http://www.faz.net/-gpf-8xbzj

Le Pen verliert ihren Schrecken

© EPA

Le Pen verliert ihren Schrecken

Von TIMO STEPPAT

8. Mai 2017 · Die Franzosen sind nach der Wahl Macrons wenig euphorisch. Sie haben aber schon eine Präferenz, mit wem der Präsident regieren soll. Die große Aufgabe ist es, die überzeugten Le Pen-Anhänger für die Mitte zurückzugewinnen. Alle Zahlen und Daten zur Wahl in Frankreich.

Der Front National hat seinen Schrecken verloren. Das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis dieser Wahl. 2002, als der Vater der Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen antrat, stimmten die Franzosen mit überwältigender Mehrheit für den konservativen Jacque Chirac, 82 Prozent erreichte er. Bloß nicht Le Pen, bloß nicht Front National! Die Wahlbeteiligung lag bei knapp 80 Prozent. Beides hat sich verändert: In Frankreich sind am Sonntag so viele Menschen zuhause geblieben wie zuletzt bei der Wahl 1969, fast ein Drittel. Und das Ergebnis des linksliberalen Kandidaten Emmanuel Macron ist mit 66 Prozent zwar eindeutig, aber hinter ihm können sich weniger Menschen versammeln als noch hinter Chirac.


Damals ging es für weite Teile der Wählerschaft ebenso wenig darum, aus Überzeugung zu stimmen – es ging darum, den Kandidaten des Front National zu verhindern. Diese Entschlossenheit zeigt sich in der Anhängerschaft der unterlegenen Kandidaten des ersten Wahlgangs nur zum Teil. 41 Prozent der Fillon-Wähler gab laut dem Institut Ipsos an, keinen der Kandidaten zu wählen. Unter den Anhängern des Linkspopulisten Mélenchon war der Anteil noch höher. Mélenchon war es, der keine Wahlempfehlung für Macron abgeben wollte. In linken Kreisen lamentierte man darüber, dass die Wahl zwischen einem ehemaligen Investmentbanker und einer Rechtsextremistin unmöglich sei. Jeder zweite Mélanchon-Anhänger hat am Ende für sich die Entscheidung getroffen, lieber gar nicht zu wählen. Es ist ein Rückgang der Kompromissfähigkeit, sich auf das kleinere Übel zu einigen – unter Linken und unter Konservativen.

Möglicherweise waren auch die Umfragen über das Rennen zwischen Le Pen und Macron allzu eindeutig. Manche sind womöglich lieber in den Urlaub gefahren als zu wählen, die Abstimmung fiel auf ein verlängertes Wochenende. Besonders deutlich zeigt sich auch hier die Spreizung der Wähler: In der Altersgruppe der Unter-35-Jährigen bleibt ein Drittel zuhause, die Alten dagegen geben am zuverlässigsten ihre Stimme ab,. Wie viel Bewegung in der Meinung der Franzosen ist, zeigt sich auch in dem Wert, wann sie ihre Wahlentscheidung getroffen haben. Während im Jahr 2012 noch 86 Prozent gleich nach dem ersten Wahlgang wussten, was sie auch im zweiten wählen würden, waren es diesmal laut Ipsos nur 75 Prozent. Ein Viertel hat sich erst in den zurückliegenden zwei Wochen entschieden. Für viele war das letzte Fernseh-Duell, das Macron deutlich gewann, dabei entscheidend. Knapp ein Zehntel der Franzosen entschied aufgrund dessen.

Marine Le Pen Das Ergebnis zeigt auch, dass Marine Le Pen gelungen ist, große Teile der Bevölkerung für sich einzunehmen. Ihre Wähler stammen aus nahezu allen sozialen Gruppen: Es sind Alte (22 Prozent bei den über 70-Jährigen), Mittelalte (in der Gruppe 35-49 Jahre: 43 Prozent).

Sie erreicht sogar fast ein Fünftel der höher gebildeten Franzosen. Stark ist Le Pen allerdings vor allem unter geringer Gebildeten, 45 Prozent dieser Gruppe stimmten für sie. Ein Kopf-an-Kopf-Rennen liefert sich Le Pen laut Ipsos nur in zwei Gruppen mit Macron: Bei den Arbeitern (46 Prozent) und bei den Arbeitslosen, unter denen sie mit 56 Prozent sogar vorn liegt. Le Pen wird von denen gewählt, die wirtschaftlich schlecht dastehen. Dieser Effekt zeigte sich im ersten Wahlgang, nun ist er sogar noch leicht verstärkt worden. Bei denjenigen, die ein geringeres Haushaltseinkommen als 1250 Euro haben, erreicht Le Pen 45 Prozent. Fast zwei Drittel derer, die sagen, sie kommen nur „sehr schwer“ mit ihrem Geld aus, stimmen für Le Pen (69 Prozent).


Emmanuel Macron Das genaue Gegenteil zeigt sich in der Wählerschaft von Emmanuel Macron: 79 Prozent der Menschen, die „leicht“ mit ihrem Geld auskommen, stimmten für ihn. Bei hoch Gebildeten (81 Prozent), Managern (82 Prozent), Rentnern (74 Prozent) und Reicheren (72 Prozent) erreicht er Höchstwerte.


Wahlbeteiligung Die Tendenz, dass Stadt und Land in Frankreich politisch auseinander klaffen, zeigt sich auch bei dieser Wahl. Le Pen ist da besonders stark, wo sie es auch schon im ersten Wahlgang war. Sie führt den ländlichen Raum an. Das ist in erster Linie der Nordosten des Landes. Macron wird in Städten mit mehr als 100.000 Einwohnern gewählt, besonders hoch ist seine Zustimmung in Metropolen wie Paris oder Marseille.

Noch etwas unterscheidet Macron und Le Pen: Die deutliche Mehrheit der Le Pen-Wähler stimmte aus Überzeugung für sie. Das Gegenteil ist bei Macron der Fall, der sein Ergebnis allerdings auch um das zweieinhalb Fache erhöhen konnte. 43 Prozent gaben ihm vor allem ihre Stimme, um Le Pen zu verhindern. Für ein Drittel war eine „Erneuerung der Politik“ als Hauptgrund entscheidend. Blickt man auf die Themen, die laut Harris Interactive wahlentscheidend waren, scheinen sie genau entgegengesetzt zu verlaufen: Für Macrons Anhänger sind Europa und Arbeit wichtig, für Le Pens Leute ist das eher nebensächlich. Ihnen geht es um den Kampf gegen Terrorismus (63 Prozent) und das Themenfeld der Immigration (73 Prozent) – unter Macron-Wählern ist beides eher nachrangig.


Die Le Pen-Wähler, die in der Tendenz auf dem Land stärker vertreten sind, weniger gebildet, finanziell schlechter ausgestattet und besorgt, was die Bedrohung Terrorismus betrifft - scheinen weit weg vom Prototyp des Macron-Anhängers - großstädtisch, gebildet, gut verdienend und in Sorge um Europa. Es ist auch Abschottung und Rückzug ins Nationale gegen Weltoffenheit, bei der sich Frankreich für Weltoffenheit entschieden hat.

Wie geht es weiter? Emmanuel Macron wird schon bald überlegen müssen, mit wem er das Land regieren will. Auf seine noch junge Bewegung „En Marche“ kann er sich dabei nicht allein verlassen. Macrons Wähler verstehen sich in der Mehrheit als „weder links noch rechts“ - er selbst hat bereits angekündigt, dass er mit linken und konservativen Abgeordneten zusammenarbeiten will. Was genau das bedeutet, hat er offen gelassen. Zumindest die Sozialisten, für die Macron schon Wirtschaftsminister war, stehen womöglich vor einer herben Schlappe bei der bevorstehenden Parlamentswahl im Juni.

Macron wird in diesem Zusammenhang auch die Frage beantworten müssen, wen er zum Premierminister machen will. Bislang drängt sich kein Kandidat auf. 14 Prozent der Franzosen können sich laut einer Umfrage von Harris Interactive am ehesten den linksliberalen Francois Bayrou in dieser Funktion vorstellen; 46 Prozent dagegen geben an, keinen der Namen zu unterstützen, die bislang zur Debatte stehen.

Die Stimmung der Franzosen ist unterdessen durchwachsen. Das Gefühl eines Aufbruchs, den Macron bei vielen seiner „En Marche“-Anhängern auslöst, kann er nicht auf die französische Gesellschaft übertragen. 13 Prozent geben laut Harris Interactive an, enthusiastisch zu sein, 26 vertrauen auf die Entwicklung, dagegen sind 32 Prozent besorgt. Im Jahr 2012, als Francois Hollande mit großer Wucht ins Amt des Präsidenten geschleudert wurde, lag der Anteil der Besorgten sogar mit 42 Prozent noch höher.

Für die Parlamentswahlen am 11. Juni dürften die Werte des Front National eine entscheidende Rolle spielen. Für die Präsidentschaft hat es nicht gereicht, aber der Anhängerstamm hat sich seit der letzten Wahl 2012 deutlich vergrößert. Es gibt noch mehr regionale Hochburgen, was aufgrund des Mehrheitswahlrecht entscheidend sein dürfte. Zumindest das Ergebnis der letzten Wahl, rund 13 Prozent, dürfte der FN deutlich ausbauen können.

Auch wenn Marine Le Pen diesmal verloren hat, konnte sie ihren Anhängerstamm doch erweitern. 33 Prozent der Franzosen wählen eine Rechtsextremistin – im Vergleich zu ihrem Vater, den Le Pen aus der Partei gedrängt hat, konnte sie das Ergebnis verdoppeln. Vor allem ist sie aber noch ein Stück mehr zur Normalität der französischen Politik geworden. Und hat den Schrecken verloren.

Inhalte werden geladen.

Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 08.05.2017 15:12 Uhr