Home
http://www.faz.net/-hny-75qn2
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Tierschutz im Landtagswahlkampf Im Land der Hühner

Der Widerstand gegen den Riesenschlachthof im niedersächsischen Wietze geht weiter. Die Grünen haben die Landtagswahl am Sonntag zur Abstimmung über den Tierschutz erklärt.

© Theodor Barth/laif Vergrößern Vierzig Tage durch die Wüste: eine Geflügel-Mastanlage in Niedersachsen

Die grün-weißen Hallen am Ortseingang könnten zu einem Schraubenhändler oder einem Paketdienst gehören. Gesichtlose Gewerbegebiets-Architektur, deren einziger Zweck der Zweck ist. In diesem Fall: Hühner aus dem Zustand „lebendig“ in den Zustand „tot“ zu überführen. Die Gebäude im niedersächsischen Wietze beherbergen den größten Geflügel-Schlachthof in Europa, mit einer genehmigten Kapazität von 432.000 Hühnern am Tag. Also umgerechnet 27.000 Hühner in der Stunde, 450 in der Minute oder 7,5 in der Sekunde. Oder, auf das Jahr gerechnet, einhundertvierundreißigmillionensiebenhundertvierundachtzigtausend tote Hühner.

Reinhard Bingener Folgen:  

Ein „unbehagliches Gefühl“ hat Uschi Helmers, die der örtlichen Bürgerinitiative gegen den Schlachthof der Firma Rothkötter vorsitzt. Sie und ihr Mann Gerd stehen vor der Anlage im kalten Regendunst und denken nach. Beide tun sich schwer, in Worte zu fassen, was sie an dem Riesenschlachthof verstörend finden. Nur ab und zu ist der Geruch über Wietze unangenehm und süßlich. Heute ist vom Sterben auf dem Gelände nichts zu sehen, nichts zu hören, nichts zu riechen. Das Unternehmen Rothkötter verhält sich zu Opas Hühnerstall wie ein im Gras pickendes Huhn zu den Hähnchen-Pattys, die man „geformt, paniert, gegart, frittiert und tiefgefroren“ im Geflügel-Shop des Schlachthofs kaufen kann.

Industrialisierung der Landwirtschaft

Ein Lastwagen rollt langsam auf das Firmentor zu. „Da kommt gleich der nächste und da hinten noch einer“, sagt Gerd Helmers. „Wahrscheinlich haben sie irgendwo ausgestallt.“ Die Lastwagen, die ein Laie nicht als Geflügeltransporter erkennen kann, sind grün und weiß - Rothkötters Farben. Die Geflügelmäster, die ihn beliefern, sind eng an sein Unternehmen gebunden, heißt es. Rothkötter ist ein „Integrator“. Er liefert den Bauern, die sich an ihn binden, also nicht nur die Küken, sondern auch das Futter und sogar die Tierärzte. Nach 40 Tagen Mast schickt der Integrator Lastwagen - seine Lastwagen -, holt die etwa 40.000 Tiere aus dem Stall und bringt sie nach Wietze.

Menschenkette - Tierschützer, Bürger und Bauern demonstrieren mit einer Menschenkette um den Landtag in Hannover für eine neue, faire Argrarpolitik in Niedersachsen. © Christian Burkert Vergrößern Uschi und Gerd Helmers vor dem Landtag in Hannover

Dort werden sie mit Kohlendioxid vergast und dann aufgeschlitzt, gebrüht, gerupft, zerlegt und schließlich verpackt. Die Bauern sind in dem Geschäft vor allem deshalb noch dabei, weil sie das Baurecht für die Ställe haben. Ihre Arbeit bei der Mast besteht im Wesentlichen darin, zweimal am Tag mit dem Eimer durch die Halle zu gehen und die toten und verendenden Hühner einzusammeln. Ausschussware im Agrar-Business.

Nirgendwo in Deutschland ist die Industrialisierung der Landwirtschaft - zumindest im Geflügelbereich - so fortgeschritten wie in Niedersachsen. Über tausend Ställe wurden in den vergangenen zehn Jahren errichtet, mehr als jedes zweite Huhn in Deutschland wird hier gemästet, vor allem nahe der niederländischen Grenze im Emsland. Wietze aber liegt 40 Kilometer nördlich von Hannover, weit von der Ems entfernt.

1 | 2 | 3 | 4 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Puten-Schlachtung In Niedersachsen Vogelgrippevirus H5N8 nachgewiesen

Die Vogelgrippe ist ausgebrochen. Über die Niederlande hat sich das Virus bis nach Niedersachsen ausgeweitet. Direkte Gefahr für den Menschen besteht nicht. Die infizierten Tiere müssen trotzdem getötet werden. Mehr Von Reinhard Bingener und Jan Grossarth

16.12.2014, 17:07 Uhr | Gesellschaft
Fette Krise Kann man Olivenöl bald nicht mehr bezahlen?

2014 ist ein schlimmes Jahr für die Olivenöl-Bauern in Italien. Die Gesamtproduktion des Öls ist um mehr als ein Drittel eingebrochen, nicht ohne Folgen für die Verbraucher. Mehr

09.12.2014, 18:15 Uhr | Stil
H5N8 Gefährliche Vogelgrippe in Niedersachsen nachgewiesen

Bereits im November war der gefährlich H5N8-Virus wieder aufgetaucht. Nun wurde Vogelgrippe auch in Niedersachsen nachgewiesen. Mehr als 30.000 Tiere sollen auf den betroffenen Geflügelhöfen getötet werden. Mehr

16.12.2014, 14:17 Uhr | Gesellschaft
Bauern spüren russischen Importstopp

Die deutschen Milchbauern leiden unter den Sanktionen Russlands. Die EU-Agrarminister beraten deshalb den Umgang mit den Folgen des Importstopps für Agrarprodukte. Mehr

02.09.2014, 23:04 Uhr | Politik
Landwirtschaft Rekordernte bei den Zuckerrüben

Diese Mengen übertreffen alles: Die Zuckerrüben-Bauern holen in diesem Jahr so viele Früchte aus dem Boden wie noch niemals zuvor. Der Ernterekord hat jedoch Folgen für den Preis. Mehr Von Thorsten Winter

04.12.2014, 08:00 Uhr | Rhein-Main
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 15.01.2013, 19:03 Uhr

Russische Selbsterhaltung

Von Reinhard Veser

Wladimir Putin macht für die russische Krise äußere Faktoren verantwortlich. Merkt er nicht, wie absurd es klingt, wenn der Führer des größten Landes der Erde so etwas sagt? Mehr 6