Home
http://www.faz.net/-hny-771n8
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Stephan Weil Nicht lange reden

Der neue niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil ist nicht der Typ, der sich vor Kameras drängt. Hinter den Kulissen agiert er jedoch als durchsetzungsfähiger Politiker, der gerne die Kontrolle behält.

© dapd Vergrößern Wenn man sich einig sei, müsse man nicht lange reden, lautet ein Motto von Stephan Weil

Momente, von denen Stephan Weil irgendwann Jüngeren erzählen mag, hat er in den vergangenen vier Wochen genügend erlebt: die wohl spannendste Landtagswahl seit langem, deren Sieger nach ständigem Auf und Ab erst kurz vor Mitternacht feststand; seinen Auftritt in Berlin, wo binnen kurzem aus dem wenig bekannten Kommunalpolitiker einer der einflussreichen deutschen Sozialdemokraten wurde; den Parteitag seiner SPD, die in noch nicht einmal zwei Stunden den von ihm ausgehandelten Koalitionsvertrag mit den Grünen einstimmig billigte; die Übergabe der Schlüssel zur Staatskanzlei durch seinen Vorgänger David McAllister (CDU) am Dienstagnachmittag.

Gleich nach der Wahl zum elften niedersächsischen Ministerpräsidenten hielt Weil seine erste Rede überhaupt in einem Parlament - und das war gleich eine Regierungserklärung.

Ruhig und strategisch

Bei all diesen Herausforderungen blieb Weil nach außen ruhig, ging verbindlich mit anderen um, zumindest solange Kameras in der Nähe waren. Dabei weiß er recht gut, was er will, und lässt einen das auch spüren. Anderen gibt er Raum, etwa in den Koalitionsverhandlungen. Was ihm wichtig ist, setzt er als einer, der gerne die Kontrolle behält, auch durch. Dabei neigt er eher zum Zügeln denn zum Ausufernden.

Wenn man sich einig sei, müsse man nicht lange reden, sagte er ebenso knapp wie vergnügt am Ende des Parteitags. Das wird er nun auch im Kabinett zeigen müssen. Seine grünen Koalitionspartner dürften mehr Selbstbewusstsein und mehr Fliehkräfte zeigen, als die FDP im vergangenen Jahrzehnt ihrem großen Koalitionspartner CDU entgegengesetzt hat.

Weil ist das indes gewohnt. In seinen Jahren als Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Hannover hatte er es mit ebenso eigenwilligen wie „schwierigen“ Grünen zu tun. Irgendwie schaffte er es auch dort. Das mag mehrere Gründe haben. Als ehemaliger Kämmerer kennt Weil die Zwänge fehlenden Geldes. Damit kann er Begehrlichkeiten - sie werden ihn von allen Seiten bedrängen, sobald die Phase des Hochgefühls vorbei ist - abwehren.

Als zweite Verteidigungslinie kann der 54 Jahre alte Jurist auf rechtliche Zwänge verweisen; als ehemaliger Anwalt, Richter, Staatsanwalt, Ministerialrat kennt er sich da aus. Und als Drittes kommt ihm sein Gemüt zugute. Stephan Weil ist vom Naturell her ein vorsichtiger und strategisch planender Mensch, der nicht zu übereiltem Vorgehen neigt. Als Ministerpräsident wird er aber nicht nur fachlich wie menschlich vermitteln und koordinieren müssen, sondern auch vorantreiben.

Dass er auch das kann, hat er in dem guten Jahr bewiesen, seitdem die Landespartei ihn zum Spitzenkandidaten benannt hat: einen Oberbürgermeister, der in der Region Hannover respektiert wurde, darüber hinaus aber wenig bekannt war. Dass er das in kurzer Zeit veränderte, obwohl er nicht der Typ ist, der sich vor Kameras drängt, zeigt, dass nun auch die Berliner auf den neuen niedersächsischen Regierungschef werden achten müssen.

Mehr zum Thema

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Vor dem CDU-Parteitag Eine Dame ohne Unterleib

Auf dem CDU-Parteitag in Köln entscheidet sich, ob die Partei einen Generationenwechsel wagt – und ob Angela Merkel noch in allen Details die Parteilinie bestimmt. Mehr Von Günter Bannas, Berlin

08.12.2014, 10:34 Uhr | Politik
Wer punktet neben Tillichs CDU?

Umfragen sehen die Partei des Ministerpräsidenten erneut als stärkste Kraft bei der Landtagswahl in Sachsen. SPD und Grüne schließen eine mögliche Koalition nicht aus. Mehr

29.08.2014, 10:29 Uhr | Politik
Die CSU und ihr Deutsch-Zwang Tiefflug über die Stammtische

Die CSU debattiert darüber, wo Ausländer deutsch sprechen sollen. Zuhause? In der Öffentlichkeit? Oder nur im täglichen Leben? Vom frühen Ende eines umstrittenen Satzes. Mehr Von Eckart Lohse, Berlin

08.12.2014, 17:05 Uhr | Politik
Bodo Ramelow Erster linker Regierungschef in Thüringen?

Bodo Ramelow könnte nach Abschluss der Koalitionsverhandlungen zwischen Linkspartei, SPD und Grünen zum Ministerpräsidenten in Thüringen gewählt werden. Kritik und Warnungen aus der CDU weist er zurück. Mehr

20.11.2014, 11:05 Uhr | Politik
CDU-Parteitag Gröhe beweist Stil in der Niederlage

Der ehemalige Generalsekretär der CDU, Gesundheitsminister Hermann Gröhe, ist aus dem engeren Führungszirkel der Partei ausgeschieden. Im Ausscheidungsrennen um einen Platz im Präsidium veranlasste ihn auch ein Frauen-Mindest-Quorum zum Verzicht. Mehr Von Günter Bannas, Köln

10.12.2014, 13:27 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 19.02.2013, 14:44 Uhr

Russische Selbsterhaltung

Von Reinhard Veser

Wladimir Putin macht für die russische Krise äußere Faktoren verantwortlich. Merkt er nicht, wie absurd es klingt, wenn der Führer des größten Landes der Erde so etwas sagt? Mehr 4

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden