http://www.faz.net/-gpf-771n8
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 19.02.2013, 14:44 Uhr

Stephan Weil Nicht lange reden

Der neue niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil ist nicht der Typ, der sich vor Kameras drängt. Hinter den Kulissen agiert er jedoch als durchsetzungsfähiger Politiker, der gerne die Kontrolle behält.

von , Hannover
© dapd Wenn man sich einig sei, müsse man nicht lange reden, lautet ein Motto von Stephan Weil

Momente, von denen Stephan Weil irgendwann Jüngeren erzählen mag, hat er in den vergangenen vier Wochen genügend erlebt: die wohl spannendste Landtagswahl seit langem, deren Sieger nach ständigem Auf und Ab erst kurz vor Mitternacht feststand; seinen Auftritt in Berlin, wo binnen kurzem aus dem wenig bekannten Kommunalpolitiker einer der einflussreichen deutschen Sozialdemokraten wurde; den Parteitag seiner SPD, die in noch nicht einmal zwei Stunden den von ihm ausgehandelten Koalitionsvertrag mit den Grünen einstimmig billigte; die Übergabe der Schlüssel zur Staatskanzlei durch seinen Vorgänger David McAllister (CDU) am Dienstagnachmittag.

Gleich nach der Wahl zum elften niedersächsischen Ministerpräsidenten hielt Weil seine erste Rede überhaupt in einem Parlament - und das war gleich eine Regierungserklärung.

Ruhig und strategisch

Bei all diesen Herausforderungen blieb Weil nach außen ruhig, ging verbindlich mit anderen um, zumindest solange Kameras in der Nähe waren. Dabei weiß er recht gut, was er will, und lässt einen das auch spüren. Anderen gibt er Raum, etwa in den Koalitionsverhandlungen. Was ihm wichtig ist, setzt er als einer, der gerne die Kontrolle behält, auch durch. Dabei neigt er eher zum Zügeln denn zum Ausufernden.

Wenn man sich einig sei, müsse man nicht lange reden, sagte er ebenso knapp wie vergnügt am Ende des Parteitags. Das wird er nun auch im Kabinett zeigen müssen. Seine grünen Koalitionspartner dürften mehr Selbstbewusstsein und mehr Fliehkräfte zeigen, als die FDP im vergangenen Jahrzehnt ihrem großen Koalitionspartner CDU entgegengesetzt hat.

Weil ist das indes gewohnt. In seinen Jahren als Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Hannover hatte er es mit ebenso eigenwilligen wie „schwierigen“ Grünen zu tun. Irgendwie schaffte er es auch dort. Das mag mehrere Gründe haben. Als ehemaliger Kämmerer kennt Weil die Zwänge fehlenden Geldes. Damit kann er Begehrlichkeiten - sie werden ihn von allen Seiten bedrängen, sobald die Phase des Hochgefühls vorbei ist - abwehren.

Als zweite Verteidigungslinie kann der 54 Jahre alte Jurist auf rechtliche Zwänge verweisen; als ehemaliger Anwalt, Richter, Staatsanwalt, Ministerialrat kennt er sich da aus. Und als Drittes kommt ihm sein Gemüt zugute. Stephan Weil ist vom Naturell her ein vorsichtiger und strategisch planender Mensch, der nicht zu übereiltem Vorgehen neigt. Als Ministerpräsident wird er aber nicht nur fachlich wie menschlich vermitteln und koordinieren müssen, sondern auch vorantreiben.

Dass er auch das kann, hat er in dem guten Jahr bewiesen, seitdem die Landespartei ihn zum Spitzenkandidaten benannt hat: einen Oberbürgermeister, der in der Region Hannover respektiert wurde, darüber hinaus aber wenig bekannt war. Dass er das in kurzer Zeit veränderte, obwohl er nicht der Typ ist, der sich vor Kameras drängt, zeigt, dass nun auch die Berliner auf den neuen niedersächsischen Regierungschef werden achten müssen.

Mehr zum Thema

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Baden-Württemberg Nicht gesucht und doch gefunden

Während des Wahlkampfs in Baden-Württemberg haben sich Grüne und CDU noch bekämpft, nun sind sie Koalitionspartner. Haben hier zwei konservative Parteien zusammengefunden? Mehr Von Rüdiger Soldt, STUTTGART

02.05.2016, 20:34 Uhr | Politik
Nicht gesucht, doch gefunden Grün-schwarze Koalitionspremiere in Baden-Württemberg

Der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann und der CDU-Landesvorsitzende Thomas Strobl haben die Einigung auf das Regierungsbündnis zwischen Grünen und CDU bekannt gegeben. Den Grünen war es bei den Landtagswahlen am 13. März gelungen, erstmals bei einer Landtagswahl stärkste Kraft zu werden. Mehr

03.05.2016, 08:09 Uhr | Politik
Sachsen-Anhalt Im letzten Moment zusammengerauft

Im ersten Wahlgang verweigern fünf Abgeordnete der Kenia-Koalition dem bisherigen Ministerpräsidenten Haseloff die Gefolgschaft. Im zweiten Durchgang kommt die Koalition aber mit einem blauen Auge davon. Auch, weil es zu Haseloff keine Alternative gibt. Mehr Von Timo Steppat

25.04.2016, 12:04 Uhr | Politik
SPD, FDP und Grüne Ampel-Koalition in Rheinland-Pfalz steht

In Rheinland-Pfalz haben sich die Spitzen von SPD, FDP und Grünen nach den Landtagswahlen auf ein Regierungsbündnis verständigt. Die rot-grüne Regierung in Mainz hatte bei der Wahl am 13. März ihre Mehrheit verloren. Als Koalitionspartner kommt nun die FDP hinzu, die mit 6,2 Prozent der Stimmen vor den Grünen (5,3 Prozent) landete. Die SPD siegte deutlich mit 36,2 Prozent. Mehr

23.04.2016, 09:41 Uhr | Politik
Ampelkoalition in Mainz Grüne müssen Mittelrheinbrücke mittragen

Die Koalition aus SPD, FDP und Grünen in Rheinland-Pfalz steht, der Koalitionsvertrag wird an diesem Freitag vorgestellt. Den Neubau von zwei Rheinbrücken werden die Grünen ihren Wählern erklären müssen. Mehr Von Timo Frasch

21.04.2016, 20:46 Uhr | Politik
Vorwahlen in Amerika

Europäischer Basar

Von Reinhard Müller

In der Flüchtlingskrise geht es um einen Handel mit der Türkei. Dazu gehören dort rechtsstaatliche Bedingungen. Das ist keine Fragen von Buchstaben – da geht es um Wirklichkeit. Und die trägt in der Türkei einen autoritären Schleier. Mehr 4

Abonnieren Sie den Newsletter „Politik-Analysen“