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Regierungsbilanz im Westen : Sitzenbleiber Nordrhein-Westfalen

Vergangenheit und Zukunft: Die Hochöfen von ThyssenKrupp in Duisburg-Hamborn Bild: dpa

Zwischen Rhein und Weser regieren Stau und Stillstand. Dabei hat das Bundesland Nordrhein-Westfalen enormes Potential – wenn es sich nicht weiter selbst blockiert.

          Der große Platz am Tor 9 des Thyssen-Krupp-Werks in Duisburg-Hüttenheim ist schon am späten Vormittag gut gefüllt. Rote Fahnen der IG Metall werden geschwenkt, Trillerpfeifen machen höllischen Lärm. Punkt zwölf Uhr dröhnen die Glocken, und vier finster dreinblickende Männer in schwarzen Jacken bugsieren einen symbolischen Sarg zur Bühne. „Wenn du solche Vorstände hast, dann brauchst du keine Feinde mehr“, ruft Detlef Wetzel von der IG Metall in die Menge.

          Brigitte  Koch

          Wirtschaftskorrespondentin in Düsseldorf.

          Helmut  Bünder

          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Sogenannte Grobbleche lässt der Konzern hier und an einem weiteren Standort in Bochum produzieren. Rund 400 Stellen stehen auf der Kippe, zehnmal so viel könnten es am Ende werden, befürchtet der Betriebsrat. Denn der Konzern will weg von den Hochöfen, sich ganz auf das Technologiegeschäft konzentrieren und deshalb seine Stahlsparte mit der des indischen Konkurrenten Tata zusammenlegen. In der Belegschaft brodelt es. Rund 7500 Stahlkocher sind nach Angaben der Gewerkschaft dem Protestaufruf gefolgt – ein lohnendes Publikum, das sich Wirtschaftsminister Garrelt Duin (SPD) anderthalb Wochen vor der Landtagswahl nicht entgehen lässt.

          Wahl in Nordrhein-Westfalen

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          Er sagt das, was die Leute hören wollen. „Ich mag es mir nicht vorstellen, was hier passiert, wenn die Entscheidungen nicht mehr in Essen oder Duisburg, sondern in London, den Niederlanden oder Mumbai getroffen werden. Und deswegen wollen wir diese Lösung nicht“, donnert Duin. Es ist wie so oft in der Vergangenheit: Die Landesregierung stellt sich, Seit’ an Seit’ mit den Beschäftigten und den Gewerkschaften, gegen das Unvermeidliche und bremst den Wandel, statt ihn zu gestalten. Bei Duin klang das noch vor wenigen Monaten ganz anders.

          Thyssen Krupp Werk in Duisburg: Wird die Stahlsparte an indische Investoren verkauft?
          Thyssen Krupp Werk in Duisburg: Wird die Stahlsparte an indische Investoren verkauft? : Bild: ThyssenKrupp

          „Nicht lange jammern, wenn ein Werk zumacht, sondern es am Tag danach abreißen, damit Neues entstehen kann“, hat er im Landtag getönt. Es wäre höchste Zeit dafür. Ob Arbeitslosigkeit, Schulden, Investitionen oder Wirtschaftswachstum: Regelmäßig belegt Nordrhein-Westfalen einen der letzten Plätze in Deutschland. „Mit einer intelligenten Wachstumsstrategie hat NRW gute Chancen, wieder zu den Spitzenreitern aufzuschließen“, sagt zwar Heinrich Rentmeister, der für die Boston Consulting Group das wirtschaftliche Potential des Landes analysiert hat. Die Realität sieht anders aus.

          Politik macht sich selbst das Leben schwer

          Im Ruhrgebiet, wo vor allem der Norden immer noch schwer an seinen industriellen Altlasten trägt, geht es nur in Trippelschritten voran – auch weil die Politik sich selbst im Weg steht. So etwa beim jahrelangen Gezerre um das Projekt Newpark im Kreis Recklinghausen, einem der wirtschaftlich schwächsten Gebiete im Land. Das geplante Industriegebiet wäre fast am Widerstand des grünen Umweltministers Johannes Remmel gescheitert, weil der die Flächen für die Landwirtschaft bewahren wollte.

          Auch wenn das bevölkerungsreichste Bundesland noch immer vorurteilsbeladen vor allem mit Kohle und Stahl in Verbindung gebracht wird, ist das wirtschaftliche Spektrum sehr viel breiter. Zehn von dreißig Dax-Konzernen haben hier ihren Sitz, darunter erfolgreiche Konzerne wie Bayer, Henkel, die Deutsche Post oder die Deutsche Telekom. Mit Evonik, Covestro und Lanxess ist die Chemie ebenso ein Schwerpunkt wie der Handel mit Aldi, Deichmann, Metro und Rewe. Das Bundesland ist der größte Messeplatz in Europa. Versicherungen, Werbetreibende und internationale Logistik-Konzerne haben hier starke Standbeine. Da ist der breite Mittelstand, der vor allem außerhalb der Ballungsgebiete floriert, sei es in Ostwestfalen, im Münsterland, Sauerland oder Siegerland. Wäre das Bundesland ein eigenständiger Staat, wäre es damit an neunzehnter Stelle in der Welt, hinter der Türkei und vor der Schweiz.

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