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Wahl in Mecklenburg-Vorpommern: AfD mobilisiert verängstigte Nichtwähler

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Wähleranalyse: AfD mobilisiert verängstigte Nichtwähler

Von TIMO STEPPAT

05.09.2016 · Wer hat die AfD in Mecklenburg-Vorpommern zur zweitstärksten Kraft gemacht? Männer, Arbeiter oder Arbeitslose haben die Rechtspopulisten gewählt. Ihr Hauptgrund: die Angst vor Flüchtlingen.

Die AfD hat es wieder geschafft. Zum zweiten Mal zieht die noch junge Partei aus dem Stand mit einem Ergebnis von mehr als 20 Prozent in ein Landesparlament ein. Jeder fünfte Wähler hat in Mecklenburg-Vorpommern für die rechtspopulistische Partei gestimmt. Das sind laut vorläufigen Zahlen 180.000 Wählerstimmen.

Die Wahlbeteiligung ist in Mecklenburg-Vorpommern deutlich höher ausgefallen als noch vor fünf Jahren. Rund zehn Prozent mehr Wähler stimmten über den neuen Landtag ab, 60,5 Prozent. Höher war die Wahlbeteiligung zuletzt nur 2002, allerdings wurde damals gleichzeitig der Bundestag gewählt. Von der Mobilisierung profitiert vor allen Dingen die AfD. Es sind ehemalige Nichtwähler, die für die Partei stimmen. 56.000 Wähler, die beim letzten Mal zu Hause geblieben sind, haben diesmal für die AfD gestimmt. Bei keiner anderen Partei fällt der Wert so hoch aus.

Die AfD jagte vor allem der CDU und Linkspartei Wähler ab. Jeweils 27.000 Wähler, die 2011 jeweils noch für eine der zwei Parteien stimmten, machten diesmal ihr Kreuz bei der AfD. 21.000 ehemalige SPD-Anhänger wählten AfD. Ebenso viele NPD-Wähler gingen zu den Rechtspopulismus.

Wer sind die Leute, die für die AfD gestimmt haben? Die Nachwahlbefragungen von Infratest Dimap und Forschungsgruppe Wahlen geben ein differenziertes Bild davon, welchen sozioökonomischen Hintergrund die Wähler haben, welche Berufe sie haben und welche Motive sie für ihre Wahlentscheidung hatten.

Die große Angst vor Flüchtlingen Die Anhänger der AfD haben Angst vor Flüchtlingen. Das geben 86 Prozent von ihnen in den Nachwahlbefragungen an. Im Vergleich: Bei allen Wählern ist es nicht mal jeder zweite, der eine solche Angst äußert. 83 Prozent der AfD-Anhänger sind außerdem davon überzeugt, dass für Flüchtlinge mehr getan werde als für Einheimische. Sie glauben fest daran, dass die Sozialausgaben durch den Zuzug von Flüchtlingen steigen werden (97 Prozent), dass der Einfluss des Islam jetzt zunimmt (96 Prozent), dass die Kriminalität wächst (91 Prozent) und der Wohlstand bedroht ist (74 Prozent). Betrachtet man die gesamte Wählerschaft, ist die Sorge um den Wohlstand nur bei einem knappen Drittel vorhanden, der Anteil der Besorgten ist also im Vergleich zur AfD nur halb so groß.

Vielfach wurde die Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern als Abstimmung über die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin bezeichnet. Zumindest für die Wähler der AfD trifft das zu. Sie halten die Flüchtlingskrise neben der Frage nach Arbeitsplätzen für das drängendste Thema. Da es sich, wie beschrieben, um einen hohen Anteil von Nichtwählern handelt, könnten sich diese durch die Flüchtlingskrise veranlasst gesehen haben, wieder wählen zu gehen. Für die Hälfte der AfD-Anhänger war die Flüchtlingskrise laut Infratest wahlentscheidend.

Die AfD-Wähler erkannten in der Landtagswahl eine klare Abstimmung über die Bundespolitik. Zwei Drittel der Anhänger der Rechtspopulisten stimmten aus Enttäuschung über andere Parteien für die AfD. Nur 24 Prozent geben an, sie hätten die AfD aus Überzeugung gewählt, wie aus einer Befragung von Infratest hervorgeht.

Erfolgreich bei 30- bis 44-Jährigen Ein Viertel aller Wähler in Mecklenburg-Vorpommern hat AfD gewählt, 25 Prozent. Damit ist der Anteil der Männer deutlich höher als bei Frauen, wo er nur bei 17 Prozent liegt. Das geht aus den Erhebungen der Forschungsgruppe Wahlen hervor. Anders sieht es bei der SPD aus, die besonders stark von Frauen gewählt wurde. Sie erreicht 34 Prozent in dieser Gruppe.

Die AfD war laut Zahlen der Forschungsgruppe Wahlen besonders erfolgreich bei den Bürgern im mittleren Lebensalter, die mitten im Berufsleben stehen, die Kinder und Familie haben dürften. Das ist ungewöhnlich. Bei vorausgegangenen Wahlen wie in Sachsen-Anhalt waren eher die Jungen stark für den Erfolg der AfD verantwortlich. Diese jungen Wähler haben mit den Alten gemeinsam, dass sie in Mecklenburg-Vorpommern stärker SPD gewählt haben und eher im geringerem Maße die AfD (17 Prozent).

Hoher Anteil von Selbständigen Den höchsten Zuspruch hat die AfD unter Arbeitern. 27 Prozent haben laut Infratest Dimap von ihnen die AfD gewählt. Laut Forschungsgruppe Wahlen erreicht die AfD unter Arbeitern sogar 34 Prozent. 29 Prozent der arbeitslosen Wähler sollen danach ebenfalls die AfD gewählt haben. In beiden Gruppen, Arbeitern und Arbeitslosen, hat die SPD ansonsten die Nase vorn. Bemerkenswert ist, dass die AfD in Mecklenburg-Vorpommern noch immer bei Selbständigen erfolgreich zu sein scheint. Als die Rechtspopulisten noch unter ihrem Vorsitzenden Bernd Lucke als Professoren-Partei galten, war das üblich, hatte sich aber zuletzt eigentlich geändert. Laut Infratest haben 28 Prozent der Selbständigen für die AfD gestimmt, gefolgt von 25 Prozent für die CDU.

AfD-Wähler haben geringe bis mittlere Bildung Die AfD hat besonderen Erfolg bei Wählern mit niedriger und mittlerer Bildung. Aus den Zahlen von Forschungsgruppe Wahlen geht hervor, dass 26 Prozent der Wähler mit mittlerer Reife für die AfD gestimmt haben, 18 Prozent derjenigen, die einen Hauptschulabschluss haben. Deutlich schlechter fällt das Ergebnis bei Hochschulabsolventen mit 13 Prozent aus.

Stadt-Land-Gefälle Der AfD ist es gelungen, drei Direktmandate zu erlangen. Dabei handelt es sich um Wahlkreise in Vorpommern, in der Region um die Greifswald. In Vorpommern-Greifswald III gewinnt die AfD mit 35,3 Prozent deutlich, die CDU ist abgeschlagen auf Platz zwei mit 19 Prozent. Im Wahlkreis von Angela Merkel, Stralsund, ist es bei der Auszählung am Wahlabend knapp geworden. Kurz sah es danach aus, als könnte die AfD dort gewinnen, wo Merkel ihr Ferienhaus hat. Am Ende gewinnt CDU-Kandidat Dietmar Eifler mit 0,5 Prozent Vorsprung und zieht in den Landtag ein. Im dünn besiedelten Mecklenburg-Vorpommern zeigt sich nur eine schwache Stadt-Land-Ausprägung. In städtisch geprägten Wahlkreisen gewinnt die SPD sehr deutlich; in Wismar sind es über 40 Prozent, in Rostock 29 Prozent – mit zehn Prozent Abstand auf die CDU.

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Quelle: FAZ.NET

Veröffentlicht: 05.09.2016 09:38 Uhr