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Türken in Deutschland : Schwindender Rückhalt für Erdogan

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Wer wählt wen? Wahlhelfer in einem Berliner Wahllokal für die türkischen Präsidentschaftswahlen. Bild: dpa

Wie Türken in Deutschland wählen, hat stets mit dem Jahrzehnt ihrer Einreise zu tun: erst kamen konservative Gastarbeiter, dann linksliberale Kurden. Jetzt hofft die Opposition auf Verluste für die AKP. Warum?

          In der Türkei gelebt hat sie nie, aber die Dinge, die Mizgin sich für das Land wünscht, sind universal und fehlten den Menschen dort schon lange: „Ich will Gerechtigkeit und Frieden und gleiche Rechte für alle“, sagt die zierliche junge Frau, die ihren Nachnamen nicht verraten will. Deshalb habe sie ihre Stimmen der prokurdischen HDP und ihrem Kandidaten Selahattin Demirtas gegeben. Mizgin steht am Rande des türkischen Generalkonsulats in Berlin, sie trägt hochgeschlossene Kleidung und ein sorgfältig drapiertes Seidenkopftuch, das ihr Haar verdeckt.

          Würde man versuchen, Wahlverhalten anhand von Äußerlichkeiten zu erraten, könnte man sie für eine AKP-Wählerin halten, aber Mizgin hat kurdische Wurzeln und steht dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan äußerst kritisch gegenüber. Bei deutschen Wahlen, an denen sie dank ihrer doppelten Staatsbürgerschaft ebenfalls teilnehmen darf, gebe sie ihre Stimme der Linken, sagt sie, „weil die sich mehr als andere deutsche Parteien für die Rechte der Kurden engagieren.“ Ihr Onkel kommt hinzu und zeigt stolz die Fotos, die er in der Wahlkabine heimlich von seinen Wahlzetteln mit den Kreuzen bei HDP und Demirtas gemacht hat. Sie müssten jetzt los, sagt Mizgin. Es ist der erste Tag des Ramadanfestes, Familienbesuche stehen an.

          „Unter Gleichgesinnten“

          Es liegt wohl am wichtigsten muslimischen Feiertag, dass die Schlange vor dem türkischen Generalkonsulat an diesem Nachmittag so viel kürzer ist als in den Tagen davor. Die Sicherheitsleute am Eingang des speziell eingerichteten Wahlgeländes haben nicht viel zu tun, einige von ihnen essen Pizza. Ein Kleinbus, beklebt mit einem Porträt von Muharrem Ince, dem Kandidaten der säkularen Republikanischen Volkspartei CHP, fährt vor, und ein paar Wähler steigen aus. Dreimal am Tag kutschieren Unterstützer der Partei Wähler aus drei verschiedenen Bezirken der Stadt zum Konsulat. Hakan, der auch nur seinen Vornamen nennen will, sei aus dem Brandenburgischen Schwedt angereist, und dann in Bahnhofsnähe in den Shuttlebus gestiegen. Nicht nur, weil es kompliziert sei, zum Konsulat zu kommen, sondern auch um „unter Gleichgesinnten“ zu sein. Mit den konservativen AKP-Wählern könne er nicht viel anfangen, er sei ein „Istanbuler Junge“ und erst seit 2003 in Deutschland. Für ihn komme keine andere Partei als die CHP in Frage.

          Menschen der kurdischen HDP demonstrieren in Silvan (Türkei)

          Auf der anderen Straßenseite steht das Ehepaar Aslan, er trägt rotes Käppi und dunkle Sonnenbrille, sie eine ärmellose Bluse und schmale Jeans. Politisch ist das Paar sich einig: Sie haben ihre Kreuze bei der ultranationalistischen MHP gemacht, als Präsidentschaftskandidat aber komme nur Erdogan in Frage. Die MHP hat ohnehin keinen eigenen Kandidaten, sondern will gemeinsam mit der AKP, mit der sie ein Bündnis eingegangen ist, Erdogan in der ersten Runde der Präsidentenwahl die Mehrheit sichern. Aber auch sonst hätten sie Erdogan gewählt, schließlich habe dieser den Türken ihren Stolz wiedergegeben: „Er wird in einem Atemzug mit den wichtigsten Herrschern der Welt genannt“, sagt Abdullah Aslan begeistert. Außerdem hätten die Oppositionsparteien keine Ahnung von Demokratie: „Die HDP ist eine Terrororganisation, und die CHP verkauft das Volk seit Jahrzehnten für dumm.“ Seine Frau Mensure nickt zustimmend. Ob es ihr keine Sorgen mache, dass das Land unter Erdogan immer konservativer werde? Sie winkt genervt ab: „In der Türkei geht es freier und demokratischer zu als hier, Frauen dort geht es besser als Frauen in Deutschland.“ Woran sie das festmache, will sie nicht sagen, es sei einfach so, das werde ihr bei jedem Türkei-Besuch klar.

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