http://www.faz.net/-gpf-8xvjr

SPD in der Krise : Die Flamme wird kleiner und kleiner

Streetfighter: Martin Schulz macht am Montag sich und der SPD Mut, Gabriel und Schwesig schauen zu. Bild: dpa

Zwei Stunden berät die SPD-Führung über das Düsseldorfer Debakel. Martin Schulz sagt, er sei ein „Streetfighter“. Er will sich nun an der Kanzlerin abarbeiten. Einige warnen davor.

          Der Duden kennt drei Bedeutungen für den Begriff Hype. Erstens: eine besonders spektakuläre, mitreißende Werbung, die eine euphorische Begeisterung für ein Produkt bewirkt. Zweitens: eine aus Gründen der Publicity inszenierte Täuschung. Und drittens: eine Welle oberflächlicher Begeisterung. Für die gegenwärtige SPD muss man, wie man nun weiß, die Bedeutungen additiv verstehen, nicht alternativ.

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Um zu ergründen, warum die Sozialdemokraten am Sonntag in ihrem Stammland Nordrhein-Westfalen eine krachende Niederlage historischen Ausmaßes erlebt haben, kann man zwei Fragen stellen. Die eine: Wie konnte es binnen Wochen zu diesem Absturz kommen? Die andere: Wie konnte es zuvor überhaupt zu diesem Umfragevorsprung der Genossen an Rhein und Ruhr kommen? Letztere ist die wichtigere. Die Antwort auf die zweite Frage liefert nämlich die Antwort auf die erste Frage gleich mit. Die SPD will derzeit aber nur die erste Frage beantworten. Alles, was zur zweiten Frage gehört, wird folgerichtiger Weise verunklart.

          „Verantwortung muss dahin gehen, wo sie hingehört.“

          Die zentrale Aussage des SPD-Vorsitzenden ist denn auch so klar wie eine cremige Spargelsuppe: Martin Schulz ist am Montag wieder da, wo er schon am Sonntagabend, war. Neben ihm steht nun Hannelore Kraft. Harter Abend, kurze Nacht, frühe Anreise. Die abgewählte Ministerpräsidentin wirkt niedergeschlagen. Sie steht aber dennoch tapfer da auf der Bühne des Willy-Brandt-Hauses in Berlin nimmt aufmunternde Blicke entgegen. Schulz richtet sich an seine bisherige Stellvertreterin: Sie habe „gekämpft wie eine Löwin“. Man sei ihr zu tiefem Dank verpflichtet – für die sieben Jahre, in denen sie in Düsseldorf regiert habe und auch für die große Haltung, mit der sie die SPD am Sonntagabend „in dieser schweren Stunde“ vertreten habe. Nun zur Spargelsuppe: Schulz dankt Kraft am Ende noch einmal und verweist auf den „harten Wahlkampf“. Einen harten Wahlkampf gegen Armin Laschet? Gegen CDU und FDP? Nein, nein. Einen harten Wahlkampf „gegen schwierige Rahmenbedingungen und auch teilweise gegen Entwicklungen, über wir insgesamt noch mal werden diskutieren müssen“. Ach, ja?

          Kraft tut, was sie kann, um Schulz in dieser Lage zu unterstützen und lenkt den Blick auf die erste Frage. Ein letztes Mal stellt sie sich so in den Dienst ihrer Partei. Sie war bereits am Sonntagabend von allen SPD-Ämtern zurückgetreten. Das war ebenso konsequent wie unausweichlich. Nun fügt sie hinzu, die SPD werde in ihrem Herzen bleiben; es sei ein „großes Vergnügen“ gewesen, in dieser Partei an führender Stelle mitzuarbeiten. Für einen kurzen Moment bricht Kraft hier die Stimme. Dann fügt sie hinzu: Auch wenn sie sich den Worten des Kanzlerkandidaten anschließe, wonach man in der SPD gemeinsam gewinne und gemeinsam verliere, wolle sie doch eines hervorheben: „Verantwortung muss dahin gehen, wo sie hingehört. Und die Verantwortung für das, was in den letzten Wochen und Monaten in Nordrhein-Westfalen geschehen ist, die trage ich.“

          Landtagswahl in NRW : Martin Schulz spricht von „krachender Niederlage“

          Wenn jetzt viele sagten, die SPD habe bundespolitisch zu wenig Profil gezeigt, dann sage sie ganz offen: Sie habe „Martin“ und die anderen gebeten, die Bundespolitik aus dem Landtagswahlkampf herauszuhalten. „Umso bitterer“ sei, dass sie mit ihren landespolitischen Themen nicht durchgedrungen sei. Mehrere Mitglieder der SPD-Führung hatten zuvor darauf verwiesen, Kraft habe unbedingt gewollt, dass die Bundespartei sich mit programmatischen Vorstößen zurückhalte. Thomas Oppermann etwa, der Vorsitzende der Bundestagsfraktion, machte am Montag deutlich: Das habe Nordrhein-Westfalen nicht geholfen.

          Weitere Themen

          Der harte Kern des Widerstands

          NRW-SPD stürzt Schulz : Der harte Kern des Widerstands

          Bei den Sozialdemokraten aus NRW herrschte schon länger Unmut über den eigenen Parteichef. Jetzt hat ausgerechnet sein eigener Landesverband Martin Schulz den entscheidenden Stoß verpasst. Die Erleichterung über den Rückzug ist groß.

          Europa auf einen neuen Kurs bringen Video-Seite öffnen

          Martin Schulz : Europa auf einen neuen Kurs bringen

          „Wenn wir das erreichen, wird das ein Europa sein, das sozialdemokratischer sein wird, als es heute ist. Ja, ein sozialdemokratischeres Europa. Nur Genossinnen und Genossen, die Zeit drängt.“

          Der Verlierer

          Sigmar Gabriel : Der Verlierer

          Mit Sigmar Gabriel verliert die SPD einen ihrer profiliertesten Männer. Im Machtkampf mit dem langjährigen Parteifreund hat sich Martin Schulz für seine eigene Karriere entschieden. Eine Analyse.

          Die SPD-Basis bleibt skeptisch Video-Seite öffnen

          Groko : Die SPD-Basis bleibt skeptisch

          Nach der Einigung auf einen Koalitionsvertrag sind nun die Mitglieder der SPD am Zug. Sie müssen in einem Mitgliederentscheid bestimmen, ob ihre Partei in die Regierung eintreten soll. Die Genossen sind nicht alle vom Verhandlungsergebnis überzeugt.

          Topmeldungen

          Der türkische Präsident Erdogan spricht am 20. Februar 2018 in Ankara.

          Krieg in Syrien : Erdogan kündigt Belagerung von Afrin an

          Der türkische Präsident Erdogan will keine kurdische Teilautonomie an der Landesgrenze dulden. Die Kurden befürchten nun, dass sie von Assads Schutzmacht Russland zum Abschuss freigegeben worden sind.

          FAZ Plus Artikel: No-Groko-Kampagne : Kühnerts Showtime

          Kevin Kühnert ist auf Tournee, um eine weitere große Koalition zu verhindern. Spaß am großen Auftritt hat der Juso-Vorsitzende längst gefunden. Aber was will er erreichen? Und weiß er auch, was er tut?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.