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Veröffentlicht: 14.05.2017, 12:52 Uhr

SPD im Bundestagswahlkampf Das Pendel schwingt zurück

Martin Schulz wurde innerhalb der SPD bereits als „Gottkanzler“ gebrandmarkt. Doch der Vorsitzende der Sozialdemokraten hat sich schon vor der Wahl in NRW komplett entzaubert – und bedeutsame Fehler gemacht. Ein Kommentar.

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© EPA Nachdenklich: Martin Schulz am Sonntag nach seiner Stimmabgabe in Würselen.

Wie doch die Geschichte sich wiederholt: Immer soll die SPD die sogenannte K-Frage so früh wie möglich beantworten. Sie möchte es nicht, muss aber, spuckt endlich ihren Kandidaten aus, und der wird dann über kurz oder lang dermaßen geschrottet, dass die Wahl schon Monate vor dem Termin im Herbst gelaufen scheint. Der arme Kandidat wälzt sich durch den Wahlkampf wie ein Opfer, das unser aller Leid rumschleppen muss. Auf ihm lastet nurmehr die trostlose Pflicht, Abstieg und Fall der Sozialdemokratie passionsmäßig zu verkörpern. So ergeht es nun dem armen Martin Schulz, der obendrein als „Gottkanzler“ gebrandmarkt wurde.

Volker Zastrow Folgen:

Die SPD möchte sich gern einreden, dass Torsten Albig die Wahl in Schleswig-Holstein wegen allzu forscher Bemerkungen über seine Ex-Ehefrau in einer Illustrierten verloren hat – ansonsten aber grundlos. Und ging es denn um Schulz bei den Wahlen zwischen Meer und Ostsee? Ging es im Saarland um ihn? Geht es in Nordrhein-Westfalen um Schulz, nicht vielmehr um Kraft oder Laschet? Das mag schon sein.

Von Milchkanne zu Mülltonne

Doch wenn die SPD in diesen Ländern verliert, dann verliert Schulz mit. Er hat in allen diesen Ländern unermüdlich Wahlkampf gemacht, ist von Milchkanne zu Mülltonne gereist. Und er ist komplett entzaubert. Im Wahlkampf am Rhein stürzten sich Massen von Journalisten auf unsere Reporterin, weil sie der einzige Humanoid war, der noch ein Schulz-Plakat in die Höhe hielt. So weit ist es schon, dass die F.A.S. dem SPD-Kandidaten die letzten Groupies schicken muss.

Wahl in Nordrhein-Westfalen

Ergebnisse im Detail

Allerdings, selber Schulz! Der SPD-Vorsitzende hat bedeutsame Fehler gemacht. Der erste: dass er den Hype zugelassen hat. Eine Weile war das witzig; aber einmal gerufene Geister wird man mitunter nicht los. All die putzigen Metaphern kehren sich nun gegen den Zauberlehrling und erniedrigen ihn. Aber hinter den lustigen Labeln steckte eine von der SPD konfigurierte Kampagne. Schulz hat das zugelassen – und davon zunächst profitiert. Nun aber kehrt es sich gegen ihn.

Doch viel bedeutender war ein anderer Fehler: die selbstbezogene Kampagne. Gewiss, ein Kandidat muss als Erstes die eigenen Leute hinter sich bringen. Auch war es einleuchtend, dass Schulz Richtung AfD abgewanderte Wähler zurückgewinnen wollte. Aber das Ergebnis war verheerend. Die SPD bildet nun einmal ein starkes eigenes Milieu. Das hat geschichtliche Gründe – die Arbeiterbewegung hätte ohne genossenschaftliches Denken niemals Erfolge erzielen können.

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Sie verfügte eben nicht über machtvolle Institutionen. Doch die Zeit der Arbeiterbewegung ist längst vorbei, und zum sozialdemokratischen Milieu möchte außer den Sozialdemokraten niemand gehören. Deshalb verprellt die SPD potentielle Wähler, wenn die Entscheidung für ihren Kandidaten wie eine soziale Konversion anmutet. Auf durchgesessenen Plüschkissen lässt sich nun mal nicht jeder fröhlich nieder.

Ebendiese Entscheidung hat Schulz heraufbeschworen. Er hat bürgerliche Wähler, die ihm wegen seines Auftretens und seiner Leistungen als Europäischer Parlamentarier Sympathie und Respekt entgegengebracht haben, vor den Kopf gestoßen. Der Ton, in dem er plötzlich sprach, erschien ihnen fremd, demagogisch und ein bisschen selbstherrlich. Indem Schulz dann auch noch Gerhard Schröders Agenda (fast fünfzehn Jahre her!) aufs Korn nahm, versprach er, das ganze Land in eine rückwärtsgewandte innersozialdemokratische Auseinandersetzung hineinzuziehen. Ein kapitaler und vermutlich irreparabler Fehler.

46397994 © dpa Vergrößern Auf dem Weg zur Wahlurne in Würselen: Martin Schulz mit Ehefrau Inge

Die Chance des historischen Augenblicks hat für Schulz darin bestanden, die Alternative zur angeschlagenen Bundeskanzlerin Merkel zu sein. Für ein paar Wochen schien das möglich, auch deshalb der Energieschub. Aber was heißt das? Laufen nicht alle möglichen Leute herum, die sich für Alternativen zu Merkel halten? – Das letzte Jahr war ein Horrorjahr für die Kanzlerin: Kölner Domplatz, Brexit, Trump. Die Kette eben noch unvorstellbarer Ereignisse schien nicht abzureißen.

Das hat man nicht nur im Kanzleramt so gesehen. Viele Bürger in Deutschland empfinden ebenso. Wen sollen die wählen? Wer Obama als einen modernen, zeitgemäßen Präsidenten schätzte und Trump anachronistisch findet – wen würde der in Deutschland wählen? Unter allen deutschen Politikern ist der Stil Merkels dem Obamas am ähnlichsten.

© dpa, reuters Landtagswahl in NRW hat begonnen: Große Koalition wahrscheinlich

Die Franzosen hatten am letzten Sonntag dieselbe Wahl wie Amerikaner und Briten. Die Zukunft unseres Kontinents stand auf des Messers Schneide. Aber unsere Nachbarn haben sich, wie zuvor die Niederländer, für die Europäische Union, für einen modernen, marktwirtschaftlichen Sozialstaat und für die offene Gesellschaft entschieden – statt für den Irrweg in eine romantisierte Vergangenheit. Auch Deutschland wählt sich nun durch dieses Jahr. Wofür Merkel und eine von ihr geführte CDU in dieser historischen Auseinandersetzung stehen, weiß jeder.

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