Es klingt von überall her wie seltsames Vogelgezwitscher: der Singsang ihres Vornamens wie eine altmodische Haustürklingel, der Nachname des dritten Mannes, der klingt wie das Gurren einer Taube, und schließlich die scharfe, im Französischen seltene Endung des Nachnamens des Favoriten, die jedem Satz über ihn einen kleinen, scharfen Alarmklang verleiht.
Wegen des unverkennbaren Klangs dieser Namen ist jede politische Diskussion leicht als solche auszumachen, und überall wird jetzt, eine Woche vor dem zweiten Wahlgang der Präsidentschaftswahl, politisch diskutiert: in der Metro, in den Läden, den Cafés und Restaurants und zur Not auch mitten auf der Straße wie jenes mittelalte, ärmlich gekleidete Paar, eine Rothaarige und ein Schwarzer, die, mit Einkaufstüten behangen, ihren Streit erst mal austragen mussten, bevor sie den Heimweg fortsetzen konnten. Irgendwie ging es um Sarkozys Großvater und was denn der Enkel für ihn könne, wollte die Frau wissen, und ob diese ganze Aufrechnerei und Streiterei nicht mal aufhören könne. Dabei geht sie womöglich erst richtig los.
Die Medien sind längst ausgeflippt
Nach zwölf verlorenen Jahren unter dem politischen Chamäleon Jacques Chirac erwacht das Land, nein, das ist untertrieben, es springt im politischen Dreieck: Zwischen Ségolène, Bayrou und Sarkozy, immer hin und her und seitwärts und wieder zurück. Die Medien sind längst ausgeflippt. Nicolas Sarkozy ist schlicht jeden Tag im Fernsehen, und zwar seit Jahren, die anderen beiden kürzer, aber nun umso heftiger.
Über der Stadt flirren die Gerüchte wie Blütenstaub und Smog: Seit Januar gab es kein gemeinsames Foto mehr von Sarkozy und seiner Frau, Cecilia. Sie soll mit dem auch in Deutschland bekannten Bestsellerautor Marc Levy liiert sein und Ostern mit ihm in Biarritz verbracht haben. Cecilia Sarkozy - noch so eine Französin, die nicht genau weiß, wohin mit sich. Ségolène hingegen braucht keine Gerüchte: Ihre engste Umgebung gibt vertrauliche Informationen direkt an Zeitungen, sie ist von Verrätern umgeben, selbst ihr eigener Mann bezeichnet sich als ihr „politischer Konkurrent“. Die Dinge sind also klar.
Der Boulevard als Bühne
Das Schlüsselwort der Saison des Wahlkampfs heißt Sehnsucht: „Désirs d'avenir“ heißt Ségolène Royals Internetplattform, „Un Pouvoir nommé Désir“ lautet der Titel der ersten Sarkozy-Biographie.
Für die Sehnsucht und die Sorgen des aus zwölfjährigem unruhigem Schlaf erwachenden Landes bieten sich verschiedene Bilder an, aber keins ist so treffend wie die nächtlichen Inlineskater des 6. Arrondissements, junge Männer und Frauen im klassischen schwarzen Anarcholook, die nachts über die breiten Boulevards des Studenten- und Univiertels sausen, das tagsüber zugleich als eine Art intellektuelles Disneyland für Schwerreiche fungiert.
Fahrzeuge werden wie Lianen genutzt
Normalverdiener und Studenten können sich das ehemalige Existentialistenviertel längst nicht mehr leisten. Nachts kreuzen bloß Taxis, Limousinen und schwere Wagen über die leeren Boulevards, an den Ampeln und Kreuzungen aber nützt ihnen die Stärke ihrer Motoren nichts, dann sausen die Inliner herbei, hängen sich an die Griffe und fahren mit. Sie zerstören nichts, klauen nichts, fragen allerdings auch nicht um Erlaubnis, die Fahrzeuge werden wie Lianen genutzt, ergriffen und wieder losgelassen, wenn sich ein neuer Wagen nähert, ganz schnell geht das. Der Boulevard wird zur Bühne, es ist ein fast allabendlich gegebenes, lautloses Ballett, ein wenig bedrohlich und sehr riskant. Manchmal kommt die Polizei, aber immer zu spät.
In diesem Viertel, an der Sorbonne nämlich, arbeitet auch der junge, angesehene Historiker Olivier Christin, allerdings tagsüber und ohne Rollen unter den Schuhen. Er sieht die Politisierung des Landes nicht nur positiv: Die Franzosen seien von ernsten, existentiellen Sorgen geplagt und sähen in der Politik ihr letztes Mittel, eine Art Sicherheitsventil. Aber wird das funktionieren? Werden die Kandidaten in der Lage sein, das Land mit sich zu versöhnen, den Alltag (die Mieten, die Preise, den Irrsinn der Bürokratie) weniger beschwerlich zu gestalten und das Leben etwas lebenswerter zu machen?
„Bitte sparen Sie sich und mir diese Namen“
Noch immer sind die Franzosen beim Verbrauch von Psychopharmaka Spitze. Schlaflosigkeit ist eine Volkskrankheit. Was vermag die Politik für unser Leben? Das ist die tiefere Frage, der besorgniserregende Unterstrom der euphorischen Wellenbewegungen. Denn Sehnsucht ist kein politischer Begriff, Künstler und Intellektuelle kennen sich mit so was aus, sie muss man also aufsuchen, wenn man die Lage des Landes erörtern will.
Für Sarkozy tritt allerdings kaum einer öffentlich auf, eine Ausnahme ist der Philosoph und frühere Bildungsminister Luc Ferry. Ihn zu kontaktieren ist als gewöhnlicher sterblicher Redakteur einer Zeitung aus dem befreundeten Ausland quasi unmöglich, die Telefonate mit seinem Sekretariat sind wie aus einer antifranzösischen Satire: „Es wäre für eine deutsche Zeitung, nämlich die Frankfurter ...“ - „Monsieur, bitte sparen Sie sich und mir diese Namen, die mir ohnehin nichts sagen werden!“
„Sie hätten mal den Hass erleben müssen“
Die Sternstunde der Dame kam, als sie mir die E-Mail-Adresse diktierte, unter der man dem hohen Denker submissest einige Fragen stellen konnte. Diese E-Mail enthielt unter anderem das Kürzel „gouv“ für - erklärte sie mir mit einigem Tremolo in der Stimme - „Gouvernement“, als ob das in den Stammesgesellschaften jenseits des Rheins eben noch nicht als bekannt vorausgesetzt werden könnte, und dann kam endlich das Länderkürzel: „fr, Monsieur, pour: La France!“ Sicher ist die beherzte Dame dabei aufgestanden. Die Mail habe ich dann doch nicht geschrieben, eine Antwort wäre ohnehin erst nach Redaktionsschluss eingetroffen, die obrigkeitliche Süffisanz des Vorgangs ist Antwort genug.
Dafür ist ein anderer zu Hause: Erik Orsenna war fast auch mal Minister, hat den Prix Goncourt gewonnen und ist Mitglied der Académie Française. Er wohnt in einem unscheinbaren Haus auf einem kleinen Hügel etwas abseits des Quartier Latin, der der Wachtelhügel genannt wird. Wenn er die Tür öffnet, ist man woanders, ein Innenhof mit riesigen Puppen aus Mali, Fotografien, es wirkt wie ein Museum der Vielfalt der Welt. Seine literarisch ambitionierten Sachbücher, über den Golfstrom oder, als „Weiße Plantagen“ bei C.H.Beck auf Deutsch erschienen, über die Baumwolle erreichen höchste Auflagen. Er unterstützt die sozialistische Kandidatin. Als er sich unlängst mit ihr zum Essen traf, entstand das Gerücht, er werde im Falle eines Wahlsiegs ihr Kulturminister: „Sie hätten mal den Hass erleben müssen, der mir augenblicklich aus meinem Milieu entgegenschlug!“, sagt er und lacht nicht.
„Wir müssen weniger arbeiten, weil wir intelligenter sind“
Orsenna ist ein pessimistischer Mann geworden. Der Zustand der Welt treibt ihn um, aber es klingt nicht danach, als sähe er in den Parteien, ja selbst nicht in nationalen Regierungen den Schlüssel zur Lösung. Orsenna sitzt im Staatsrat, schreibt Bücher, hält Vorträge, arbeitet von Sonnenaufgang an bis in die dunkle Nacht, seit vielen Jahrzehnten. Arbeit ist sein Leben. „Wenn mir Freunde sagten, ich solle mal etwas kürzer treten, habe ich immer geantwortet: ,Schlagt mir doch etwas vor, was interessanter ist als meine Arbeit.‘“
Beliebter habe ihn so eine Antwort natürlich nicht gemacht. Seine größte politische Enttäuschung hängt auch mit diesem Begriff zusammen: „Eines Tages kamen wir, die sozialistische Partei“, erregt er sich, „und haben unter Lionel Jospin der Welt erklärt, die Franzosen würden von nun an nur noch 35 Stunden in der Woche arbeiten! Was für ein Signal: Wir müssen weniger arbeiten, weil wir intelligenter sind als der Rest der Welt.“
Paris ist ihm, obwohl er hier alles erreicht hat, zu klein geworden. Er redet lieber ausführlich über die Wasserknappheit in Indien oder die unregelmäßigen Ernten in Mali. Die Sorgen der ganzen Welt sind ihm neue und schwere Arbeit für die langen, auch von ihm durchwachten Nächte.
Lob der Zerbrechlichkeit
Auf der anderen Seite der Seine, wenige Gehminuten von Pigalle entfernt, gibt es ein größeres, versteckteres Haus, in dem ein gebildeter und vor allem entspannter Pariser sich das Treiben der Stadt von seinem Hügel aus betrachtet, es ist der legendäre Drehbuchautor Jean Claude Carrière, ein fröhlicher 75-Jähriger mit einer jungen Frau. Bei Luis Buñuel hat er seine Karriere begonnen, kaum eine Größe des Films, die er nicht kennt. Er bewohnt ein Landhaus mitten in Montmartre, ein ehemaliges Bordell und Casino, wie er sich freut.
Carrière ist nicht nur Drehbuch- und Bühnenautor sowie Librettist, er hat auch einen beeindruckenden weisen Essay über „Fragilité“ geschrieben, ein Lob der menschlichen Zerbrechlichkeit, Verwundbarkeit und Empfindlichkeit, ein Thema, das sich an diese Zeiten der Sicherheitsbeschwörungen und politischen Inszenierungen wendet, obwohl er es lange vor dem Wahlkampf geschrieben hat. „Politiker sind eine bedrohte Spezies wie Dorfpfarrer. Beides sind aussterbende Berufe, ohne Nachwuchs. Denn sie müssen, wenn sie Politik machen, drei Dinge voraussetzen: dass es die Realität gibt, dass wir etwas über sie wissen können und dass wir auf sie einwirken können. Und an allen drei Sätzen habe ich doch sehr starke Zweifel.“
„Sarkozy erinnert mich an Louis de Funès“
Er lacht sich tot. Ihm fällt ein Zitat eines in den 1930er Jahren amtierenden Premierministers ein - Carrière hat vor Jahren mal ein geniales Wörterbuch der Dummheit herausgegeben -, der zu Protokoll gab: „Wir werden der Krise mit den angemessenen Mitteln begegnen.“ - „Das ist doch bis heute die Grundform jeder politischen Aussage. Immer muss die Regierung so tun, als wisse sie alles, als könne sie alles beeinflussen, doch die Menschen spüren, dass das nicht wahr ist. Es ist nur ein weiterer untauglicher Versuch, die eigene Zerbrechlichkeit zu verbergen. Von der Zerbrechlichkeit aber leben alle schönen Künste, es ist das, was uns Menschen durch die Jahrhunderte verbindet. Nur deswegen können wir heute noch Racine und Shakespeare verstehen.
Gerade Sarkozy aber sucht sie zu verbergen, umso mehr aber spürt man sie auch bei ihm. Er erinnert mich darum zunehmend - ein Freund hat mich mal auf die Ähnlichkeit aufmerksam gemacht - an Louis de Funès.“ Carrière macht ihn nach, lacht sich wieder schief, seine Katze ergreift die Flucht.
Alles kommt in Paris heute auf Sarkozy zurück, auf seinen Slogan: „Tout devient possible“. Eine Hälfte des Landes liest das wie ein Versprechen auf Fahrtwind nach zwölf Jahren im Stau, die andere als Drohung.
La grande Nation
franz Ujvar (ujvar)
- 29.04.2007, 12:19 Uhr