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Wer was wählt im Norden : Die kurioseste Grenze in ganz Niedersachsen

SPD oder CDU? Zwischen Emsland und Ostfriesland sind die Grenzen vor der Landtagswahl am 15. Oktober klar gezogen. Bild: Reuters

Im Norden Niedersachsens sind die politischen Sympathien derart zweigeteilt wie sonst nirgends in Deutschland: Das Emsland auf der einen Seite ist CDU-Stammland – in Ostfriesland auf der anderen Seite dominiert die SPD. Woran liegt das?

          Ganz oben links auf der Landkarte, im äußersten Nordwesten Deutschlands, verläuft eine bemerkenswerte Grenze. Auf der einen Seite der Grenze leben Menschen, die mit schwarzgefleckten Rindern auf dem flachen Land siedeln und häufig noch die plattdeutsche Sprache sprechen. Sie wählen die CDU. Auf der anderen Seite leben Menschen, die mit schwarzgefleckten Rindern auf dem flachen Land siedeln und häufig noch die plattdeutsche Sprache sprechen. Sie wählen die SPD.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Bei der Bundestagswahl vor drei Wochen trat dieses Phänomen so deutlich wie noch nie zutage: Die Sozialdemokraten erzielten bei der Wahl mit 37,8 Prozent der Erststimmen ihr bundesweit bestes Ergebnis in Aurich-Emden. Der Wahlkreis im Nordwesten Niedersachsens löste damit die angeblichen Herzkammern der Sozialdemokratie im Ruhrgebiet ab. Die Union erzielte ihre besten Ergebnisse nicht in den tiefschwarzen Regionen Altbayerns oder Schwabens, wo stattdessen die AfD überdurchschnittliche Erfolge feierte. Das beste Wahlergebnis fuhr die Union mit 53,1 Prozent wie schon 2013 im Wahlkreis Cloppenburg-Vechta ein. Der liegt von der großen SPD-Hochburg Aurich-Emden nur wenige Kilometer entfernt.

          Bei der niedersächsischen Landtagswahl am Sonntag dürfte dieses Kuriosum wegen des kleinräumigeren Zuschnitts der Wahlkreise noch deutlicher hervortreten. Die Ostfriesen werden vor allem die SPD wählen. Die Emsländer, die direkt südlich von ihnen wohnen, werden vor allem CDU wählen.

          Weit und breit kein Unterschied

          Der schwarze Audi A8 muss die Grenze soeben überquert haben. „Da oben hängt Hanne Modder“, sagt Bernd Busemann. Das Plakat der SPD-Politikerin am Laternenpfahl zeigt dem CDU-Politiker an, dass er sein eigenes Territorium soeben verlassen hat und sich nun im Einflussbereich des politischen Gegners aufhält. Der „lange Arm“, den sich Busemann als Vertreter seines Wahlkreises Papenburg politisch selbst zugutehält, greift hier nicht mehr. Denn hinter der Grenze, im Wahlkreis Leer, beginnt das Reich von Johanne („Hanne“) Modder. In der Landeshauptstadt gelten beide Politiker als Schwergewichte. Hanne Modder ist die Vorsitzende der SPD-Fraktion, der Regierungsfraktion. Der einstige Kultus- und Justizminister Busemann amtiert als Präsident des Landtags.

          Man könnte sich auf den Standpunkt stellen, dass die beiden Politiker sinnbildlich dafür stehen, dass es große lebensweltliche Unterschiede zwischen den SPD-Wählern im Norden und den CDU-Wählern im Süden gibt: Der Emsländer Busemann hat eine sonore Stimme, hält Schafe und Pferde und ist katholisch. Die Ostfriesin Hanne Modder hingegen hat kurze, rötliche Haare und ist evangelisch-reformiert.

          „Erkennen Sie hier irgendeinen Unterschied?“, fragt Busemann und weist aus dem Fenster seiner Limousine. Weit und breit kein Unterschied. Entwässerungsgraben, Wiese, Maisfeld, dann wieder ein Entwässerungsgraben, Wiese und noch einmal ein Maisfeld. Der Rhythmus der Landschaft ist derselbe. Die Klinkerbauten sehen auch alle gleich aus. Busemann sieht es genauso.

          „Obwohl, wenn Sie ein Auge dafür haben, ist hier doch alles ein bisschen anders“, korrigiert sich Busemann. Als Landtagspräsident will er seinen protestantischen Landsleuten aus Ostfriesland auf keinen Fall zu nahe treten. Aber das Pflaster auf dem Gehweg könnte man schon mal wieder ausbessern. Aber das sind Fußnoten eines überzeugten Emsländers. Der Landtagspräsident dirigiert seinen Fahrer rasch wieder zurück in heimische Gefilde.

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