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Wahlanalyse Die Schere schließt sich

Bestes, höchstes, niedrigstes - das Wahlverhalten der Deutschen bei dieser Bundestagswahl lässt sich nur unter Zuhilfenahme diverser Superlative interpretieren. Der Wähler macht die kleinen Parteien größer. Union und SPD können hingegen immer weniger auf langfristige Parteiloyalitäten vertrauen.

© dpa Vergrößern Abgeräumt: Schon kurz nach der Wahl wurden in Berlin die ersten Wahlplakate beseitigt

Bestes, höchstes, niedrigstes - das Wahlverhalten der Deutschen am 27. September lässt sich auch am Tag danach nur unter Zuhilfenahme einer bisher für kaum möglich gehaltenen Anzahl von Superlativen interpretieren. Der Verlust von mehr als sechs Millionen oder annähernd 40 Prozent der Zweitstimmen im Vergleich zur Bundestagswahl von 2005 bescherten der SPD mit annähernd zehn Millionen Zweitstimmen und einem Stimmenanteil von 23 Prozent (minus 11,2 Prozentpunkte) das absolut wie relativ schlechteste Wahlergebnis seit 1949.

Daniel Deckers Folgen:  

Die CDU unter dem Vorsitz von Bundeskanzlerin Merkel büßte im Vergleich zu 2005 1,3 Millionen oder zehn Prozent der Stimmen ein. Aufgrund der mit 70,8 Prozent niedrigsten Wahlbeteiligung seit 1949 erzielte die CDU dennoch einen gegenüber 2005 nur geringfügig niedrigeren Stimmenanteil von 27,3 Prozent. Die Verluste der Schwesterpartei CSU waren prozentual noch höher als die der CDU. In Bayern büßte die CSU im Vergleich zur vergangenen Bundestagswahl mehr als 600 000 oder 15 Prozent der Stimmen ein. Zum Gesamtergebnis der Unionsparteien von 33,8 Prozent trug die CSU 6,5 Prozent bei.

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Die drei „kleinen“ Parteien FDP, Linkspartei und Grüne erzielten ihr jeweils bestes Ergebnis bei einer Bundestagswahl. Mit einem Stimmenzuwachs um etwa 30 Prozent und einem Stimmenanteil von 14,6 Prozent (plus 4,7 Prozentpunkte) wurden die Freien Demokraten mehr als doppelt so stark wie die CSU. Die Linkspartei wurde am Sonntag von annähernd 5,2 Millionen Bürgern gewählt, einer Million mehr als vier Jahre zuvor. Mit 11,9 (plus 2,7 Punkte) Prozent der Stimmen verwies die aus dem Zusammenschluss von PDS und WASG hervorgegangene Partei die Grünen auf den fünften und letzten Rang der im Deutschen Bundestag vertretenen Parteien. Nach 3,8 Millionen Zweitstimmen im Jahr 2005 entfielen diesmal 4,65 Millionen Stimmen oder 10,7 Prozent auf die Grünen.

Infografik / Bundestagswahl 2009 / Wählerwanderung © F.A.Z. Vergrößern

Überdurchschnittlich hoch fielen die Verluste der SPD in den neuen Ländern Sachsen-Anhalt (minus 15,9), Thüringen (minus 12,2) und Mecklenburg-Vorpommern (minus 15,2) aus. In allen neuen Ländern einschließlich Berlins gewann die CDU gegen den Trend bis zu 5,5 Prozentpunkte hinzu.

In Sachsen, Thüringen und Berlin wurde die CDU sogar stärkste Partei vor der ansonsten dominierenden Linkspartei, die aufgrund der Schwäche der SPD in den neuen Ländern erstmals auch außerhalb Berlins Wahlkreise direkt gewann, allen voran in Sachsen-Anhalt. Überdurchschnittliche Verluste erlitt die CDU in Schleswig-Holstein (minus 4,2 Punkte) und Baden-Württemberg (minus 4,8). Noch stärker (minus 6,7 Punkte) verlor nur noch die CSU.

Abwanderung ins Lager der Nichtwähler

Wer Sonntag anders als vor vier Jahren nicht mehr die SPD wählen wollte, machte nach Berechnungen des Meinungsforschungsinstituts infratest-dimap seine Stimme mehrheitlich von seinem Wahlrecht keinen Gebrauch. Sie dürften am ehesten unter den fast 67 Prozent der Deutschen sein, die der Aussage zustimmen, die SPD habe ihre sozialdemokratischen Prinzipien aufgegeben. Immerhin glaubten von den verbliebenen SPD-Wählern noch fast zwei Drittel, dass ihre Partei Deutschland am besten durch die aktuelle Wirtschafts- und Finanzkrise führen könne.

In der Gesamtbevölkerung wird diese Überzeugung indes nicht einmal von einem Viertel der Bürger geteilt. Gleichwohl wählten ehemalige SPD-Wähler nur zu einem relativ geringen Teil die Unionsparteien, obwohl fast die Hälfte der Bürger CDU und CSU im allgemeinen und Bundeskanzlerin Merkel im besonderen als Losten in der Krise vertrauen - so sehr, dass Frau Merkel nach Ergebungen der Mannheimer Forschungsgruppe Wahlen in der Bevölkerung ein besseres Ansehen genoss als jeder Kanzlerkandidat seit 1990.

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Veröffentlicht: 29.09.2009, 08:27 Uhr