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Sachsen-Anhalt : Hundertfach sind Plakate der Grünen gefälscht worden

  • -Aktualisiert am

„Grün für Masseneinwanderung“: Unbekannte hängten in der Nacht auf Montag gefälschte Plakate in Sachsen-Anhalt auf. Bild: dpa

Unbekannte fälschen mehr als tausend Wahlplakate der Grünen in Sachsen-Anhalt. Das ist nicht der erste Angriff auf die Partei. Ein Abgeordneter bekam zuletzt Morddrohungen.

          An einem grauen Novembertag spaziert der Grünen-Landtagsabgeordnete Sören Herbst am Schaufenster eines Kaffeehauses in der Nähe seines Wohnsitzes vorbei. Er bemerkt aus dem Augenwinkel, dass irgendetwas anders aussieht. Mit weißer Farbe hat jemand einen Galgen auf die Scheibe gesprüht. „Volksverräter Sören Herbst“ steht in großer Schrift daneben.

          Herbst erstaunen solche persönlichen Bedrohungen schon lange nicht mehr. Seit fünf Jahren setze er sich für Integration und Weltoffenheit ein, sagt Herbst. Etwa genauso lange wird er regelmäßig aus rechtsextremen Kreisen bedroht. „Auf Facebook habe ich etwa dreihundert Beleidigungen und Bedrohungen bekommen“, sagt Herbst FAZ.NET. „Irgendwann habe ich aufgehört zu zählen.“

          Kürzlich schrieb ihm eine Frau, er solle sich doch nach Nordafrika „verpissen“, dann seien „Kinderficker unter sich“. Auch seine eigene Hauswand wurde schon mit Mehl und Cannabissäckchen beworfen.

          Solche Posts, vermutlich aus der Neonazi-Szene, sind auf der Facebook-Chronik von Sören Herbst keine Seltenheit.
          Solche Posts, vermutlich aus der Neonazi-Szene, sind auf der Facebook-Chronik von Sören Herbst keine Seltenheit. : Bild: F.A.Z./Facebook/Sören Herbst

          Am Montagmorgen folgte die nächste Attacke, diesmal weniger gegen Herbst als Person, sondern mehr gegen die Grünen als Partei. Unbekannte hängten hunderte gefälschte Wahlplakate mit dem Slogan „Grün für Masseneinwanderung“ auf. Die Wortwahl des falschen Slogans erinnert an die Schweizer Volksinitiative „Gegen Masseneinwanderung“ der Schweizerischen Volkspartei (SVP), die vor zwei Jahren mit knappen 50,3 Prozent Ja-Stimmen angenommen wurde. Das Wort „Masseneinwanderung“ wird heute vorwiegend vom rechten Lager gebraucht und taucht zunehmend in Facebook-Diskussionen zur Flüchtlingskrise auf. Jetzt steht der Kampfbegriff der Rechten auf einem Wahlplakat der Grünen.

          Mit Bienchen, Blümchen und lachenden Sonnen sehen die Plakate aus wie normale Wahlwerbung der Grünen, dabei sind sie perfide gefälscht. „Ich habe mit meinen Kollegen allein in Magdeburg achthundert Plakate abgehängt“, sagt Herbst. „Zusammen mit denen in Halle sind es vermutlich um die tausend.“ Eine beachtliche Anzahl, wenn man bedenkt, dass die Grünen in Sachsen-Anhalt insgesamt nur 3000 Wahlplakate aufgehängt haben.

          Am Montag tauchten aber nicht nur gefälschte Plakate auf. Auch echte Plakate der Grünen wurden überklebt. Aus „Grün wählen gegen Hass“ wurde „Kein Grün wählen gegen Hass“, aus „Zweistimme Grün!“ wurde „Keinestimme Grün“. Die Landesvorsitzende Cornelia Lüddemann sagte: „Wir haben Strafanzeige bei der Landeswahlleiterin eingereicht, die derzeit einen Verstoß gegen das Landeswahlgesetz wegen versuchter Wählertäuschung prüft.“

          Ins „rechte Wespennest“ gestochen

          Diese „diffamierende, gefälschte Kampagne“ zeige, dass die Grünen ins rechte Wespennest gestochen hätten, glaubt die Politikerin. Auch bei der Staatsanwaltschaft haben die Grünen eine Anzeige eingereicht. „Zuerst muss aber geprüft werden, ob und welche Straftaten durch das Anbringen der Plakate in Frage kommen“, sagt Oberstaatsanwalt Frank Baumgarten. Bis zu den Landtagswahlen am Sonntag wird der Fall wohl nicht gelöst werden.

          Falsche Zitate von Sören Herbst, die am Montag illegal auf Grünen-Plakaten angebracht wurden.
          Falsche Zitate von Sören Herbst, die am Montag illegal auf Grünen-Plakaten angebracht wurden. : Bild: F.A.Z. / Grüne Fraktion Magdeburg

          Auffällig sei bei der illegalen Plakat-Aktion das systematische Vorgehen und die finanziellen Mittel, die aufgebracht wurden, sagt der grüne Landtagsabgeordnete Herbst: „Die qualitativ hochwertigen und professionell gedruckten Plakate mussten mit beachtlichem Aufwand in einer einzigen Nacht angebracht werden. Über solche personellen und finanziellen Ressourcen verfügt eigentlich nur die AfD, aber das sind Vermutungen.“ Herbst vermutet einen Teil der Täter bei der Magida-Vereinigung, dem Magdeburger Zweig von Pegida. Denn auf einigen Plakaten standen gefälschte Zitate von Herbst und dem früheren grünen Außenminister Joschka Fischer, die auch auf der Megida-Facebookseite aufgetaucht sind. Außerdem sei er schon oft auf AfD- und Megida-Veranstaltungen mit genau den falschen Sätzen zitiert worden, die am Montag auf den Grünen-Plakaten klebten, so Herbst.

          Die AfD in Sachsen-Anhalt distanzierte sich von den Vorwürfen: „Wir können uns nicht vorstellen, dass AfD-Mitglieder dafür verantwortlich sind.“ Die Partei stehe für einen anständigen und ehrlichen Wahlkampf, erklärte die Pressestelle.

          Auch die AfD wurde schon Opfer unzulässiger Aktionen. In Baden-Württemberg wurden der Partei mehrere hundert ihrer Wahlplakate gestohlen. Stuttgart sei ebenfalls betroffen, dort seien es etwa 2500 Plakate, sagt AfD-Landessprecher Lothar Maier.

          Quelle: FAZ.NET

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