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TV-Kritik: Hart aber fair : Scheitert Schulz am Merkel-Effekt?

  • -Aktualisiert am

SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann bei „Hart aber fair“ Bild: ARD

Das Desaster bei den Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen hat die Sozialdemokraten in die Krise gestürzt. In der Diskussion bei Frank Plasberg wird deutlich, was der Partei fehlt: ein Thema.

          Wer gestern wissen wollte, wie Imagebildung funktioniert, musste den ARD-Brennpunkt zur Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen einschalten. „Wie macht die das eigentlich?“, so war in einem Beitrag zu erfahren. Es war von ihrer „stoischen Ruhe“ zu hören und wie sie sich „Disziplin auferlegt“. Der Beitrag endete mit einem passenden Bild: „Zurück ins Büro. Aushalten und Arbeiten.“ In einem Interview mit einem Bonner Politikwissenschaftler wurde noch die „Weltpolitikerin“ und „Navigatorin“ gewürdigt, um sich anschließend diversen Effekten zu widmen. Der Wissenschaftler sprach vom „Bosbach-Effekt“, aber eigentlich ging es um den „Merkel-Effekt“. So leistete der ARD-Brennpunkt seinen Beitrag zur Imagebildung der Kanzlerin. Dieser könnte als Effekthascherei allerdings auf genauso tönernden Füßen stehen, wie der schon jetzt legendäre „Schulz-Effekt“ als mediale Dauerschleife der vergangenen Monate.

          Defizite einer Landesregierung

          Diese Überhöhung politischer Akteure steht offensichtlich in Widerspruch zum kritischen Denken. Unter diesen Voraussetzungen kann man Journalisten scheinbar alles erzählen. So wusste etwa in der nachfolgenden Sendung von Frank Plasberg der Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion eine nette Geschichte über die „noble Haltung“ der desaströs gescheiterten Hannelore Kraft zu berichten. Sie habe die Bundespolitik aus dem Landtagswahlkampf heraushalten wollen, wie Thomas Oppermann treuherzig versicherte. Das wäre ein Fehler gewesen, ansonsten wäre unter Umständen sogar ein besseres Ergebnis möglich gewesen. Die Wirklichkeit war wohl etwas profaner. Die Nominierung von Martin Schulz war offensichtlich der Versuch, den Verlust Nordrhein-Westfalens auf den letzten Metern noch zu verhindern. Markus Söder (CSU) benannte bei Plasberg die Defizite dieser rot-grünen Landesregierung, die allerdings neben dem bayerischen Finanzminister auch die Bürger an Rhein und Ruhr kannten. So hatten die Schulen in Nordrhein-Westfalen schon lange mit dem gesellschaftlichen und sozialen Wandel zu kämpfen. Die Inklusion behinderter Menschen und die Integration von Flüchtlingskindern ließ diesen Kampf zunehmend aussichtslos werden, so wenigstens der Eindruck vieler Wähler. Die Innere Sicherheit wurde seit den Stichworten „Köln“ und „Amri“ mit der Inkompetenz des Innenministers Ralf Jäger verbunden. Dazu kam eine Ministerpräsidentin, die zumeist in Deckung ging, sobald es kritisch wurde. Die katastrophalen Kompetenzwerte der Landesregierung in zentralen landespolitischen Themenfeldern waren schlicht das Ergebnis dieser Politik.

          Am Tag danach : Schulz gibt sich nach Debakel in NRW kämpferisch

          Daran konnte Martin Schulz nichts mehr ändern. Ohne seine bundespolitische Zurückhaltung hätte er allerdings an diesem Montag zugleich sein eigenes Scheitern einräumen müssen. Aus der wohl unvermeidlichen Niederlage von Hannelore Kraft wäre so seine eigene geworden. In den beiden Interviews des sozialdemokratischen Kanzlerkandidaten in ARD und ZDF ging es daher vor allem um die Distanzierung von der Wahlverliererin. Die Interpretation dieses Sachverhalt bei Plasberg war allerdings schon bemerkenswert. So hielt der Schauspieler und langjährige SPD-Wähler Ulrich Matthes die Zurückhaltung von Schulz für einen politischen Fehler. Nur wählt niemand eine Ministerpräsidentin mit einer desaströsen Regierungsbilanz, weil deren Kanzlerkandidat im Bund plötzlich als Hoffnungsträger gilt. Für Christiane Hoffmann, Hauptstadtkorrespondentin des „Spiegel“, konnte Schulz den Impuls nicht nutzen, den seine Nominierung bedeutet hatte. Allerdings hatte sie selbst die Irrationalität seines „kometenhaften Aufstiegs“ (Oppermann) in den Meinungsumfragen diagnostiziert. Schulz war für viele Wähler eine „Projektionsfläche“ gewesen, wie es Frau Hoffmann formulierte. Sie sah darin das Bedürfnis vieler Wähler nach einer Alternative zur Bundeskanzlerin.

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