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Veröffentlicht: 09.06.2017, 16:35 Uhr

Wahl in Großbritannien „Die Brexit-Verhandlungen sind viel schwieriger geworden“

Nach ihrer Wahlschlappe ist unklar, wie Theresa May den Brexit verhandeln will, sagt der britische Politologe Colin Talbot. Im Gespräch erklärt er, warum harte Zeiten auf die Briten und die EU zukommen.

von
© EPA/REX/Shutterstock Auf sie kommen schwierige Zeiten zu: Theresa May

Herr Talbot, Theresa May hat mit ihrer Neuwahl-Entscheidung ein Eigentor geschossen – haben Sie mit diesem Wahlausgang gerechnet?

Oliver Georgi Folgen:

Nein, überhaupt nicht. Es gab zwar einige unabhängige Umfragen, die vermuten ließen, dass so etwas passieren könnte, aber die haben die meisten nicht ernst genommen, weil die renommierten Institute eine große Mehrheit für die Konservativen vorhergesagt haben. Deshalb haben nur sehr wenige Experten geglaubt, dass Theresa May wirklich so schlecht abschneiden würde.

Was sind die Gründe für das schlechte Ergebnis der Konservativen? Als May im April Neuwahlen ausrief, hatte sie in den Umfragen noch eine breite Mehrheit hinter sich. 

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Der Hauptgrund ist sicher Mays Entscheidung, Neuwahlen auszurufen, sie wurde weithin als völlig unnötig und opportunistisch angesehen. May hat ihren Schritt im April damit begründet, dass sie die massive Kritik der Opposition an ihrem Brexit-Kurs beenden wollte – aber das war offenkundig nur vorgeschoben. Denn Labour hatte gemeinsam mit den Tories für den Brexit und die Anwendung des Artikels 50 gestimmt – den Richtungskampf, von dem May gesprochen hat, gab es überhaupt nicht. Ihre Erklärung, dass sie eine Neuwahl brauche, um sich genügend Rückhalt für ihre Brexit-Politik zu holen, war schlichtweg absurd. Bei der Wahl hat May jetzt die Quittung dafür bekommen.

46889614 © privat Vergrößern Colin Talbot ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität Manchester.

Hat May nur wegen ihrer Neuwahl-Entscheidung so schlecht abgeschnitten?

Nein, sicher nicht, aber das Wahlergebnis ist so kompliziert, dass es schwierig ist, eindeutige Gründe zu benennen. Die Tories haben in Schottland zum Beispiel Sitze der Schottischen Nationalpartei (SNP) gewonnen – gegen die Liberaldemokraten und die schottischen Nationalisten, dafür aber in England viele Sitze an die Liberaldemokraten und Labour verloren. Das zeigt, wie spezifisch das Wahlergebnis je nach Region ist – und wie vielfältig die Gründe für das Scheitern von May und den Tories sind.  

Offenbar haben aber vor allem die jungen Wähler dafür gesorgt, dass Mays Konservative so schlecht abgeschnitten haben. Woran liegt das?

Es stimmt, bei den 18-25 Jahre alten Wählern ist die Wahlbeteiligung bei dieser Wahl auf 72 Prozent gestiegen, bei der letzten Wahl waren es nur rund 40 Prozent. Das liegt sicher auch an Jeremy Corbyn, der viele junge Wähler mobilisiert hat, vor allem aber am Brexit. Die jungen Wähler sind nach dem Brexit-Referendum aufgewacht und dieses Mal zur Wahl gegangen – und viele haben gegen die Tories gestimmt.

© AFP, reuters Nach dem Wahl-Desaster: Brexit-Verhandlungen dürften schwieriger werden

Wie erklären Sie es sich, dass die SNP in Schottland so schlecht abgeschnitten und sogar viele Sitze an die Tories verloren hat, obwohl die Schotten noch beim Brexit-Referendum mehrheitlich gegen einen EU-Austritt gestimmt haben?

Man darf nicht vergessen, dass es in Schottland derzeit zwei verschiedene Debatten gibt. Die eine lautet, ob Schottland Teil des Vereinigten Königreichs bleiben soll und die andere, ob das Vereinigte Königreich die EU verlassen soll. Es gibt viele Schotten, die möchten, dass Schottland im Vereinigten Königreich bleibt und gegen ein neues Unabhängigkeitsreferendum sind, das Nicola Sturgeon so stark vorantreibt. Ein zweites Referendum ist bei vielen sehr unpopulär, nicht nur bei Brexit-Befürwortern, sondern auch bei vielen Brexit-Gegnern. Dafür hat Nicola Sturgeon jetzt die Quittung bekommen, viele Schotten wollten der SNP um jeden Preis einen Denkzettel verpassen. Und sie haben eher die Konservativen als Labour gewählt, weil die Tories den Zwiespalt zwischen Unabhängigkeit und Brexit den Schotten besser vermittelt haben.

Wird es nach dieser Wahl noch ein neues Unabhängigkeitsreferendum der Schotten geben?

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