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Wahlmaschinen Mit „iVotronic“ gegen „Votomatic“

 ·  Vor dreißig Jahren galt sie als Spitzentechnologie: Die amerikanische Wahlmaschine „Votomatic“. Als technische Errungenschaft gekürt, wurde sie bei der Präsidentenwahl vom November 2000 für viele Wähler zum Albtraum.

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Wahrhaftig, hier steht noch einer, und sogar die „chads“ liegen noch herum. „Vor dreißig Jahren war das Spitzentechnologie“, sagt Seth Kaplan, Pressesprecher des Wahlamts von Miami-Dade, zeigt auf das „corpus delicti“ auf wackeligen Füßen und lacht - halb verlegen, halb belustigt. Vor vier Jahren aber sollten die „Votomatic“ genannten Wahlmaschinen, die hier im Landkreis Miami-Dade und anderswo in Florida 1972 angeschafft wurden und auch bei der Präsidentenwahl vom November 2000 zum Einsatz kamen, zum Albtraum werden.

Die „Maschinen“ bestehen aus einem Klapptisch mit dünnen Metallbeinen, drei Sichtschutzwänden aus Kunststoff, einer Vorrichtung zum Einführen des länglichen Wahlzettels und einem besonderen Stift - einer Art Kugelschreiber ohne Mine -, mittels welchem die „chads“ genannten Papierschnipsel neben dem Namen des Kandidaten aus dem Wahlzettel „herausgestanzt“ werden müssen.

Struktureller Fehler entschied die Wahl

Weil sich aber Tausende der „chads“ nicht vollständig von dem dicken Papier hatten lösen wollen, sondern hängengeblieben waren - das waren die berüchtigten „hanging chads“ -, konnten die Zählmaschinen die Wahlentscheidung auf diesen Wahlzetteln nicht erkennen und werteten sie automatisch als ungültig.

Das mag ein struktureller Fehler dieses technisch nicht sehr anspruchsvollen Wahlsystems gewesen sein, mit dem man aber leben konnte, solange die Entscheidung nicht so knapp war wie zwischen George W. Bush und Al Gore vor vier Jahren. Denn wenn der Unterschied der für die Kandidaten abgegebenen Stimmen geringer war als die Hälfte der von den Zählmaschinen als ungültig gewerteten Stimmzettel, mußte eine Auszählung „von Hand“ vorgenommen werden.

Papierschnipsel bestimmen den Lauf der Geschichte

Das Exemplar der Votomatic-Maschinen, das in der lichten Eingangshalle des Wahlamtes von Miami-Dade zu Demonstrationszwecken steht, war vor vier Jahren bei den Wahlen auch im Einsatz. Die Papierschnipsel, die bis heute in der transportablen Wahlkabine herumliegen, könnten im November 2000 den Lauf der Geschichte mitgeschrieben haben.

Wenn damals nicht Bush mit dem Vorsprung von 537 Wählerstimmen den Bundesstaat Florida und damit den Kampf ums Weiße Haus gewonnen hätte, nachdem das Oberste Gericht die Nachauszählung weiterer strittiger Stimmzettel untersagt hatte, sondern Vizepräsident Al Gore, säße Saddam Hussein heute dann noch in einem seiner Paläste statt in einer Gefängniszelle am Bagdader Flughafen? Hingen der Einmarsch im Irak, ja der Lauf der Weltgeschichte an ein paar Papierschnipseln in Miami-Dade und Broward?

„Keine Pannen mit 'iVotronic'“

Seth Kaplan jedenfalls ist überzeugt, daß die neuen Wahlmaschinen namens iVotronic ihren Dienst ohne nennenswerte Pannen erledigen werden. Wie die Wahlcomputer im Laptop-Format funktionieren, demonstriert er an einem Ausstellungsstück, das gleich neben dem Votomatic-Saurier steht.

Die Sache ist schon deshalb stabiler, weil die neuen Geräte auf einen herkömmlichen Tisch gestellt werden und nicht auf einem mitgelieferten Klappgestell herumwackeln. Nachdem ein Wahlhelfer ein Steuergerät zur Freigabe des Wählvorgangs in einen kleinen Schacht neben dem Bildschirm eingeführt und wieder herausgeholt hat, kann es losgehen.

Aufschriften auch in Kreolisch

An den alten Geräten von 1972 waren die Aufschriften und Anleitungen noch zweisprachig - englisch und spanisch. Heute ist hier im Wahlamt und in allen anderen Behörden von Miami-Dade sowie in den Programmen der neuen Wahlmaschinen alles auch zusätzlich in Kreolisch formuliert, dem Idiom der Haitianer.

Kreolisch ist seit einigen Jahren dritte Amtssprache im Landkreis Miami-Dade mit seinen gut 2,4 Millionen Einwohnern und etwa 970 000 Wählern. 59 Prozent der Einwohner des bevölkerungsreichsten Landkreises des Staates Florida sind Latinos, etwa die Hälfte davon sind kubanischer Abstammung. Der Bevölkerungsanteil der Schwarzen liegt bei gut 20 Prozent, in der Mehrzahl Haitianer, so daß fast vier Fünftel der Einwohner von Miami-Dade aus der Karibik und aus Mittelamerika stammen.

Geduldiger Wahlcomputer

Wir suchen uns für die Testwahl Kreolisch und kommen trotz ungenügender Sprachkenntnis problemlos durch den Prozeß des Wählens am „touch screen“. Der Wahlcomputer ist geduldig und fragt nach jeder Berührung des Bildschirms mit dem Zeigefinger, ob wir auch wirklich diesen Kandidaten (mit einem Phantasienamen) wählen wollen.

Korrekturen sind jederzeit möglich, und erst zum Schluß, nachdem der große signalrote Knopf am oberen Ende des Bildschirms mit der Aufschrift "Vote" gedrückt ist, bedankt sich die Maschine artig mit einem „Mési paske w vote“, was auf kreolisch naturgemäß „Danke, daß Sie gewählt haben“ heißt.

Technik hat sich bewährt

Über insgesamt 7200 tragbare Wahlcomputer, zum Transport in stabile schwarze Koffer verpackt, verfügt der Landkreis Miami-Dade, um die 559 Wahllokale am 2. November auszustatten. In der Lagerhalle des Wahlamtes sind sie penibel in riesige Stahlregale gestapelt - wenn sie nicht von hilfreichen Geistern gerade gewartet oder mit der entsprechenden Software „gefüttert“ werden.

Zum ersten Mal kamen die Computer bei den Vorwahlen zur Gouverneurswahl im September 2002 zum Einsatz, mittlerweile seien die allermeisten Probleme behoben, die Technik habe sich in Dutzenden von Abstimmungen bewährt, sagt Seth Kaplan, der schon von Berufs wegen Vertrauen in die neue Technik haben muß.

Computer ohne „paper trail“

Das aber teilen nicht alle, vor allem weil die Computer, die ihre „gesammelten“ Stimmen im eigenen Arbeitsspeicher ablegen und das Ergebnis zudem über eine Telefonleitung an den Zentralrechner übermitteln, keinen „paper trail“ hinterlassen. Denn die Laptops verfügen nicht über einen Anschluß zu einem Drucker, der das Ergebnis ausdrucken könnte - was die Technik für allerlei Pannen anfällig macht und zumal eine Nachauszählung erschwert.

In anderen Bundesstaaten, etwa in Nevada, druckt jeder Computer das ermittelte Wahlergebnis aus - und der Wähler erhält zudem eine gedruckte Quittung für seine Stimmabgabe. In Florida kommen in 15 der 67 Landkreise die Wahlcomputer zum Einsatz, in 52 Landkreisen vertraut man auf von Hand ausgefüllte Wahlzettel, die dann von optischen Scannern gelesen und gezählt werden. Die Mitarbeiter der Wahlämter wünschen sich gewiß alle ein klares Ergebnis, damit die von der Technik verursachten „Unschärfen“ nicht ins Gewicht fallen. Aber ob der Wähler das auch wünscht?

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.10.2004, Nr. 248 / Seite 6
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Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

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