13.08.2005 · Es knirscht im Unionshaus: Edmund Stoiber spürt, daß Angela Merkel wohl in wenigen Wochen Bundeskanzlerin wird. Manche meinen, insgeheim halte sich der bayerische Ministerpräsident noch immer für den Kandidaten.
Von Eckart LohseSchweden grenzt an Hamburg? Für den Pisa-Test heißt die Antwort: nein. Aus bayerischer Perspektive sieht es anders aus. „Ihr nördlicher Nachbar Schweden“, formuliert Edmund Stoiber am Dienstag abend hinter der Hamburger Sankt-Petri-Kirche, als er drei-, vielleicht vierhundert im Regen ausharrenden Zuhörern erklärt, daß so ziemlich alle Länder Europas besser dastünden als das rot-grün regierte Deutschland.
Natürlich weiß Stoiber, daß zwar Dänemark eine Grenze mit Schleswig-Holstein hat, Schweden indessen keine mit Hamburg. Aber aus bayerischer Sicht verschwimmen außerhalb des Freistaates leicht die Konturen, zumal wenn es gen Norden geht. Für den Osten gilt das allerdings noch mehr, wie gerade deutlich wird.
Der rastlose Wahlkämpfer aus München
Die kühlen Tage, die dieser August zu bieten hat, sind in Hamburg noch kühler, besonders abends, kurz vor halb acht, nach fast einer halben Stunde des Wartens auf den Wahlkämpfer der CSU. Geradezu unwirtlich wird es, wenn der Nieselregen von einer steifen Brise noch in die sommerliche Kleidung massiert wird auf einem kleinen Platz hinter einer Kirche, der von Bauzäunen und Polizeiabsperrungen eingeengt wird und an dessen Baumbestand furchtsame Bürger die Warnung genagelt haben: „Tauben füttern verboten. Ratten!“ Wie weit ist der weiß-blaue Himmel über München entfernt.
Entfernt ist auch der Mann, der eigentlich den rastlosen Wahlkämpfer aus München willkommen heißen müßte, Hamburgs Erster Bürgermeister Ole von Beust von der CDU. Der macht 40 Tage vor der Wahl lieber Ferien auf Sylt. Immerhin nicht in Südfrankreich oder Italien, wie die CDU-Regierungschefs aus Düsseldorf und Dresden. Und da Stoiber das Herz auf der Zunge trägt, gibt er der norddeutschen Tristesse einen Namen und sagt seinen Zuhörern zur Begrüßung, was er von ihrem Klima hält: „Hamburger Schmuddelwetter“. Irgendwie wollen Stoiber und die Welt außerhalb Bayerns nicht zueinander passen.
Merkel lobt Ostdeutschland
Zur nämlichen Zeit, Dienstag abend, im Osten, in Berlin. Angela Merkel, die Frau, von der Stoiber eigenem Bekunden nach will, daß sie Bundeskanzlerin wird, steht im Trockenen. Während er noch auf sich warten läßt, hat sie schon losgelegt. Sie spricht vor einem Publikum der Industrie- und Handelskammer. Merkel lobt Ostdeutschland. Das hält sie wohl für angebracht, nachdem ihr Parteifreund Schönbohm, Innenminister in Brandenburg, Verbindungen zwischen einer neunfachen Kindstötung und der DDR-Gesellschaft als solcher hergestellt hat. Schönbohm, der vor drei Jahren noch Stoiber ins Kanzleramt einziehen sehen wollte und nach dessen Scheitern auf Merkel umschwenkte, sitzt in der ersten Reihe. Zur Strafe dafür, daß er die Wahlchancen der CDU im Osten gefährdet hat, muß er sich anhören, daß es um die Bildung der Sachsen bestens stehe, sie den Bayern dicht auf den Fersen seien, es in Brandenburg aber düster aussehe.
Merkel macht Wahlkampf, wie Stoiber. Nur anders. Ihr über Minuten entwickeltes differenziertes Bild von Ostdeutschland hat nichts mit den - erst zwei Tage später die überregionale Öffentlichkeit erreichenden - Verbalinjurien zu tun, die Stoiber zu diesem Zeitpunkt längst über die „Frustrierten“ ausgeschüttet hat. Merkel wirbt, bittet um Verständnis, erklärt ihre Position. Stoiber schlägt zu, läßt mit einem einzigen Satz das stereotype Bild von „Laptop und Lederhose“ lebendig werden, das die Bayern gerne selbst von sich malen. Die von der SPD geforderte Reichensteuer auf hohe Vermögen kommentiert er mit seiner Mischung aus sprachlicher Eleganz und Bierzeltigkeit: „Meine sehr verehrten Damen und Herren, da werden Sie im Prinzip - verarscht.“ Und weil es ihm Spaß zu machen scheint, im Hamburger Abendregen so unhanseatische Worte zu sagen, bescheidet er einen Störer, mit dem Zwischenruf zeige er nur, daß er „gerne verarscht“ werde.
Das Eis wird dünner
Es knirscht im Unionshaus. Es ist das Geräusch, das entsteht, wenn dicke Eisschichten reißen, schnell und über lange Strecken, von Süden nach Norden, von Osten nach Westen. Manchmal wird das Geräusch fast zu einem peitschenden Knall. Die Union wähnte sich auf dickem Eis, das bis tief hinein ins Kanzleramt tragen würde, als dessen Noch-Hausherr Schröder am 22. Mai verkündete, im September solle gewählt werden. Nun, da die Umfragewerte sinken, das Eis dünner wird und es zumindest nicht mehr ausgeschlossen scheint, daß der Wunsch-Koalitionspartner FDP auf einer weggebrochenen Eisscholle haarscharf am Kabinettssaal vorbeitreibt, kommt Unruhe auf.
Zuerst richtete sie sich auf die Wahlkampfführung im Konrad-Adenauer-Haus, weniger auf die Kandidatin, die Brutto und Netto verwechselt, als auf ihren Generalsekretär Kauder, der nicht offensiv genug reagiert habe. Manche kritische Stimme ist in der CDU zu Kauder zu vernehmen, leise freilich und nicht öffentlich. Vorschläge werden unterbreitet. Statt so zu tun, als habe Merkel gar keinen Fehler gemacht, hätte man doch sagen sollen, es sei besser, sich einmal zu versprechen, als - wie Schröder - sieben Jahre lang Versprechen zu brechen. Mancher wünscht sich mehr Biß gegen den politischen Gegner.
Die Kritik an Kauder ist Produkt allmählicher Nervosität, ist noch Erwartung, konstruktiv gemeinte Aufforderung, nun endlich loszulegen. Wie gesagt, sie richtet sich nicht gegen Merkel. Schließlich sei nur ein Wahlkampf sinnvoll, der zur Kandidatin passe, ist oft zu hören. Die ist nicht laut, nicht polternd aggressiv. Auf den Marktplätzen des Wahlkampfes sagt sie Sätze wie den: „Das müssen wir miteinander bereden.“ Kauder sieht keinen Grund, Stil und Strategie zu ändern: „Selbst in einem Wahlkampf müssen die Menschen Attacken auf den politischen Gegner noch für glaubwürdig und überzeugend halten. Die Attacke um der Attacke willen, die als reines Wahlkampfgetöse verstanden wird, überzeugt niemanden.“
Rätselraten über Stoiber
Dann der Knall. Als hätte sich nichts geändert in all den Jahren, kommt er aus Bayern. Kein Wort mehr in der CDU von Brutto und Netto, alle Augen und Ohren sind auf Edmund Stoiber gerichtet. Rätselraten bei der CDU in Berlin und den Ländern, was den Bayern zu seinen Angriffen auf die ostdeutschen Wähler treibe. Nur eines schließen alle aus, bekräftigen es, als wollten sie sich den letzten Rest Überzeugung injizieren: Stoiber wolle nicht den Wahlsieg Merkels gefährden. Unterhalb dieser Ebene trauen die Christlichen Demokraten Stoiber jedoch so ziemlich alles zu. Letztlich heißt die Erklärung, man habe es mit einer Mischung aus bayerischem Wahlkampfstil und rücksichtsloser Profilierung der CSU gegenüber der Schwesterpartei zu tun. Der ein oder andere versteigt sich zu der Mutmaßung, Stoiber wolle nach der Wahl darauf hinweisen, daß die CSU mehr zum Sieg beigetragen habe als die FDP, und damit Ansprüche auf den Posten des Vizekanzlers geltend machen.
Wutausbruch der Kandidatin
Noch gelingt es der CDU-Führung in Berlin, die Parteifreunde landauf, landab von allzu aggressiven Reaktionen auf Stoiber abzuhalten. Kaum war Stoibers Angriff auf die „Frustrierten“ in Ostdeutschland öffentlich geworden, äußerte Kauder intern zwar Verständnis für die Wut gerade der ostdeutschen CDU-Freunde, bat aber darum, die Sache nicht durch scharfe öffentliche Reaktionen weiter eskalieren zu lassen. Im Konrad-Adenauer-Haus werden Berichte, Merkel habe am Donnerstag ein deutliches Telefonat mit Stoiber geführt, weder bestätigt noch dementiert. Am Donnerstag abend wendet sich die CDU-Vorsitzende im Fernsehen gegen „Wählerbeschimpfung“. Gemessen an ihrer sonstigen öffentlichen Lautstärke, ist das ein Wutausbruch.
Vermutlich steckt noch mehr hinter Stoibers Verhalten als kurzfristiges Machtkalkül. Er, der vor drei Jahren Kandidat der Union war, denke offenbar, er befinde sich noch im Wahlkampf des Jahres 2002, mutmaßen einige in der CDU. In dieser Annahme dürfte viel Wahrheit stecken. Stoiber steht dem einzigen CSU-Politiker, der es schon einmal bis zum Kanzlerkandidaten geschafft hat - Franz Josef Strauß - in bayerischem Selbstbewußtsein nicht nach. Strauß verlor 1980 die Bundestagswahl mit Pauken und Trompeten, Stoiber 2002 um Haaresbreite.
Wie einst bei Strauß
Strauß mußte damit leben, daß drei Jahre später Helmut Kohl die Wahl für die Union gewann. Das empfand er als Niederlage, aber immerhin gegen einen männlichen, katholischen einstigen Ministerpräsidenten aus der Tiefe der Bundesrepublik. Dieser Kohl entdeckte ein knappes Jahrzehnt später die bis dahin politisch weitgehend unbedarfte Angela Merkel, eine junge, protestantische Ostdeutsche, die bis heute kaum in Stoibers Weltbild paßt. Jedenfalls nicht als Bezwingerin. Doch weiß Stoiber, daß Angela Merkel wohl Bundeskanzlerin werden wird, in wenigen Wochen. Das alles muß ihm vorkommen wie eine späte Rache Helmut Kohls für die Unbill, die Strauß ihm zugefügt hat.
Mittwoch nachmittag, 17 Uhr. zwei-, vielleicht dreitausend Menschen stehen trotz der Ferienzeit auf dem Kennedy-Platz in Essen. Sie hören Angela Merkels werbenden, stellenweise fast schüchternen Wahlkampferklärungen zu und scheinen eine Stimmung mitgebracht zu haben, die sich als wohlwollende Neugier beschreiben läßt. In einer Region, in der die SPD noch vor wenigen Monaten versucht hat, mit Kritik an Ostdeutschland Sympathie zu gewinnen, und kläglich gescheitert ist, wird die Frau aus Mecklenburg-Vorpommern von einem westlichen, großstädtischen Zufallspublikum beklatscht.
Diesmal ist kein Schmuddelwetter, wie tags zuvor in Hamburg. Zum Wahlkampfauftakt der Unionskandidatin ist der Himmel von strahlendem Blau. Fast könnte man meinen, man sei in Bayern.
Eckart Lohse Jahrgang 1963, Leiter des Büros der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
Jüngste Beiträge