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Bundespräsidentenwahl : Schwans Gesang

  • -Aktualisiert am

Feridun Zaimoglu: Wo bleibt Lammert? Bild: picture-alliance / dpa

So war es im Reichstag wirklich, als Horst Köhler seine Kontrahentin Gesine Schwan besiegte: Der Wahlmann der Grünen und Bayern-Fan Feridun Zaimoglu berichtet über Zählappelle, elend lange Wartezeitungen und Enttäuschungen.

          Wir, die Wahlmänner und -frauen der Grünen, sind schon am Freitagabend alle im Fraktionssaal der Partei im Reichstagsgebäude zusammengekommen. Wir wurden auf die morgige Wahl eingestimmt, und dann kam auch schon meine Wunschkandidatin, die an diesem Tag auch noch Geburtstag hatte, vorbei. Ihr wurde, wie es sich gehört, ein Bouquet übergeben, und wir haben ihr alle gemeinsam ein Geburtstagsständchen gesungen.

          Gesine Schwan sieht aus wie die vornehme Dame des Hauses, und wenn sie spricht, dann eher in klaren Worten als in leuchtenden Bildern. So müssen die Suffragetten des angehenden 20. Jahrhunderts ausgesehen haben. Man traut ihr zu, dass sie sich an das Zaungitter einer Bankzentrale kettet – es würde sich nicht eine Locke ihres hochgesteckten Haares lösen.

          Alle atmen auf

          Am nächsten Morgen schlüpft der Kieler Obmann schon früh morgens in seinen besten Anzug und stärkt sich mit Waffeln, auf die er Ahornsirup gießt. „Das könnte was werden“, denkt er. „Oh Gott, lass das Wunder geschehen.“ Um elf Uhr folgt der Zählappell mit Namen. Alle sind vertreten. Alle atmen auf. Volker Beck erklärt uns, den Wahlfrauen und Wahlmännern, die Technik und die Tücken des Verfahrens. Dann geht es los.

          Ich weiß, zum ersten Wahlgang muss ich den blauen Wahlausweis bereithalten. Es gibt nämlich auch einen grünen und einen gelben Ausweis. Der Bundestagspräsident Norbert Lammert erklärt den Ablauf der Bundesversammlung und bestätigt die Beschlussfähigkeit durch Augenschein. Natürlich hat man damit gerechnet, dass die NPD/DVU-Leute durch Anträge versuchen würden, ans Redepult zu gelangen. Das ist gründlich schiefgegangen.

          Alle wissen es

          Der Namensaufruf erfolgt in alphabetischer Reihenfolge. Ich muss elend lange warten, dann gehe ich zur Osthalle, empfange die Wahlunterlagen, die Schriftführerin am Ausgabetisch lächelt mir zu und sagt aber, ich solle jetzt mal weitergehen. In der Wahlkabine kreuze ich Gesine Schwans Namen an, wie geplant. Die Sitzung wird um genau 13.24 Uhr für eine Stunde unterbrochen. Ich renne in geducktem Galopp zur Toilette; leere Traubenzuckertütchen, abgelegt auf Seifenspendern und Waschbecken. Dann verfüge ich mich in den Rauchersaal; und dort immer wieder die Frage: „Und, was tippst du?“ „Und, wer wird’s?“ Viele machen erst einmal ein leeres Gesicht, sagen aber dann, dass es doch wohl bei einem Wahlgang bleiben wird.

          Die Musiker kommen in den Saal und werden zu ihrer Verblüffung von den Abgeordneten von CDU/CSU und FDP frenetisch beklatscht. Man sieht einige Abgeordnete grimassierend durch die Reihen schreiten und die Daumen strecken. Die Blumenträger kommen herein und übergeben den Fraktionsvorsitzenden je einen großen Blumenstrauß zum späteren Überreichen. Wo bleibt Lammert? Später als erwartet kommt er. Alle wissen es. Niemand will es wirklich bezweifelt haben. Horst Köhler 613 Stimmen. Genau so viele, wie er braucht. Es heißt: Deswegen wurde ein zweites Mal gezählt. Es ist vorbei. Ich bin ein bisschen enttäuscht natürlich. Na ja. Vielleicht klappt es ja beim dritten Versuch.

          Die Raucher stehen auf der Terrasse, alle haben Hunger. Gleich wird gegessen, und bald danach sammeln sich fast alle Wahlmänner und Wahlfrauen, um sich gemeinsam die Fußballspiele anzugucken. Ich bin glühender Bayern-Fan. Das Bangen geht weiter. Ich habe nicht wirklich auf zwei Triumphe gesetzt. Aber zwei Niederlagen an einem Tag verkrafte ich nicht.

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