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Veröffentlicht: 12.05.2017, 16:00 Uhr

Vor der NRW-Wahl Retten die Malocher die SPD?

Früher war die SPD die Gewerkschafter- und Arbeiterpartei. Zuverlässig machten die Bergleute ihr Kreuz. Aber das Milieu ist teilweise erodiert – oder fühlt sich von den Genossen missverstanden. Eine Analyse.

von Thorsten Faas
© ddp Peer Steinbrück bei einer Grubenfahrt 2002 im Bergwerk Ost in Hamm

Am Sonntag wählt Nordrhein-Westfalen, die Erwartungen an die SPD sind hoch. Im Westen hat sie über Jahrzehnte höchste Ergebnisse eingefahren. Das hing mit dem hohen Anteil an Arbeitern an Rhein und Ruhr zusammen, der hohen Dichte an Arbeitersiedlungen, dem hohen Organisationsgrad der SPD, der Gewerkschaften und anderer Vorfeldorganisationen.

Aber: Die Beziehung zwischen der SPD und ihrer klassischen Kernklientel, der Arbeiterschicht, ist brüchiger geworden, gerade an Rhein und Ruhr. Der Einzug von CDU-Mann Jürgen Rüttgers in die Düsseldorfer Staatskanzlei 2005 versinnbildlicht dies mehr als alles andere. Sein Interregnum währte allerdings nur fünf Jahre, ehe Hannelore Kraft für die SPD wieder das Ruder an Rhein und Ruhr übernahm. Alles also nur ein Ausrutscher der jüngeren Geschichte? Das wäre wohl zu einfach.

46192934 © dpa Vergrößern Thorsten Faas ist Professor für empirische Politikforschung und schreibt bei FAZ.NET regelmäßig über Demoskopie und Wahlforschung.

Die Verbindungen zwischen (Groß-)Gruppen in der Gesellschaft und einzelnen Parteien sind kompliziert. Sie hängen von vielen, kettenförmig miteinander verknüpften Faktoren ab. Da ist erstens die objektive Größe der Gruppe: Wie viele Arbeiter gibt es – einer Logik amtlicher Statistiken folgend – überhaupt? Da ist zweitens das subjektive Selbstverständnis der Gruppe: Wie viele Menschen zählen sich zur Arbeiterschicht? Dieses Selbstverständnis wiederum hängt drittens auch ganz zentral davon ab, inwieweit politische Eliten diese Verständnisse immer wieder aktivieren. Konkret: Spricht eine linke Partei gezielt die Arbeiterschicht an? Ob das aus Sicht einer Partei viertens davon ab, wie groß die Gruppe (noch) ist? Kann man eine Wahl gewinnen, wenn man die Arbeiterschicht hinter sich versammelt? Oder ist die Gruppe dafür zwischenzeitlich zu klein (geworden) und es braucht breitere Unterstützung in der Wahlbevölkerung? Das wiederum kann fünftens dazu führen, dass sich die Arbeiter und ihre Arbeiterpartei zunehmend voneinander entfremden, denn diese breitere Ansprache wird zu Lasten der Reinheit des Programms gehen.

© dpa, reuters Endspurt: Schulz kämpft in NRW für die SPD

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Dabei sind alle diese Dinge gleichzeitig im Fluss: Der Arbeiteranteil in der Gesellschaft nimmt ab. Darauf muss die SPD wie andere Parteien reagieren – bezeichnend, dass die Partei sich von einer Arbeiter- zu einer Arbeitnehmerpartei gewandelt hat. Zugleich dürfen wir keineswegs von linearen, unumkehrbaren Trends ausgehen. Selbstdefinitionen können sich jederzeit wandeln, auch kurzfristig.

Aber der Reihe nach. Ein Blick in die Zahlen soll bei der Beantwortung der Fragen helfen. Im Zuge der Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften (kurz ALLBUS) werden alle zwei Jahre mehrere tausend repräsentativ ausgewählte  Menschen in Deutschland befragt, unter anderem auch zu ihrer beruflichen Situation, ihrer subjektiven Schichtzugehörigkeit und ihren politischen Präferenzen. Die hier diskutierten Präferenzen beziehen sich auf die Bundestagswahl, das spielt aber für das Argument keine Rolle. Die folgende Abbildung zeigt für Befragte aus Nordrhein-Westfalen drei Kurven, die das skizzierte Geflecht ein wenig entflechten können.

Wir wissen aus der amtlichen Statistik, dass die Zahl der Arbeiter zurückgeht. Das führt aber, wie die Grafik zeigt, keineswegs dazu, dass sich die Arbeiterschicht auf einem kontinuierlichen Rückzug befindet. Vielmehr gibt es, wie die rote Linie zeigt, eine bemerkenswerte Fluktuationen. 1990 haben sich knapp 30 Prozent der Nordrhein-Westfalen der Arbeiterschicht zugerechnet, 1998 war der Wert konstant, 2004 fiel die Zahl dagegen etwas höher aus. Dazwischen finden sich immer wieder Phasen, in denen der Anteil der Arbeiterschicht zurückgeht: 1992 22 Prozent, 2000 23 Prozent. Auch für die jüngeren Erhebungen sind eher rückläufige Zahlen zu beobachten. Wir sehen: Selbstdefinitionen sind keineswegs in Stein gemeißelt, sondern sind – nicht zuletzt politisch – beeinflussbar.

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