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Bodo Ramelow : Ein Mann setzt auf Rot

Nur Kopfschütteln hilft da nämlich nicht: Ramelow in Ostfriesland mit seiner Frau Germana Alberti vom Hofe und Hund Attila Bild: Pilar, Daniel

Der aus Westdeutschland stammende Bodo Ramelow könnte in Thüringen der erste Ministerpräsident der Linkspartei werden. Wie konnte es so weit kommen - und wer ist er überhaupt? Beobachtungen vor dem Start des Wahlkampfs.

          Bodo Ramelow bleibt gelassen. Er hat sich mit Frau und Hund zurückgezogen nach Ostfriesland. Flaches Land, viel Wasser, Schilf wogt im Wind. Einige Tage Ruhe, bevor der Thüringer Wahlkampf in die heiße Phase geht. In kleinkariertem Hemd sitzt er bei einem Holundersaft an einem schmalen Kanal, dann und wann ziehen Boote vorbei. Ramelow ist Spitzenkandidat der Linkspartei, er will Ministerpräsident werden. Der erste seiner Partei. Seine Chancen stehen nicht schlecht. In den letzten Tagen sind wohl auch deshalb die Warnungen vor einer Regierung unter seiner Führung immer vernehmlicher geworden: Von SPD-Politikern, die nicht Juniorpartner sein wollen. Von der CDU-Ministerpräsidentin, die im Amt bleiben will. Als „Sammelbecken für sozialistische Träumer, SED-Altkader und Aktivisten mit Hang zur Militanz“ hat Christine Lieberknecht die Linkspartei bezeichnet. „Und der Chef der Truppe, Bodo Ramelow, tut so, als habe er mit diesen Leuten nichts zu tun.“

          Matthias Wyssuwa

          Politischer Korrespondent für Norddeutschland und Skandinavien mit Sitz in Hamburg.

          Der Chef der Truppe zeigt in Ostfriesland kaum eine Regung. „Ich lasse mich auf dieses persönliche Beleidigungsspiel nicht ein“, sagt er. Außerdem: „Ich kann den Menschen Christine Lieberknecht gut leiden.“ Und sollte er tatsächlich gewinnen? „Dann wird Thüringen einen Ministerpräsidenten bekommen, der seit 25 Jahren die Transformation im Land begleitet hat. Mit allen Höhen und Tiefen.“ Das sagt er dann schon etwas energischer. Sein Hund heißt Attila und spielt ihm unterm Tisch um die Beine.

          Bodo Ramelow hat vieles richtig gemacht. So klingt es zumindest, wenn Bodo Ramelow über sich redet. Über seinen Kampf um Betriebe und Arbeitsplätze in Thüringen. Von großem Einsatz berichtet er dann, von Siegen und von schmerzhaften Niederlagen. Als Bundeswahlkampfleiter 2005 war er zudem der „erfolgreichste“, „den die Partei bis dahin hatte“. In Thüringen war er darüber hinaus in seiner Partei erst „deutlich der Solokünstler“, danach hat er als „treibende Kraft“ sie umgebaut. Jetzt arbeitet er im Team, und die Landespartei, sagt er, sei bereit für die Regierung. Er ist es offensichtlich schon lange. Da scheint es fast nur noch konsequent zu sein, wenn Ramelow im Herbst tatsächlich Ministerpräsident werden sollte. Oder etwa nicht?

          Es ist noch tiefer Winter, da will Bodo Ramelow auf die Kanzel steigen. Hinter dem Pfarrer kommt er in die Kirche, bleibt unter der goldfarbenen Jesusfigur stehen, den Kopf gesenkt, setzt sich, den Text seiner Predigt in roter Klarsichthülle unter dem Arm. Er blickt ernst. Die Glocken läuten, die Touristen verlassen die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche auf dem Berliner Ku’damm, die Gläubigen bleiben, sechs, sieben Dutzend sind es vielleicht. Das Haar grau oder schon lange nicht mehr da, nur ein paar Junge sitzen in den Reihen. Der Pfarrer trägt Schnurrbart und stellt Ramelow vor. Politiker sollen in diesem Jahr öfter hier predigen, eine Serie zum Reformationsgedenken. Der Pfarrer fragt: „Könnte es nicht anders sein, als es ist?“ Dann steigt Ramelow auf die Kanzel. Das blaue Licht der vielen winzigen Fenster verschluckt ihn fast. Ramelow sagt: „Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist, der da war und der da kommt.“ Und dann beginnt er zu predigen.

           „Ein-Mann-Opposition“:  diesmal hat die SPD nicht kategorisch ausgeschlossen, Ramelow zu wählen

          Es gibt Dinge, die Ramelow von vielen seiner Parteifreunde unterscheiden. Sein Weg aus dem Westen in den Osten und dann in die damalige PDS zum Beispiel. Oder sein offensives Bekenntnis zum Glauben. Sein Elternhaus hat ihn religiös geprägt. Der Vater früh verstorben, einfache Verhältnisse. In seiner Partei sorgt religiöse Bindung schon mal für Irritation. Doch Ramelow profitiert von diesen Unterschieden auch. Sie öffnen ihn Räume, weit über die Linke und deren Anhänger hinaus. Deshalb pflegt er sie. Sieben Monate sind es noch bis zur Landtagswahl in Thüringen.

          Ramelows Stimme kratzt ein wenig. Er spricht über das biblische Zinsverbot und was man daraus für die Gegenwart ableiten kann. Er spricht von Armut und Reichtum, über Flüchtlinge und Finanzmarktspekulationen. Er redet über Luther, und er zitiert Paulus („Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“). Vom Großen ins Kleine, von der Höhe in die Tiefe. Er sagt schließlich: „Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christo Jesu“, und steigt von der Kanzel. Ramelow ist Legastheniker, lange hatte man es nicht entdeckt. Er hat darunter gelitten in der Schule. Er sagt, er hat Narben davongetragen. Und er hat sich auf das gesprochene Wort konzentriert, auf das Merken. So er ist ein auffällig guter Redner geworden. Ein guter Prediger ist er auch.

          Nach dem Abendmahl schieben die Gläubigen die Stühle zu einem Kreis zusammen und fragen Ramelow, stets getrieben von tiefer Sorge über so manches in der Welt. Ramelow hat es leicht. Er verteidigt mal die Kirche, macht mal einen Scherz über seine Partei, in der nicht jeder verstehe, wie er seine Batterien bei einem Kirchentag aufladen könne, redet von seinen Wünschen für Thüringen, lädt ein zur Debatte. Er redet nicht so, als wolle er Ministerpräsident werden. Er redet so, als sei er es schon. In den Kreis der Gläubigen sagt er also zum Abschied, wenn er als Ministerpräsident etwas zu sagen hätte, dann würde er sagen, dass man sich doch über die Kerze freuen sollte, statt sich über die Dunkelheit zu beschweren. Konfuzius kommt immer gut an. Der Kreis löst sich auf. Und Ramelow verlässt die Kirche.

          Vor vielen Jahren, als es Thüringen gerade gar nicht gab und die Mauer noch stand, da kam Ramelow schon zu Besuch in den Osten. Seine Halbbrüder lebten hinter der Mauer. Den einen besuchte er, und den anderen sah er lange nicht, denn der war bei der Volkspolizei und da ziemte sich Kontakt zur Westverwandtschaft nicht. Vergangene Realitäten. Ramelow, 1956 im Norden Niedersachsens geboren, lebte lange schon in Hessen. Dem Hauptschulabschluss folgt die Lehre zum Kaufmann, und dem folgte der zweite Bildungsweg. Er arbeitete unter anderem im Kaufhaus. Von 1981 an war er Sekretär der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen. Seine Vorgesetzten wussten von seinen Besuchen. Als die Mauer dann fiel, kamen die ersten Hilferufe aus dem Osten. Gewerkschaften, Parteien, Unternehmen. Der Umbruch warf viele Fragen auf, verlangte viele Antworten. Ramelow wurde nach Thüringen geschickt. Er sollte einen Vortrag halten. Er fragte seine Vorgesetzten, worüber. Ihm werde schon etwas einfallen, antworteten sie. So fuhr er also nach Erfurt. Im Centrum Warenhaus sollte er eine Arbeitnehmervertretung aufbauen. Ramelow erklärte, verhandelte, führte. Und er blieb, der zerrüttete Zustand seiner damaligen Ehe war kein Hindernis. Noch 1990 wurde er Landesvorsitzender seiner Gewerkschaft in Thüringen. Mit der PDS hatte er da noch nichts zu tun.

          Vierundzwanzig Jahre später sitzt Ramelow keine 300 Meter von seinem ersten Einsatzort in Erfurt entfernt im Kaisersaal. Es ist einer der ersten warmen Tage des Frühjahrs, das Centrum Warenhaus heißt jetzt Einkaufsgalerie Anger 1, und Ramelow soll zum Spitzenkandidaten seiner Partei gewählt werden. Er war es schon 2004 und 2009 - er holte erst sehr gute 26,1 Prozent und dann noch bessere 27,4 - und längst ist es auch außerhalb Thüringens kein Geheimnis mehr, dass er in diesem Jahr sogar wirklich Ministerpräsident werden könnte. Wenn die SPD ihn nur wählt. 2009 noch hatte sie es ausgeschlossen, nach mehreren Sondierungstreffen entschied sie sich, lieber mit der CDU zu regieren. Es scheint ihr nicht doll bekommen zu sein, die Umfragewerte sind mäßig. Im Kaisersaal verabschiedeten die Sozialdemokraten 1891 ihr Erfurter Programm. Aber die große Vergangenheit der SPD kann in Thüringen niemanden mehr einschüchtern. Lange schon ist sie weit schwächer als die Linke. Das wird auch bei dieser Wahl wohl nicht anders enden. Diesmal hat die SPD nicht kategorisch ausgeschlossen, Ramelow zu wählen. Mehr aber auch nicht.

          Der Bundesvorsitzende der Linkspartei ist in den Kaisersaal gekommen, und wie es Bernd Riexingers Art ist, röhrt er in das Mikrofon und in den Saal mit seinen goldverzierten Balkonen. Hinter dem Rednerpult steht groß geschrieben: „Wann, wenn nicht jetzt“, und neben dem Pult steht Karl Marx, knallrot und gut einen Meter groß. Riexinger ist einer von den vielen Gewerkschaftern in der Partei, die Jahre erst nach Ramelow kamen - über die WASG. Riexinger sagt, er kenne den Bodo ja am längsten, wegen der Gewerkschaft natürlich. Und der Bodo sei leidenschaftlich, immer habe er sich für die kleinen Leute eingesetzt, für die, die ganz unten stehen, Verkäuferinnen zum Beispiel. Und dann schimpft Riexinger noch auf die Typen, die ganz anders sind als Bodo, „diese abgeschleckten, stromlinienförmigen Typen, die immer auf ihre Karriere gucken und denen die Menschen doch scheißegal sind“. Stehender Applaus, eine Umarmung mit Bodo.

          Attila heißt Ramwlows Hund

          Als Ramelow nach Thüringen kam, brach gerade eine Wirtschaftswelt zusammen. Es wurde umgewandelt, aufgelöst, abgewickelt. Das Wort Treuhand löst im Osten seitdem meist ein Grummeln aus, mindestens. Viel zu tun für einen Gewerkschafter also. Ramelow reiste und lernte in dieser Zeit das Land Thüringen kennen, auch die Thüringer und die Feinheiten ostdeutscher Befindlichkeiten samt den Untiefen von Diktatur und Überwachungsstaat und dem, was diese angerichtet hatten. „Es war eine Zeit außerhalb jeder Norm“, sagt er. Ramelow half, aus den Mitarbeitern in den volkseigenen Betrieben Mitarbeiter in Unternehmen einer freien Marktwirtschaft zu machen. Wo das nicht gelang, kämpfte er um Abfindungen. So kam es auch zu seinen ersten Kontakten mit seiner Partei. Er verklagte sie. Auf Abfindung für entlassene Mitarbeiter der SED, Fahrer und Schlosser zum Beispiel. Das war es aber erst mal. Bis Bischofferode kam.

          Im Kaisersaal steht Ramelow neben den knallroten Marx und wirbt für sich. Er sagt: „Wir versprechen nicht Wohltaten aus fremden Kassen.“ Es ist eine zurückhaltende Rede. Keine Nachfragen, keine Gegenkandidaten. Ramelow erhält gut 93 Prozent der Stimmen, und als er sich beklatschen lässt, dröhnen plötzlich Dudelsäcke, und einstige Kumpel aus dem Kalibergwerk Bischofferode ziehen im Bergkittel durch den Saal und auf die Bühne. Man wünscht Ramelow viel Erfolg und schenkt ihm eine Grubenlampe und ein Banner mit der Aufschrift „Bischofferode ist überall“. Dann schimpft Ramelow über die Treuhandpolitik („Der Nimbus einer gerechten Treuhandpolitik ist in Bischofferode verlorengegangen“) und sagt: „Lasst die Armleuchter abtreten, damit im Land mehr Licht sein wird.“ Er meint die Regierung. Dann ziehen die Kumpel wieder ab.

          Bischofferode ist überall - und in Thüringen bis heute ein wunder Punkt. Die Kali-Kumpel in Bischofferode kämpften 1993 um ihr Werk, um ihre Arbeitsplätze. PDS-Politiker waren dabei, und auch Ramelow half. Gregor Gysi lernte er hier kennen. Es gab Hungerstreiks, Märsche, Besetzungen. Dramatische Bilder, die Tagesschau zeigte blasse Männer auf Pritschen, Frauen, die in die Grube einfuhren. Das Werk wurde geschlossen, Ramelow verhandelte die Abfindungen mit. Bis zur Erschöpfung. Schließlich stand die Vereinbarung, am nächsten Morgen fuhr er seinen Dienstwagen übernächtigt in die Leitplanken. Der Kontakt zur PDS blieb. 1999 trat er ihr bei und zog in den Landtag. Schnell fiel er auf. Smart, schnell, vorlaut. So etwas gab es noch nicht. 2001 schon war er Fraktionsvorsitzender, in Thüringen wurde er bald auch als „Ein-Mann-Opposition“ bezeichnet. Nach seiner Wahl im Kaisersaal sitzt er bei einem Kaffee und sagt: „1999 war die PDS eine sehr auf sich konzentrierte Partei. Den selbstgebauten Ring um die Partei mussten wir sprengen.“ Jetzt sei die Linke eine „aufgeräumte Partei“. „Nicht nur der Spitzenkandidat ist im Wahlkampfmodus, wir sind vorbereitet.“

          Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU) und Ramelow im Thüringer Landtag

          Es ist ein frischer Morgen Ende Juni, der Wind treibt schmächtige Regentropfen vor sich her, der Landtag tagt, und auch wenn das Wetter es nicht erahnen lässt: Die Sommerpause ist nah. Der Wahlkampf ist in den letzten Wochen zäh angelaufen, für die Linkspartei immerhin ohne größere Aussetzer. Immer wieder wird Ramelow nun schon von Medien im ganzen Land als womöglich erster Ministerpräsident der Linkspartei vorgestellt, und so recht scheint sich niemand darüber empören zu können - nur der „Bayernkurier“ schreibt von einer „rot-roten Gefahr“. Die aus Thüringen stammende Vorsitzende der Grünen-Bundestagsfraktion, Katrin Göring-Eckardt, hat die Linke in Erfurt sogar als „sozialdemokratische Partei mit SED-Vergangenheit“ bezeichnet, was ja als Lob zu verstehen ist. Lange und laut hat Ramelow seine Partei aufgefordert, sich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen. Das fand nicht jeder prickelnd. Noch gibt es frühere Zuträger der Staatssicherheit in der Fraktion. In einer Regierung sollen sie nichts werden. Viele andere sind ohnehin zu jung für belastende DDR-Hinterlassenschaften. Auch die Lokalzeitungen auf dem Tisch der Pressesprecherin verheißen an diesem Morgen nur Gutes: Sie beschäftigen sich mit der Konkurrenz, schreiben von Kabalen in der schwarz-roten Koalition. Eine Lokalzeitung fragt: „Heike, wer? Heike, was?“ Gemeint ist Heike Taubert, die Spitzenkandidatin der SPD, deren Bekanntheit im Land ausbaufähig ist. Die Stärke Ramelows speist sich auch aus der Schwäche der anderen. Nicht nur in der eigenen Partei.

          Der Landtag in Erfurt besteht eigentlich aus mehreren Teilen, zwei neueren Bauten und einem mächtigen Riegel im neoklassizistischen Stil, in dem die Nazis im Keller Menschen einsperrten. In der DDR saß hier die Bezirksverwaltung, und nun haben die Fraktionen ihre Büros in dem Bau. Auf den Fluren der Linkspartei hängen noch Plakate aus der Zeit, in der die Partei PDS hieß. Stefan Heym, für Ostdeutsche ein weltberühmter Schriftsteller, sagt auf einem: „Verantwortung beginnt mit Opposition“. Am Ende des Flurs hat Ramelow sein Büro. Einen Napf für Attila an der Tür, ein kleine Best-of-Sammlung in der Ecke. Bilder: Ramelow mit Papst Benedikt, Ramelow mit Gysi. Auch das Banner „Bischofferode ist überall“ liegt im Büro. An der Wand eine Karikatur, ein Geschenk. Sie zeigt Ramelow, der einen klapprigen Wagen, auf dem Opposition steht, wieder zum Laufen bringt. Ramelow schätzt sich und quält sich nicht mit dem Versuch, das zu verbergen.

          Im neuen Teil des Landtags hat die Linke ihren Fraktionssaal, und langsam trudeln die Abgeordneten und ihre Mitarbeiter ein. Ramelow kommt als Letzter, Umarmungen für die weiblichen Abgeordneten, Handschlag für die männlichen. Er nimmt an der Stirnseite Platz, und wenn er nicht gerade Anregungen gibt („Das sollten wir sorgsam begleiten“), ausführlich über die dramatische Situation der städtischen Wohnungsbaugesellschaft in Gera referiert oder über die Trinkwasserschutzzone Erfurt, tippt er auf seinem Smartphone herum. Die Abgeordneten hören zu, blättern durch Akten, prüfen ihre Facebook-Profile. Als eine Abgeordnete ankündigt, bei einer Abstimmung im Landtag nicht wie der Rest der Fraktion abstimmen zu wollen, sagt Ramelow: „Du wolltest doch eh eine rauchen gehen“, und die Abgeordnete sagt, dann gehe sie eben eine rauchen. Ein kurzes Lächeln, keine weiteren Kommentare. Ramelow führt. Er hat den Ruf, schon mal aufbrausend zu sein. Als er in Berlin war, erst als Wahlkampfleiter der Bundespartei, von 2005 bis 2009 als stellvertretender Fraktionsvorsitzender und zudem Fusionsbeauftragter von Linke und WASG, gab es deshalb auch Genöle. Er kann laut werden. Ramelow sagt: „Ich bin unter unglaublichem Druck in der Lage, effizient zu arbeiten und Entscheidungen herbeizuführen. Das mag manche vielleicht irritieren. Aber ich kann es nicht leiden, Sachen auszusitzen oder totzuschweigen.“

          Fast am Ende dann gibt es in der Fraktionssitzung kurz noch Aufregung. Es geht um die Reform des Verfassungsschutzes, den die Linkspartei eigentlich ganz abschaffen will. Trotzdem schlägt Ramelow vor zu prüfen, ob man nicht einen Alternativantrag für eine Reform kurz vor der Wahl prüfen sollte - um „gewappnet“ zu sein, wenn die Debatte noch vor der Sommerpause im Landtag ansteht. Er berichtet von strategischen Vorzügen. Was ist, wenn Schwarz-Rot sich nicht einigt? Vielleicht geht da was. Als eine Abgeordnete mit dem Kopf schüttelt - warum reformieren, was man abschaffen will? -, sagt er: „Einfach mit dem Kopf schütteln hilft da nicht.“ Er fügt an: „Ich nehme mich aus der Verantwortung, heißt das.“ Da schüttelt sie nicht mehr mit dem Kopf, er ist ihr ein wenig rot geworden. Dann geht es darum, was dazu in einem Koalitionsvertrag stehen könnte, und Ramelow sagt, man müsse sich doch fragen, ob man regieren wolle, wenn einem die Abschaffung des Verfassungsschutzes am Ende wichtiger sei als alles andere. Die Fraktion beschließt zu prüfen. „Zwischen der abstrakten Ansage, die ich vor Monaten schon gemacht habe - wir gehen jetzt in Richtung Wahlkampf und in Richtung Regierung, und mit Regierung ändern sich Dinge grundsätzlich -, und dem konkreten Handeln, da liegen doch Welten“, sagt Ramelow danach im Restaurant des Landtags.

          Als es dann drei Wochen später im Landtag tatsächlich um die Reform des Verfassungsschutzes geht, hat die Linke keinen Alternativantrag eingereicht. CDU und SPD beschließen gemeinsam ein Gesetz. Der Redner der Linkspartei kritisiert CDU, SPD und Grüne. Er sagt: „Die Linke sieht keinerlei Grund, von der Forderung zur ersatzlosen Abschaffung des Landesamtes für Verfassungsschutz abzurücken.“ Das Protokoll vermerkt, dass die Fraktion der Linkspartei allein klatscht.

          In Ostfriesland drückt sich die Sonne immer wieder durch die Wolken. Träge drehen sich die Windräder am Horizont. Ramelow lächelt, als es um die Reform des Verfassungsschutzes geht. Alles wie geplant, kein Grund zur Aufregung, mehr war nicht zu holen. Die Regierung habe sich schließlich auf einen Antrag geeinigt, sagt er, da kam es dann ja gar nicht mehr auf die Linke an. „Warum sollten wir uns da noch verbiegen?“ Wieder alles richtig gemacht also. Sein Blick sagt: Toll, ne?

          Bodo Ramelow geht am Wasser entlang, sandige Wege. Er kurbelt die handbetriebene Fähre, die Pünte, von einem Ufer des Kanals ans andere, grüßt Touristen mit einem bestimmten „Moin“, erzählt, dass er selbst hier im Norden erkannt wird und wie man die Thüringer Bratwurst richtig isst - ohne Serviette natürlich. Attila verbeißt sich in einen Stock. Seit diesem Wochenende ist der Urlaub vorbei. Nun folgt Wahlkampftermin auf Wahlkampftermin. Längst schon, so heißt es aus der Partei, gibt es in Thüringen Gespräche mit SPD und Grünen. Vorsichtiges Abtasten. Von vielen Schnittmengen wird berichtet, wenig gebe es, das schwierig werden könnte. Was man halt so sagt in solchen Situationen. Knapp sechs Wochen sind es noch bis zur Wahl. Die Umfragen sind noch immer günstig, Rot-Rot oder Rot-Rot-Grün scheinen möglich. Als Linke-Politiker in Thüringen hat Ramelow richtig gemacht, was man als Linke-Politiker in Thüringen eben so richtig machen kann. Jetzt muss er nur noch abwarten, ob es sich auszahlt.

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