizepräsident, Parteivorsitzender und – nach Brandts Rücktritt – sieben Tage lang sogar amtierender Bundeskanzler, bevor er Staatsoberhaupt wurde. Nebenbei unterhielt er enge Kontakte in die Wirtschaft: zunächst als Geschäftsführer der Stahlwarenfabrik seines Schwiegervaters, später als selbständiger Wirtschaftsberater und in Aufsichtsräten. Eine einjährige Banklehre zwischen Abitur und Kriegsbeginn war die einzige Qualifikation, die er dafür mitbrachte. Erfolg und Aufstieg verdankte er seinem wachen Geist, seinem – wie er es ausdrückte – „behutsamen Umgang mit Menschen“ und einer aufs persönliche Fortkommen gerichteten Härte.

28 Jahre lang eine Domäne der FDP

In der nordrhein-westfälischen FDP, der er 1946 beitrat, gehörte Scheel zu den sogenannten Jungtürken um Erich Mende und Willy Weyer, die 1956 den christlich-demokratischen Ministerpräsidenten Arnold stürzten, indem sie einen Koalitionswechsel von der CDU zur SPD herbeiführten. Konrad Adenauer hinderte das nicht, Scheel 1961 in sein Kabinett aufzunehmen. Für Scheel wurde das Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit geschaffen, das er auch noch im ersten und zweiten Kabinett Erhard führte. In der Zeit der ersten großen Koalition war es wiederum Scheel, der aus der Opposition heraus die Annäherung der FDP an die SPD vorbereitete. Als Nachfolger des glücklosen Parteivorsitzenden Mende hatte er die Prokura für diskrete Gespräche mit Brandt über die Wahl des Bundespräsidenten Heinemann. Dieser Coup kostete die FDP zwar viele nationalliberale Anhänger und bescherte ihr fünf Monate später auch herbe Verluste bei der Bundestagswahl, mündete aber in die erste sozial-liberale Koalition.

Scheel war der erste Freie Demokrat, der das Auswärtige Amt für sich beanspruchte, das dann 28 Jahre lang eine Domäne der FDP war. Als weitgereister ehemaliger Entwicklungshilfeminister brachte er dafür einige Erfahrungen mit. Ausschlaggebend für Bundeskanzler Brandt aber dürfte gewesen sein, dass er in Scheel einen überzeugten Verfechter der „neuen Ostpolitik“ an seiner Seite hatte. Dem einstigen Luftwaffenoffizier, der den Krieg vom ersten bis zum letzten Tag mitgemacht hatte, war die Verständigung mit den Nachbarn ein ebenso politisches wie persönliches Anliegen.

Noch lange hatte seine Stimme Gewicht

Scheel war auch der erste deutsche Außenminister, der Israel besuchte. Konzeptionell wurde die „Entspannung“ mit Moskau, Warschau und Prag zwar im Kanzleramt von Egon Bahr vorangetrieben. Scheel wuchs jedoch über die Rolle des Erfüllungsgehilfen hinaus, als er bei den Vertragsverhandlungen in Moskau einige Verbesserungen gegenüber dem vorzeitig bekanntgewordenen Bahr-Papier erreichte. In dem Maß, wie das eigene Profil des Außenministers und Vizekanzlers sichtbar wurde, stiegen auch die Wahlergebnisse der FDP wieder.

Verwitwet seit 1966, heiratete Scheel 1969 die 13 Jahre jüngere Röntgenologin Mildred Wirtz, die auf dem Bonner Parkett sogleich durch ihr selbstbewusstes Auftreten von sich reden machte. An der Seite des Bundespräsidenten verschaffte sich Mildred Scheel ein eigenes Tätigkeitsfeld mit der Gründung der Stiftung Deutsche Krebshilfe, der sie über ihre Zeit als „First Lady“ hinaus zu ungeheurem Spendenaufkommen verhalf. Ihr Tod im Jahr 1985 fand große Anteilnahme. Walter Scheel, seit seinem Auszug aus der Villa Hammerschmidt Ehrenvorsitzender der FDP, stellte sein Ansehen indessen in den Dienst kultureller, europapolitischer und sportlicher Einrichtungen. Im Präsidium seiner Partei hatte seine Stimme noch lange Gewicht. Mit seiner dritten Frau lebt er seit einem Jahr nicht mehr in Berlin, sondern im badischen Bad Krozingen. An diesem Mittwoch begeht Walter Scheel seinen neunzigsten Geburtstag.

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