AfD in Sachsen-Anhalt: Wie radikal sind die Köpfe der AfD? - Wahl in Sachsen-Anhalt - FAZ
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AfD in Sachsen-Anhalt : Wie radikal sind die Köpfe der AfD?

Spitzenkandidat der AfD in Sachsen-Anhalt: André Poggenburg Bild: dpa

In Sachsen-Anhalt gewinnt die AfD 15 Direktmandate - und wird insgesamt zweitstärkste Kraft. Damit hat es fast jedes zehnte Parteimitglied in den Landtag geschafft. Wer sind die neuen Abgeordneten?

          Am späten Sonntagabend steht Reiner Haseloff auf der Wahlparty der CDU vor einer Leinwand, er hat sein Kinn auf den rechten Arm gestützt und blickt auf die Wahlkreise seines Landes. „Zeig mal Dessau-Roßlau-Wittenberg“, sagt der Ministerpräsident zu dem Mann, der die Grafiken des Statistischen Landesamtes abruft. Erleichterung. In seinem Heimatwahlkreis siegt Haseloff souverän mit knapp 33 Prozent, doch auch hier ist ihm die AfD mit gut 25 Prozent auf den Fersen, auch hier ist sie aus dem Stand zur zweitstärksten Kraft geworden. Und obendrein muss Haseloff zusehen, wie von den anderen Wahlkreisen einer nach dem anderen direkt an die Rechtspopulisten geht. Erst ist es nur einer, dann zwei, dann vier – am Ende holt die AfD 15 der 43 Direktmandate in Sachsen-Anhalt.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Ein Blick auf die Karte zeigt, wie geteilt das Bundesland nach dieser Wahl ist: Während die CDU im Norden, in der Altmark, in der Magdeburger Börde und in der Landeshauptstadt ihre Wahlkreise bis auf einen verteidigte, siegte die AfD vor allem im Süden rund um Halle und im Mansfelder Land. Es ist die Gegend, in der früher der Kupferbergbau und die Chemieindustrie Hunderttausenden Lohn und Brot gaben und die nach 1990 in Windeseile abgewickelt wurden. Wie eine Insel wirkt inmitten all dieser schwarzen und hellblauen Farben ein dunkelroter Klecks inmitten des Landes; es ist der Wahlkreis Köthen, der einzige, den die Linkspartei noch direkt gewinnen konnte. Die Protestwähler, von denen die Linken seit der Wiedervereinigung in nicht unerheblichem Maße lebten, sind nun weitergewandert – zur AfD.

          Ganz im Süden Sachsen-Anhalts holte auch der Spitzenkandidat der AfD, André Poggenburg, sein Direktmandat. Er siegte in Zeitz mit knapp drei Prozent Vorsprung vor der CDU. Poggenburg, bisher selbständiger Unternehmer mit Zahlungsschwierigkeiten, trat nach der Bundestagswahl 2013 in die AfD ein und einte den zerstrittenen Landesverband, der bisher lediglich gut 300 Mitglieder hat. Damit sitzt nun fast jedes zehnte Parteimitglied im Landtag, in dem Poggenburg wohl Fraktionsvorsitzender der AfD werden wird.

          Wahlkreiskarte

          Im Gegensatz zu Baden-Württemberg, wo der Vorsitzende Jörg Meuthen eher gemäßigt auftrat und so die radikalen Auswüchse der anderen Landtags-Kandidaten seiner Partei im Ländle zu übertünchen versuchte, gibt sich die Mehrzahl der nun gewählten Abgeordneten in Sachsen-Anhalt eher gemäßigt, während ihr Vorsitzender, der ein enger Vertrauter des Thüringer Parteichefs Björn Höcke ist, im Wahlkampf vor allem den Radikalen und Kompromisslosen gab; gleichwohl sind fast alle der Abgeordneten auch Unterzeichner der sogenannten Erfurter Resolution, mit welcher der Flügel um Höcke und Poggenburg die AfD als „Widerstandsbewegung gegen die weitere Aushöhlung der Souveränität und der Identität Deutschlands“ sowie als Bewegung gegen „Gesellschaftsexperimente“ wie „Gendermainstreaming, Multikulturalismus und Erziehungsbeliebigkeit“ zu positionieren versuchte.

          Und genau das sind die Themen, welche die AfD in Sachsen-Anhalt ausmachen. Die Partei ist hier wie überall klar männlich dominiert, nur zwei ihrer Abgeordneten sind Frauen: Sarah Sauermann, die direkt in Bernburg siegte, und Lydia Funke, die über die Landesliste einzog. Sauermann, 27 Jahre alt, wendet sich „gegen die Frühsexualisierung“ von Kindern, sagt „Ja zur Familie“ und will Kitas und „lokale Gemeinschaften“ stärken. Funke, 33 Jahre, ist Bankkauffrau, sorgt sich um die „deutsche Identität“, sie lehnt „Frühsexualisierung und Gendermainstreaming“ genauso ab wie politischen und religiösen Extremismus, und bezeichnet ihre politischen Gegner als „vaterlandslose Gesellen“.

          Dennoch ist die neue Fraktion kein Alte-Männer-Verein, sondern hat vergleichsweise viele junge, nach 1990 geborene Abgeordnete in ihren Reihen. Dazu zählt etwa Marcus Spiegelberg, ein 23 Jahre alter Geschichtsstudent aus Weißenfels, der sich für Asyl und Einwanderung, Familie und Demografie sowie Spätaussiedler und Vertriebene interessiert. Und Jan Schmidt aus Magdeburg, der sagt, dass er aus seiner Heimat „glücklicherweise nicht wegziehen“ musste wie viele seiner Altersgenossen, sondern sein Leben hier gestalten könne. Der 25 Jahre alte Vater eines Sohnes und Vorsitzender des Jugendverbandes „Junge Alternative“ hat sich in der Sicherheitsbranche selbständig gemacht und früher SPD gewählt; heute wettert er „gegen selbstherrliche Eliten“ und Korruption. Außerdem sind da Daniel Roi, 28, aus Wolfen, der den AfD-Wahlkampf in Sachsen-Anhalt organisierte und sich gegen „die irrsinnige Rettungspolitik“ der EU wendet, und Tobias Rausch, ein 25 Jahre alter selbständiger Immobilienkaufmann aus Schönebeck, für den „die etablierten Parteien“ schlicht keine Alternativen mehr sind.

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