01.05.2005 · Vor der Unterhauswahl in Großbritannien an diesem Donnerstag versuchen der britische Premierminister Tony Blair und sein Gegner Michael Howard mit ausgeklügeltem Marketing Stimmen zu gewinnen.
Von Bettina Schulz, LondonAm 5. Mai ist Unterhauswahl in Großbritannien, und bisher sah alles danach aus, daß Premierminister Tony Blair einen dritten Wahlsieg davontragen würde. Dabei hat sein Widersacher, der konservative Michael Howard, in dieser Wahlkampagne kein Mittel des modernen Wahlkampfes gescheut.
Selten wurde so aufwendig um die Gunst der Wähler geworben. Howard heuerte als erstes die australischen Wahlhelfer Lynton Crosby und Mark Textor an, zwei Marketingexperten. Ihr Rat: Rede der Bevölkerung Angst ein - zum Beispiel vor den „unkontrolliert eindringenden Asylanten und Immigranten“ -, und die Wähler entscheiden sich für die restriktive Einwanderungspolitik einer konservativen Partei. Fortan war die Einwanderungspolitik Hauptthema der Tories.
Hilfe von Karl Rove
Trick Nummer zwei, den auch Labour beherrscht: Auftritte der Spitzenkandidaten werden geschickt für das Fernsehen inszeniert. Mit Hubschraubern lassen sich Blair und Howard in wahltaktisch wichtige Stadtteile einfliegen, wo Wechselwähler überzeugt werden müssen. Das applaudierende Publikum wird nach Alter und ethnischer Zugehörigkeit fotogen zusammengestellt und die kritische Presse außen vor gehalten.
Und die wichtigste Wahltaktik: Konzentriere den Wahlkampf auf die Wechselwähler, auf die es wirklich ankommt. Verschwende keine Zeit und kein Geld für eine nationale Kampagne. Howard triumphierte zu Beginn des Wahlkampfes: „Eigentlich müssen wir nur 838.000 Wähler in 165 Wahlkreisen überzeugen.“
Wie man dies anstellt, ließen sich Howard und seine Wahltaktiker bei einem Besuch des amerikanischen Wahlkampfstrategen der Republikaner, Karl Rove, zeigen. Dieser verkaufte den Tories ein Software-Paket „Voter Vault“.
Wechselwähler umwerben
Die Software von „Voter Vault“ ermöglicht es, persönliche Daten von Verbrauchern so zu verarbeiten, daß sie für Direktmarketing von Parteien genutzt werden können.
Rückschlüsse aus dem Verbraucherverhalten erlauben es, Listen von Wechselwählern zusammenzustellen, die dann mit modernsten Marketingmethoden wie regional individuellen Wurfsendungen oder Kampagnen über E-Mail und Telefon umworben werden.
„Dumm, daß diese Wähler, die in der Regel unpolitisch sind, kaum Zeitung lesen und sich von jedem banalen Slogan fangen lassen, plötzlich so wichtig sind und so umgarnt werden“, schimpfte der „Independent“.
Der gläserne Wähler ist geboren
Doch die beiden großen britischen Parteien haben viel vom amerikanischen Wahlkampf gelernt. Beide nutzen eine von dem Dienstleister Experian eingespeiste Software „Mosaic“. Individuelle Daten von Verbrauchern aus Volksbefragungen, Wählerlisten, Gerichtsurteilen, Kundenkarten, Abonnementslisten und sonstige Details, die sich im modernen Zeitalter der Datenerfassung sammeln lassen, werden mit Hilfe von „Mosaic“ in demographische Profile sortiert.
Nach ihnen werden dann die 23 Millionen britischen Haushalte in soziale Gruppierungen aufgeteilt. Kombiniert mit den Verbraucherdaten, läßt sich dann herausfiltern, welches demographische Profil die Wähler bestimmter Postbezirke haben. „Das System sagt uns mit einer Genauigkeit von 82 Prozent voraus, wo es welche Wähler gibt, die für unsere Kampagne entscheidend sind“, heißt es bei den Tories. Der gläserne Wähler ist geboren. Noch nie haben beide Parteien soviel Geld für Telefonkampagnen, Wurfsendungen und Direktmarketing aufgewendet, um gerade diese Wähler aufs Korn zu nehmen.
Vertrauensverlust in der Bevölkerung
Ob die Rechnung der modernen Wahlstrategen allerdings aufgeht, ist fraglich. Der europäische Datenschutz erlaubt es den Parteien nicht, die Daten der Bevölkerung so zu nutzen, wie dies in Amerika möglich ist. Das begrenzt den Erfolg dieser modernen Taktik.
Zudem zeigt sich, daß die Wähler von den aufgesetzten und inszenierten Wahlmanövern abgestoßen werden: Seit Beginn des Wahlkampfes haben fast alle britischen Nachrichtensendungen 200.000 Zuschauer verloren, und die Prognosen des Wahlausgangs haben sich nur marginal verändert.
All die inszenierte Wahlpropaganda verblaßt, wenn die Wähler das Vertrauen verlieren: sei es gegenüber Howard, dessen fast ausländerfeindliche Kampagne viele Sympathisanten verschreckte; oder sei es gegenüber Blair, dessen Halbwahrheiten zum Irak-Krieg zu einem Vertrauensverlust in der Bevölkerung geführt haben, den selbst die besten Computerprogramme nicht wieder wettmachen können.