Home
http://www.faz.net/-gpf-75eac
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 29.12.2012, 14:11 Uhr

David McAllister Der Mann mit der Maske

Der niedersächsische Ministerpräsident David McAllister kämpft um seinen Job - zum ersten Mal in einer erstaunlichen Karriere. Obwohl ihm Wahlkampf liegt, steht er unter Druck.

© dpa David McAllister

Vor ein paar Wochen besuchte der niedersächsische Ministerpräsident eine Moschee am Stadtrand von Hannover. Es war unbekanntes Terrain für ihn, und das will etwas heißen. Normalerweise kann David McAllister jeden Ortsbürgermeister mit Namen ansprechen. Aber nun standen da Unbekannte, Männer mit Bart, Frauen mit Kopftuch. McAllister sagte artig „Merhaba“, das hatte er auswendig gelernt. Und noch ein paar Sätze: dass er „auch ihr Ministerpräsident“ sei, dass er „genauso gerne in eine Moscheegemeinde wie in eine Synagoge und eine christliche Kirche“ gehe. Das klang wie auswendig gelernt. Er wollte nichts falsch machen, nicht so kurz vor der Landtagswahl, nicht an einem solchen Ort, vor laufenden Kameras.

Thomas Gutschker Folgen:

Wenn David McAllister angespannt ist, schaltet er in den Kontrollmodus um. Dann erstarren seine Gesichtszüge. Die Augen blicken ins Leere, und die helle Stimme wird dunkler, staatstragend, leiernd. Der Politiker McAllister sieht dann aus wie eine Maske, die spricht. Nur eines kann er nicht so gut kontrollieren, die Blutgefäße in seinen Wangen. Sie leuchten durch die Maske hindurch.

Die Moschee war ihm fremd. Er stellte Fragen. In welcher Sprache gepredigt werde, wer die Gebetszeiten „ausrechne“, ob Atatürk im Ersten Weltkrieg gekämpft habe. Das war etwa so, als wollte ein Muslim in einer christlichen Kirche wissen, wer denn der Mann am Kreuz sei und ob die Messe auf Aramäisch gehalten werde. Die Gastgeber bewahrten Haltung, sie waren stolz auf ihren Besucher. Nach einem Rundgang durften sie selbst Fragen stellen. McAllister war auf alles gefasst, seine Miene signalisierte höchste Alarmstufe.

„Everybody’s darling“

Aber dann tauten die Gesichtszüge langsam auf. Es ging selbst an diesem Ort um lauter Dinge, die ihn auch sonst beschäftigen: Studiengebühren, Bildungschancen, den Verfall des örtlichen Einkaufszentrums. Da war der Ministerpräsident wieder in seinem Element. Als er ging, lud er noch schnell zwei türkische Honoratioren zum CDU-Parteitag ein.

Eigentlich kennt man ihn so: locker, schlagfertig, immer einen Spruch auf den Lippen. David McAllister ist gerne „everybody’s darling“, das ist eine Triebfeder für sein politisches Engagement. Er kann auf Menschen zugehen, mit jedem ein Schwätzchen halten. So hat er Niedersachsen in den letzten zweieinhalb Jahren als Ministerpräsident erobert. Aber McAllister kann auch ganz anders sein: vorsichtig, verschlossen, misstrauisch.

Wenn er unsicher ist, wenn er unter Druck steht. Und momentan steht er mächtig unter Druck: Der Mann, der von Horst Seehofer schon zum Merkel-Nachfolger hochgejubelt wurde, könnte bald zum einfachen Landtagsabgeordneten herabgestuft werden. Zwar sagen die Umfragen der CDU ein hervorragendes Ergebnis bei der Landtagswahl am 20. Januar voraus. Doch was nutzt das schon, wenn ihr Partner, die FDP, auf der Strecke bleibt und es für SPD und Grüne zur Regierungsmehrheit reicht?

McAllisters Karrierebeschleuniger

Bislang fiel McAllister vieles wie von selbst zu. Er wurde Fraktionsvorsitzender, CDU-Parteichef, Ministerpräsident - immer als Nachfolger Christian Wulffs, der ihn früh förderte. Jetzt muss er zum ersten Mal richtig kämpfen, um an der Macht zu bleiben. Und alle sehen genau hin in Berlin, denn der Ausgang in Niedersachsen setzt den Ton, vielleicht auch den Trend, für die Bundestagswahl im Herbst. Zum offiziellen Wahlkampfauftakt am nächsten Samstag kommt die Kanzlerin nach Braunschweig, danach bleiben zwei kurze Wochen, um Wähler zu mobilisieren.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
0:1 gegen Mainz Hannover steckt tief im Schlamassel

Drittes Spiel, dritte Niederlage: Auch unter dem neuen Trainer Thomas Schaaf läuft es für Hannover 96 nicht besser. Beim 0:1 gegen Mainz klappt bei 96 nahezu nichts wie gewünscht. Mehr

06.02.2016, 17:32 Uhr | Sport
Gegen Stimmungsmache Obama stärkt Muslimen den Rücken

Bei seinem Auftritt in einer Moschee im Bundesstaat Maryland hat sich Barack Obama von Stimmungsmache gegen Muslime distanziert. Auch international für Aufsehen gesorgt hatten diesbezügliche Äußerungen des republikanischen Präsidentschaftsbewerbers Donald Trump. Mehr

04.02.2016, 08:05 Uhr | Politik
3:0 gegen Hannover Leverkusen erledigt seine Pflicht

Hannover 96 bleibt für Bayer 04 ein verlässlicher Punktelieferant. Zum neunten Mal in Folge haben die Niedersachsen beim Gastspiel in Leverkusen keine Chance. Ein Stürmerduo lässt den Werksklub jubeln. Mehr

30.01.2016, 17:29 Uhr | Sport
Eine Musiklegende geht Weltweit beklagen Fans den Tod von David Bowie

Trauer und Fassungslosigkeit nach der Nachricht vom Tod der Musiklegende David Bowie. Fans weltweit beklagen den Verlust eines Musikers, der sie über Jahrzehnte hinweg begleitete. Vor seinem ehemaligen Wohnhaus in Berlin-Schöneberg war die Trauer mit Händen zu greifen. Mehr

11.01.2016, 17:05 Uhr | Feuilleton
Landtagswahl Baden-Württemberg Teufel nennt AfD rechtsradikal und rät CDU zur Distanz

Noch vor nicht allzu langer Zeit bewertete Erwin Teufel die AfD als demokratische Partei. Nun hat der frühere Ministerpräsident von Baden-Württemberg seine Meinung gründlich geändert. Seiner Partei CDU rät der Politiker zur Abgrenzung ohne Wenn und Aber. Mehr Von Rüdiger Soldt, Stuttgart

27.01.2016, 13:27 Uhr | Politik

Steuern und begrenzen

Von Reinhard Müller

Eigentlich braucht es kein neues Gesetz zur Integration von Flüchtlingen. Das Aufenthaltsgesetz regelt alles nötige. Das Problem ist nur: Jeder kommt ins Land. Mehr 194

Abonnieren Sie den Newsletter „Politik-Analysen“