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SPD-Debakel in NRW : „Es ist falsch, dass die Hannelore geht”

Erschüttert: SPD-Anhänger am Sonntagabend in Düsseldorf Bild: EPA

Die SPD verliert ihr Herzland. Die Partei verfällt in Schockstarre, Hannelore Kraft, die lange unangefochten war, tritt ab. Wie konnte es dazu kommen?

          Es ist ein Gerücht, das bedrohlich durch den Saal wabert: Dass sie verloren haben, ahnen die Sozialdemokraten schon vor 18 Uhr. Die Trends der Umfrageinstitute, die die erste Prognose präsentieren, kursieren meist schon vertraulich in den Parteien. Die Fotografen stehen vor der Bühne, der Blick der Genossen auf die Fernsehleinwand – es ist ein Lauern auf den Schock. Aber der bleibt aus. Nur ein halblautes Stöhnen geht durch den Saal. Ein zweites Stöhnen, als das Ergebnis der AfD auftaucht.

          Timo Steppat

          Redakteur in der Politik.

          Mit einem Ergebnis von etwa 31 Prozent erfährt die SPD in Nordrhein-Westfalen, das gerne als ihr Stammland bezeichnet wird, eine historische Niederlage. Nie, selbst 2005, als es danach Neuwahlen im Bund gab, hat sie so schlecht abgeschnitten.

          Die Erwartung an das Abschneiden der SPD hat im zurückliegenden Jahr verschiedene Wellen durchgemacht. Ende des Jahres etwa, als die SPD hinter der CDU lag, wurde es manchen Genossen schon Angst und Bange. Erfahrene Wahlkämpfer verwiesen auf die Beliebtheit von Hannelore Kraft. Dann kam die Ernennung von Martin Schulz als Kanzlerkandidat der Partei – die SPD hob in den Umfragen ab, erreichte bei einem Institut sogar 40 Prozent.

          Kraft wirkte lustlos und müde

          Der Wahlkampf der SPD war auf Hannelore Kraft ausgerichtet. Die deutliche Botschaft: Damit Hannelore Kraft Ministerpräsidentin bleibt. Aber Kraft wirkte streckenweise müde, lustlos, manchmal auch schlecht gelaunt. Die Zustimmung zur Landespolitik nahm ab, mehr und mehr schien sich in den zurückliegenden zwei Monaten die Lesart der „miserablen Bilanz” von Rot-Grün durchzusetzen, von der FDP und CDU sprachen. Und auch die Werte von Kraft fielen. Laschet unterdessen legte immer weiter in den Beliebtheitswerten zu. Am Ende, bei einer Erhebung der Forschungsgruppe Wahlen drei Tage vor der Wahl, trennten beide nur noch acht Prozent, was die Beliebtheit betrifft. Für eine Amtsinhaberin ist das nicht gut.

          Will die alleinige Verantwortung übernehmen: Hannelore Kraft am Sonntagabend in einem Fernsehinterview auf einer Leinwand vor dem Landtagsgebäude
          Will die alleinige Verantwortung übernehmen: Hannelore Kraft am Sonntagabend in einem Fernsehinterview auf einer Leinwand vor dem Landtagsgebäude : Bild: dpa

          Um 18.18 Uhr läuft Kraft schnellen Schrittes in den Henkel Saal in der Düsseldorfer Altstadt, hier will die SPD feiern. Kraft sieht nicht, wie es gerne als Beschreibung für Verlierer heißt, abgeschlagen aus. Ihr Gesicht ist ausdruckslos. Kraft begrüßt die Genossen und redet dann relativ schnell: „Das ist kein guter Tag für die Sozialdemokraten in Nordrhein-Westfalen.“ Sie gratuliert Armin Laschet von der CDU und wünscht ihm eine „gute Hand“ mit dem Land. Man habe die Wählerinnen und Wähler nicht gewinnen können, obwohl man einen engagierten Wahlkampf geführt habe. Für die Entscheidungen will Kraft die Verantwortung übernehmen. „Deshalb werde ich mit sofortiger Wirkung als Vorsitzende der SPD in NRW und als stellvertretende Bundesvorsitzende zurücktreten.“ Um 18,21 Uhr, nach nur drei Minuten, sitzt Kraft wieder in ihrer Limousine und fährt über Düsseldorfs Feiermeile, die Ratinger Straße, ab.

          Sie will die Verantwortung allein tragen

          Das ist vorerst das Ende der Geschichte von Hannelore Kraft, die die SPD nach der Niederlage 2005 wieder aufgerichtet hat, sich 2010 in einer Minderheitsregierung an die Macht lavierte und sieben Jahre das bevölkerungsreichste Bundesland führte. Wenig später steht Kraft im Wahlstudio des ZDF. Auf die Frage, ob sie für eine große Koalition sei, sagt Kraft, das sei Entscheidung der Partei. Es soll auch kein Votum über den Kanzlerkandidaten Martin Schulz sein. Kraft will die Verantwortung ganz allein tragen.

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