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Ukip : Rechtspopulist Farage verliert und tritt zurück

Ende einer Zitterpartie: Nigel Farage Bild: Reuters

Die antieuropäische Ukip hat viele Stimmen gewonnen, aber nur einen Sitz errungen. Ausgerechnet ihr Vorsitzender Nigel Farage hat die Mehrheit verfehlt, weshalb er nun die Konsequenzen zieht. Allerdings nicht, ohne sich eine Hintertür offenzuhalten.

          Das britische Wahlrecht kann ganz schön gemein sein. Zumindest wenn man einer kleinen Partei zuneigt. So dürften sich die Fans der rechtspopulistischen UK Independence Party (Ukip) jetzt ärgern. Die Kandidaten der antieuropäischen Partei, die Großbritannien lieber heute als morgen aus der EU lösen möchte, haben laut Hochrechnungen zusammengenommen 12,6 Prozent aller Stimmen bekommen – das ist ein Gewinn von satten 9,6 Prozentpunkten. Damit wäre die Ukip drittstärkste Kraft im Unterhaus, nach Torys und Labour und noch vor den Liberaldemokraten. Eigentlich.

          Stefan Tomik

          Redakteur in der Politik.

          Doch das britische Wahlrecht kennt nur Wahlkreise, und weil die Stimmen für die Ukip weit gestreut sind, schaffte es bislang nur einer ihrer Kandidaten, einen Wahlkreis zu erringen. Wie viel besser haben es da doch die Liberaldemokraten: Mit gerade einmal 7,7 Prozent aller Stimmen - und nach einem herben Verlust von 15 Punkten – dürfen sie trotzdem mit acht Sitzen im Parlament rechnen.

          Nur ein Abschied auf Zeit?

          Nicht im Unterhaus vertreten ist ausgerechnet Ukip-Chef Nigel Farage. Wegen Auszählungsproblemen in seinem Wahlkreis Thanet South an der Südostspitze Großbritanniens wurde die Stimmenauswertung dort zur Zitterpartie. Als einer der letzten Wahlkreise gab Thanet South das Ergebnis erst am späten Freitagvormittag bekannt: Für Farage stimmten 32,4 Prozent der Wähler, für den konservativen Kandidaten Craig Mackinlay aber 38,1 Prozent.

          Farage hatte bereits vor der Wahl angekündigt, im Fall einer Niederlage zurückzutreten. Und genau das tat er am Freitag. Er wolle sein Wort halten, sagte der Politiker – um gleich hinterherzuschieben, er wolle nun einen Sommer lang in sich gehen. Und dann entscheiden, ob er noch einmal für die Parteispitze kandidiere.

          Farage, 51 Jahre alt, ist ein abtrünniger Tory. 1992 verließ er die konservative Partei, der er seit seiner Schulzeit die Treue hielt, weil die Regierung unter John Major den EU-Vertrag von Maastricht unterzeichnete. Obwohl ein EU-Gegner, kandidierte Farage sieben Jahre später bei der Europawahl. Seitdem ist er Mitglied des Europäischen Parlaments, wo er gelegentlich mit provokativen Äußerungen von sich reden macht. Im März 2010 musste er wegen einer Pöbelei eine Geldbuße von 3000 Euro zahlen.

          Unterhauswahlen Großbritannien 2015Ergebnisse im Detail

          Wahljahr 2015 2010
          Geografie GB Regionen
          Einheit Sitze Prozent

          Ergebnisse 2015 Ergebnisse 2010

          • Labour
          • SNP
          • Lib Dem
          • DUP
          • Green
          • Sonstige
          • UKIP
          • Conservative
          326 Sitze zur Mehrheit
          Gewinne/Verluste beziehen sich auf die Ergebnisse der Unterhauswahl 2010.

          England 533 von 650 Sitzen

          33%
          7%
          6%
          0,5%
          15%
          39%
          24.–26.04.2015, Quelle: ICM/The Guardian

          Schottland 59 von 650 Sitzen

          25%
          49%
          5%
          3%
          17%
          16.–20.04.2015, Quelle: YouGov/The Times

          Wales 40 von 650 Sitzen

          40%
          6%
          PC 12%
          4%
          < 0,5%
          13%
          26%
          13.–15.04.2015, Quelle: YouGov/ITV Wales, Cardiff University

          Nordirland 18 von 650 Sitzen

          DUP 26%
          SF 24%
          SDLP 15%
          UUP 12%
          Alliance 6%
          Sonstige 17%
          11.–24.09.2014, Quelle: LucidTalk/Belfast Telegraph

          Ergebnisse der Wahlkreise 2015
           
          Ergebnisse der Wahlkreise 2010
           

          Quelle: Press Association
          Ergebnisse im Detail

          Als Vorsitzender der Ukip war Farage schon einmal zurückgetreten. 2009 überließ er das Amt Malcolm Pearson, weil er sich auf seine Kandidatur bei der Unterhauswahl konzentrieren wollte. Allerdings trat Pearson seinerseits nach einem Jahr zurück, und Farage, der die Wahl verloren hatte, kehrte ins Amt zurück. Womöglich wird sein Rücktritt auch dieses Mal wieder nur ein Abschied auf Zeit.

          Im neuen britischen Parlament wird die Ukip formal keine große Rolle spielen – ganz anders als man sich erhofft hatte. Vermessen scheint in der Rückbetrachtung Farages Angebot vom März, eine Regierung unter David Cameron unter Bedingungen tolerieren zu wollen. Damals hatte man noch gedacht, die Unterhauswahl würde so knapp ausgehen, dass es tatsächlich einer Splitterpartei bedürfen könnte, um einem konservativen Premierminister zur Macht zu verhelfen. Seit Camerons starkem Wahlsieg heute ist das alles kalter Kaffee.

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